Wolfgang Beltracchi: Und dann malt er das Paradies

Wer glaubt, bei Wolfgang Beltracchi primär auf einen «Fälscher» zu treffen, sitzt einem simplistischen Narrativ auf: Im Atelier-Gespräch mit m&k offenbart sich ein Künstler, dem Schönheit und Freiheit alles bedeuten. Und der zunehmend daran denkt, was «jenseits» liegt.

Der deutsche Maler und ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, geboren Fischer. Er fälschte über viele Jahre hinweg mehrere hundert Bilder, die er verkaufte. 2011 verbrachte er deswegen mehrere Jahre im Gefängnis. Am diesjährigen Direct Day der Post ist er als Speaker zu Gast. (Illustration: Silvan Borer)

m&k: Wolfgang Beltracchi, während wir hier in Luzern miteinander reden, Herr Beltracchi, wird hundert Kilometer entfernt gerade die «Art Basel» abgebaut …

Wolfgang Beltracchi Ah, okay.

 

Aus Ihrer Reaktion schliesse ich, dass Sie sich die Messe nicht angeschaut haben?

Nein. Erstens habe ich keine Zeit. Zweitens tue ich mir das nicht an.

 

Spätestens seit Ihrer Performance 2016 auf dem Messeplatz sind Sie dort auch nicht mehr so gerne gesehen, könnte ich mir vorstellen?

Wir hatten damals im Hotel gegenüber Räumlichkeiten gemietet und haben dort meine eigenen Bilder gezeigt. Nur drei, vier Tage, bis zum Beginn der Messe – dann waren wir ausverkauft und haben schon wieder abgebaut. Aber zur VIP-Eröffnung der Art Basel haben wir uns mit acht Leuten auf den Messeplatz gestellt, alle hatten T-Shirts mit der Aufschrift «I Am Not The Real Beltracchi» an. Wir haben uns nicht bewegt, keinen angesprochen. Beschimpft wurden wir trotzdem – der Chef des deutschen Galeristen-Verbands kam sogar persönlich zu mir, um mir einige sehr wüste Dinge an den Kopf zu knallen. Das war ganz lustig (lacht).

 

Der Ärger des Galeristen galt vermutlich nicht nur Ihrer Performance – sondern auch Ihrer vergangenen Tätigkeit?

Ja, genau. Und der Tatsache, dass ich überhaupt existiere. Das reicht «denen» ja schon. Dann haben die natürlich auch gesehen, dass meine eigenen Bilder bereits alle verkauft waren. Und das hat sie auch gewurmt. Wir haben die Performance übrigens gefilmt, mit einer französischen Crew, und Fotos gemacht. Die Fotos gingen um die Welt. Samstags in der Le Monde stand ein Bericht über die Art Basel, eine Doppelseite, so (macht eine ausladende Bewegung mit den Händen) ein grosses Foto von Beltracchi, und so (bewegt die Hände erneut) ein Bericht über mich. Am Rande wurde erwähnt, dass gerade auch die Art Basel stattfindet und ein paar Künstler da sind (lacht). Über die wurde aber kein weiteres Wort verloren.

 

Es scheint, als hätten Sie das Talent, Partys zu sprengen.

Die ganzen grossen Fernsehsender sprechen mich jedes Mal an vor der Art Basel, oder der Art Cologne – und wollen mit mir über die Messe gehen; mit mir ein Interview machen, während ich über die Messe spaziere. Ich mache das nicht. Denn das kann ganz böse enden. Ich kann mir nur vorstellen, dass das richtig böse enden kann.

 

Sind Kunstmessen für Sie ein «Reiz-voller» Ort, weil sie die Natur des Marktes exemplarisch machen? Oder, weil Sie mit den dort gezeigten Werken wenig anfangen mögen?

Ich habe mal vor so einem Stand einer grossen Galerie zu meiner Frau gesagt: «Guck Dir erstmal an, was hier gezeigt wird. Eigentlich könnte man jetzt einen Container holen, den ganzen Schrott da rein schmeissen, das würde gar nicht auffallen. Oder?» Und dann stand die Galeristin hinter uns und hat das mitgekriegt. Die kannte uns auch noch (lacht laut). Ich weiss auch von einer Mitarbeiterin einer Galerie dort, dass sie nur einen Tag vor der Eröffnung einen ihrer Künstler losgeschickt haben, um noch etwas zu «produzieren». Der hat dann zwei Mülltonnen geklaut und an den Stand gepackt. Irgendwer hat die sogar für teures Geld gekauft. Wahre Geschichte.

 

Man kann mit Müll Geld verdienen?

Man kann damit Geld verdienen. Letztlich – was Ihre Bemerkung zu der Messe-Performance angeht – mache ich das nicht nochmal. Ich habe das einmal gemacht, um denen zu zeigen, guckt mal, ich bin noch da. Und ich verdiene mit meiner Kunst viel Geld, ohne Euch. Ich brauche Euch nicht. Euren ganzen Rummel brauche ich nicht. Wissen Sie, ich war ja schon immer so. Ich bin einer der wenigen Künstler, der diesen Kunstmarkt nicht benötigt.

 

Trifft man auf Kunstmessen denn überhaupt noch wahre Sammlerinnen und Sammler, wahre Leidenschaft, oder ist das alles bloss Business?

So was gibt es natürlich auch. Sammler, die wirklich leidenschaftlich an ihren Objekten hängen. Und ich habe ja jetzt auch nicht gesagt, dass alles Schrott ist, was auf Messen steht. Das ist ganz sicher nicht so. Ich habe ein paar Sammler, die sind richtig süchtig. Ich habe das schon gemacht, dass ich zu einem gesagt habe: «Nein». Der hat mehrere Bilder gekauft und wollte dann noch ein weiteres kaufen und dann sagte ich: «Nein. Jetzt ist gut. Überleg es Dir zwei Wochen lang, dann reden wir nochmal.»

 

Diese Leidenschaft ist Ihnen allerdings lieber als der Pseudo-Intellektualismus, den Sie weiten Teilen der Kunstbranche attestieren?!

Das ist sowieso das Schlimmste. Pseudo-Intellektualismus und Bildungshochmut gehen da Hand in Hand.

 

Nicht das Herz entscheidet, was gefällt – sondern der Kopf, was gefallen soll: Wieso lassen sich viele Rezipienten diese Lesart von Kunst aufzwingen?

Ich weiss es auch nicht. Die Schweizer sind da vielleicht ein bisschen anders. Die Deutschen sind aber sowieso nicht nur obrigkeitshörig, sondern auch bildungshörig. Das ist für die das höchste Gut: Bildung. Und wenn jemand einen akademischen Abschluss hat, früher war das zumindest immer so, dann hörte man dem zu. Der hatte sowieso Recht. Und das steckt irgendwo immer noch drin in den Leuten. Und je komplizierter und unverständlicher das Geschwätz ist, desto mehr glaubt man es. Das können die meisten Menschen sich nämlich gar nicht vorstellen, dass vermeintlich kluge Leute so dummschwätzen können, dass man nichts mehr versteht. Und das ist es, was in der Kunstbranche so bizarr auf die Spitze getrieben wird.

 

Sie verbringen also lieber Zeit mit Menschen, die mit der Branche nichts zu tun haben?

Ich geniesse es jedenfalls, auf Leute zu treffen, die eben nicht so sind wie oben beschrieben. Das können auch mal Leute sein, die trotzdem richtig viel Ahnung haben. Ich hatte hier einen, der hat viele Bücher über die Renaissance geschrieben – Professor Bernd Roeck aus Zürich. Der Mann hat richtig Ahnung, nicht nur von Geschichte. Und dann macht das Spass. Das ist in etwa so, als wenn man mit dem Philosophen Sloterdijk spricht und der sagt: «Naja, wir können schon diskutieren, aber da fehlen Ihnen eigentlich noch dreitausend Bücher, um sich mit mir zu unterhalten.» (lacht) Das ist richtiger Intellekt, da ist was dahinter. Das stimmt einfach. Aber dieses Geschwätz, das viele Angehörige des Kunstbetriebs von sich geben, dieses Dummgeschwätz über Kunst, die gar keine ist – ich finde das einfach nur lächerlich. Und es dient immer nur dem Verkauf und dem Business.

 

Helfen Online-Verkaufsplattformen und neue Arten der Kommunikation mittlerweile dabei, die Kunstwelt zu demokratisieren?

Ganz falsch ist die Vermutung nicht. Das habe ich in den vergangenen Jahren manchmal schon gesagt, weil ich der Meinung bin, wir sind in einem Evolutionsprozess, was die Kunst angeht – und zwar in einem sehr schnellen. In den vergangenen zwanzig, dreissig Jahren ist folgendes passiert: Durch die Digitalisierung und das ganze Computerzeug, von dem ich eigentlich nichts verstehe (lacht)… haben immer mehr Leute begonnen, sich mit Kunst zu beschäftigen. Kunst zu studieren. Im Studium lernen sie aber nicht mehr das Zeichnen, die Professoren können das ja auch längst nicht mehr – sie lernen kein Handwerk. Was aber nicht schlimm ist, denn das wird ja peu à peu von den Computern übernommen. Und in zehn Jahren machen die Computer vielleicht auch die bessere Kunst. Die schöneren Bilder. Noch sind die nicht so weit.

 

Da schlagen aber zwei Herzen in Ihrer Brust – einerseits beklagen Sie den Verlust des künstlerischen Handwerks. Andererseits sagen Sie, Computer-Kunst sei auf dem Vormarsch – und klingen dabei ganz versöhnlich?!

Ja, da haben Sie natürlich Recht. Aber ich bin ein lebender Anachronismus. Ich bin jetzt alt, komme langsam an das Ende meines Lebens. Und ich beherrsche mein Handwerk. Aber es gibt kaum noch Leute, die das können, was ich kann. Schade? Ja, das ist schade. Gleichzeitig ist es eine Tatsache. Die jungen Leute heutzutage benutzen Technologie, benutzen Computer, um sich die Arbeit an Kunstwerken nicht nur zu vereinfachen – sie kreieren damit. Ihr Verständnis von Kreativität ist ein anderes als jenes, das ich habe. Alles hat seine Zeit, nicht wahr?

 

Welcher Quelle entspringt Ihre Kreativität?

In erster Linie dem Wissen. Um die Kunst der Vergangenheit. Und Literatur, Musik, alles was dazu gehört. Wir haben vielleicht fünftausend Bücher hier stehen, oder noch mehr, alle über Kunst. Wir sammeln die. Wir kaufen praktisch jede Woche Bücher. Weil das für uns wichtig ist. Das findest du nicht im Netz. Man muss das gucken, man muss suchen, schauen. Für jedes neue Projekt ist das wichtig. Das Wissen, das man ansammelt. Womit man sich beschäftigt, woraus man immer wieder lernt. Das ist ein guter Grundstein. Dazu kommt das Vermögen – das Können. Das Vermögen, diese Kunst zu machen, muss man sich erarbeiten. Ich habe dafür mindestens zehn Jahre gebraucht.

 

Ihr «absolutes Auge», oder wie Sie es nennen, Ihren «genetischen Defekt», hatten Sie aber schon vorher?

Das hatte ich schon immer. Wobei ich mit dem Begriff des «absoluten Auges» vorsichtig wäre. Es gab da diesen amerikanischen Galeristen, Richard L. Feigen. Und der hat um die Jahrtausendwende herum ein Buch über die Kunstbranche geschrieben. Darin hat er behauptet, dass er ein absolutes Auge habe. Er sehe sofort, ob etwas gefälscht sei oder nicht. Was soll ich Ihnen sagen … er hatte mehrere Bilder von uns. Das hat sich also erledigt mit dem absoluten Auge (lacht).

 

Sie werden heute auch manchmal um Ihre Expertise gebeten, wenn Museen oder Sammler Fälschungen vermuten, richtig?

Ich habe hier ein Foto geschickt bekommen, ob ich das Bild von Carlo Mense, einem deutschen Expressionisten, gemalt hätte. Da brauch’ ich nur einmal drauf zu gucken. Dann weiss ich: Das ist kein Carlo Mense. Denn so gut wie das Bild aussieht, konnte Carlo Mense gar nicht malen.

 

Aber es ist auch kein Beltracchi.

Es ist auch kein Beltracchi. Ich habe zwar mal einen Mense gemalt. Aber das hier (hält eine Fotografie ins Licht) ist ein Bild, das er nicht gemalt hat. Das sehe ich sofort. Immerhin denken die, die mir das geschickt haben, ich könnte so ein tolles Bild malen. Das ist ja schon mal nett.

 

Sie sagen, Sie können sich in Bilder hineinversetzen – eins mit ihnen und damit auch mit der Handschrift der anderen Künstler werden. Ist das ein erhebendes Gefühl, oder kostet Sie das vor allem Kraft?

Diese Art zu Sehen, die hatte ich schon als Kind, ohne es sofort zu bemerken. Ich bin an einem Waldrand aufgewachsen, habe mit sechs Jahren das erste Mal mitbekommen, dass es Autos gibt. Ich war also sehr geprägt durch diese Umgebung. Es war ruhig, ich habe nicht viel erlebt, nichts hat mich gestört. Und dann sind wir weggezogen, ins Rheinland, und ich war diesem ganzen… Leben ausgesetzt. Damals habe ich sofort mit dem Schlafwandeln angefangen. Jede Nacht. Ich konnte das nicht verarbeiten, diese ganzen äusserlichen Eindrücke. Weil ich eben so ein extremes Aufnahmevermögen habe. Und ich habe Jahre gebraucht als Kind, das so runterzufahren, dass ich nicht immer so gucke. Heute sagt meine Frau zu mir: «Du siehst wieder nichts!», ich stolpere ständig über Sachen. Ich renne irgendwo dagegen. Warum? Weil ich nicht «richtig» hingucke. In dem Moment, wo ich anfange, richtig zu gucken, strengt mich das furchtbar an. Und dann überflutet mich das und es wird mir fast zu viel. Ich kann auch nicht in ein Museum gehen, mir alle Bilder auf einmal anschauen. Ich gehe da hin und gucke mir eines an. Oder zwei.

 

Das klingt wirklich anstrengend – hat aber auch zu Ihrer ersten «Karriere» geführt.

Was ich dadurch eben kann, ist: Ich kann die Handschriften in einem Bild erkennen. Wenn ich ein Bild anschaue, dann weiss ich, wie der oder die das gemacht hat. Wie hat er sich bewegt? Das sage ich ja immer: Malen entsteht aus Bewegung und Zeit. Wenn ich jetzt so (deutet mit der Hand nach links) mache, habe ich einen ganz anderen Strich und Duktus, als wenn ich so (deutet mit der Hand nach rechts) mache. Oder ich mache es mit dem anderen Arm, dann ist es wieder anders. All das wird zu einer Handschrift. Wie wenn Sie einen Brief schreiben. Bewegung, Zeit, Material – und so entsteht ein Bild. Und wenn ich davor stehe, dann sehe ich das. Dann kann ich das assimilieren. Ich nehme das auf. Ich brauche da nicht einmal bewusst hinschauen, ich schaue es nur an. Und dann kann ich diesen Maler malen. Egal welches Bild.

 

Medien suchen immer gern nach einfachen Narrativen. Sie hat man als «Meisterfälscher» gebrandet – aber die Arbeit, die Sie leisten, scheint mir das Fälschen bei Weitem zu transzendieren. Ein bisschen wie bei Mozart, der damals ein absolutes Gehör hatte, aber sich allen sozialen Konventionen zu entziehen wusste …

Musiker sprechen mich tatsächlich häufig an. Ich werde auch oft von Musikern eingeladen, oder die schreiben mir. Es gibt ganz viele Musiker, die Stücke für mich geschrieben haben. Von Rap bis Kammermusik, alles. Denn die ziehen diese Vergleiche.

 

Hat Kunst einen Sinn?

Auf jeden Fall. Das wäre ja schlimm, wenn das nicht so wäre. Dann sässe ich jetzt hier nach siebzig Jahren und müsste sagen, mein Leben hatte keinen Sinn, zumindest in der Hinsicht. Ich habe mich ja nun hauptsächlich mit Kunst beschäftigt. Diese Frage hat mir ausserdem schon einmal ein Journalist gestellt, leicht abgewandelt. Der wollte wissen: «Was ist wahre Kunst?». Ich habe gesagt, «wahre» Kunst ist jene Kunst, die Leben rettet. Die das Leben schön macht. Oder die einfach Freude macht. Mir schreibt seit einigen Jahren ein Mann, der komplett paralysiert ist – er kann nur noch seinen Mund bewegen. Er meinte, er wollte nicht mehr leben, aber dann hat er meine Serie gesehen (Der Meisterfälscher, 3 Sat 2017, Anmerkung der Redaktion) und meinte dann, das könnte ich doch machen. Das kann ich doch noch mit dem Mund. Und dann haben er und seine Familie angefangen, das auszuprobieren. Das habe ich damals dem Journalisten gesagt. Ich habe so ein Bild rausgesucht, nicht gesagt was mit dem Mann ist, ich habe ihm das Bild gezeigt und gesagt, das ist «wahre» Kunst, weil das Leben rettet. Oh, das hat er nicht verstanden. Wollte er auch nicht.

 

Er wollte ein universelles Werturteil oder eine Art von Kriterienkatalog.

Das gibt es doch sowieso nicht. Und das ist auch der Punkt. Es gab einmal eine schöne Dokumentation über den «Wert der Kunst». Ich sage Ihnen offen: Es gibt keinen Wert der Kunst, es gibt nur einen Preis der Kunst. Den Preis kennt man, der Maler kostet so und so viel. Das ist der Preis. Das hat mit einem Wert aber überhaupt nichts zu tun. Nehmen wir den Salvator Mundi, den Preis kennen wir jetzt, 450 Millionen US-Dollar. Was ist denn der finanzielle, reale Wert dieses Bildes? Wenn Sie mich fragen: so um die 10’000 US-Dollar.  Künstlerisch ist es sowieso nichts wert, weil es Schrott ist (lacht). Aber es hat 450 Millionen Dollar gekostet. Das ist der Preis, aber es ist nicht der Wert. Und so ist es mit vielen Dingen.

 

Der Markt agiert also losgelöst von dem tatsächlichen Gehalt der Kunst?

Viele Menschen kaufen Kunst, weil sie das als Wertanlage sehen, und zahlen einen überhöhten Preis. Man muss eins wissen: In diesem Geschäft gibt es immer auch Leute, die vor allen Dingen etwas verkaufen wollen. Wie überall. Die wollen diese Kunst teuer verkaufen. Und zwar so teuer wie möglich, um möglichst viel zu verdienen. Simples Geschäft. Voilà. Bei praktisch allem, was man am Markt an grossen Ereignissen sieht, handelt es sich um nicht gesteuerte Ausreisser. Das muss man mit sehr viel Vorsicht geniessen.

 

Sie sprachen Schönheit in der Kunst an, schon mehrmals. Kann darstellende Kunst, können Bilder schöne Momente «festhalten» – gar verewigen?

Ja, auf jeden Fall. Dass Sie das jetzt ansprechen, finde ich toll. Das ist nämlich eine Sache, mit der ich mich sehr beschäftige – die «Macht der Bilder». So nenne ich das jetzt einfach mal. Bilder haben eine extreme Macht. Wenn man sie richtig lesen kann und wenn man «hineinsteigen» kann … ich habe das mit zehn Jahren erlebt, dass ich ein Altmeister- Gemälde in Den Haag gesehen habe. Mein erster Museumsbesuch. Das war eine Winterlandschaft mit vielen Menschen drauf, von Haverkamp. Und ich habe das Feuer gerochen und die Kinder gehört und diese Schlittschuhe. Das war wie ein Film für mich. Mir wurde sogar kalt. Und dann bin ich mit meinen Tanten wieder raus und habe gedacht: «Deshalb gehen die Leute ins Museum, das ist ja irre!» Ich habe da gar nicht drüber gesprochen, weil ich dachte, das sei normal. Und das sind Momente, die die Kunst für immer festhält. Und da habe ich vorhin noch mit einem guten Freund drüber gesprochen, genau darüber. Das wir immer wieder in unserem Leben Momente haben, die wir in dem Moment vielleicht gar nicht so realisieren. Die aber extrem schön sind, extrem wichtig sind. Nicht wichtig im Sinne von für Geld oder so etwas. Nein. Wichtig, weil die sich bei uns festsetzen und einprägen. Und wenn man fünfzig Jahre älter ist, denkt man immer noch an diesen Moment. Oder an dieses Bild. Ich habe in meinem Kopf tausende von Bildern. Abertausende. Ich weiss nicht, wie viele Bilder ich in meinem Kopf gespeichert habe. Und die ich auch alle abrufen kann. Und dann gibt es so einzelne, wo ich mal hingehe. Auch in meinen Träumen. Das ist auch noch so ein Defekt, den ich habe. Ich kann bewusst träumen. Ich träume mich nachts wohin. Sagen wir mal, ich gehe dann in so ein Bild und bin da. Das ist für mich wie Kino. Ich kann das auch lenken. Und deshalb bin ich morgens dann manchmal auch sehr müde (lacht).

 

Luzide Träume, glaube ich, nennen das die Fachleute.

Das mache ich sehr häufig. Und das war für mich schon als Kind und auch später absolut normal. Ich wusste gar nicht, dass andere das nicht können. Aber mir hat das nie gereicht. Diese Macht der Bilder, die ist ganz irre. Wir haben in unserem Kopf so viele Vorstellungen von unterschiedlichen Dingen. Sagen wir mal: das Paradies. Wenn man ein gläubiger Mensch ist und man denkt an das Paradies, dann hat man eine bestimmte Vorstellung. Jeder hat ja irgendwie eine andere. Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten ein Bild, dass das Paradies wirklich darstellt. Und Sie könnten in dieses Bild hinein gehen. Das ist es, wozu Bilder in der Lage sind! Sie können einen in eine andere Zeit bringen, in ein anders Leben. Es ist ganz wahnsinnig.

 

Mir kommt da der Schriftsteller Peter Kurzeck in den Sinn – hier in der Schweiz kennt man ihn eher wenig, auch den grossen Durchbruch in Deutschland hat er nie geschafft – der sehr eindrücklich davon schrieb, wie er sich das Sterben vorstellte: Wie das Betrachten eines Bildes, auf dem ein winziger Wandersmann durch eine Hügellandschaft geht; und auf einmal wird man selbst als Betrachter dieser Wanderer und geht in das Bild hinein, in das Licht…

Das ist eine interessante Vorstellung, die ist auch nicht neu: Die ganzen berühmten Gurus, die es so gab, wissen Sie, wie die alle gestorben sind? Die haben sich hingesetzt und haben gesagt: «Ich gehe jetzt.» Und dann sind sie gegangen. Und zwar irgendwohin, wo sie hingehen wollten. Der Geist hat einfach den Körper verlassen und in dem Moment starb der Körper. In tiefer Hypnose kann man einen ähnlichen Zustand erreichen, hinein in ein Bild, eine andere Zeit. Es wird nur immer schwieriger, je weiter man weg geht, weg aus seiner eigenen Epoche, seinem eigenen Leben. Ich experimentiere mit solchen Zuständen, bei mir haben sie immer, immer mit Bildern zu tun.

Wann stossen die Bilder an ihre Grenzen? Den Kern der Mystik, so sagen zumindest Philosophen wie Karl Jaspers, kann niemand mehr malen, niemand mehr schreiben oder sagen. Den kann man vielleicht erleben, in seltenen Momenten, aber …

…vielleicht erleben, ja. Aber so malen, wie man das malen müsste, kann auch ich es nicht. Und ich habe so viel gemalt in meinem Leben, ich sollte es wissen (lacht). Den Körper verlassen, um in Bilder hineinzugehen – das mache ich trotzdem oft. Für mich ist das «normale» Bewusstsein, der «normale» Zustand, dass wir jetzt hier sitzen, sehr fragwürdig. Dass das wirklich jetzt «ist». Wer sagt mir das? Das muss nicht sein. Es kann sein, es kann auch nicht sein. Man weiss es nicht. Man weiss es ja wirklich nicht. Den Begriff Zeit haben wir geprägt, den haben wir erfunden. Den haben wir gebraucht, um uns selbst einen Rahmen zu schaffen.

 

Aristoteles würde sagen, Sie haben sich ein philosophisches Staunen in Ihrem Blick auf die Welt bewahrt.

Ich bin kein Philosoph…

 

Da würde ich widersprechen.

…aber ich habe viel mit Philosophen zu tun. Ich habe letzten erst einen Podcast gemacht mit Richard David Precht. Markus Gabriel möchte mich hier im Atelier besuchen kommen. Nur: Das geht mir alles nicht weit genug. Dieses Gefühl, mich ausserhalb der Zeit zu bewegen, habe ich immer häufiger. Dem spüre ich jetzt nach, auch jenseits der Worte und Bilder.

 

Fühlen Sie sich heute freier als früher, in Ihrem «alten Leben»?

In gewisser Weise: ja. Nicht wegen des juristischen Prozesses. Nicht, weil ich keine Fälschungen mehr mache, überhaupt nicht. Das hat gar nichts damit zu tun. Ich fühle mich freier, weil ich mich im Kopf freier bewege. Und ich weiss einfach mehr, ich weiss genauer, wo es hingeht.

 

Waren die Handschriften der Künstler, die Sie sich quasi auferlegt haben, nicht auch manchmal eine Bürde für Sie?

Nein. Man muss das ja so sehen, ich habe ja nicht viele Bilder gemalt. Immer mal eins, mal zwei oder drei. Wir haben vor allem gelebt. Ich habe ja ein tolles Leben gehabt. Sehr spannend, ganz wunderbar. Gut, wir haben nachher eine Rechnung gekriegt, aber wenn man jetzt fünfzig Jahre tolles Leben sieht und dann diese Rechnung… da kann man schon mit klarkommen. Jemand, der jeden Tag in die Fabrik arbeiten geht, der kriegt eine andere Rechnung. Ich habe durch diese Geschichte und danach natürlich auch ganz andere Menschen kennengelernt; viele interessante Leute, mit denen ich mich gern unterhalte. Die gern zu mir kommen. Was für ein Glück das ist! Wenn wir reden, sind die dann oft überrascht, wohin es führt – es ist eben nicht nur die Kunst, über die ich heute spreche – aber die Kunst oder die Bilder haben mir irgendwie ein Tor geöffnet, durch das ich jetzt vergnügt hindurchschaue.

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was die Menschen derart an Ihnen fasziniert?

Ich denke, in erster Linie, dass ich so bin, wie ich bin. Dass ich nie etwas erzähle, mache oder vorspiele, dass ich nicht wirklich bin. Und dass ich jeden Menschen gleich behandle. Wirklich jeden. Und ich habe auch keinen falschen «Respekt» davor, ob jemand das, dies oder jenes darstellt. Es interessiert mich nicht. Mich interessiert nur der Mensch und sonst nichts. Und Geld, damit kann mir keiner kommen. Mit solchen Sachen, hier meine Jacht und da mein Flugzeug und so ein Scheiss … mit diesen Dingen hatte ich noch nie etwas am Hut. Ich sage den Leuten immer: «Ich habe auch mal zwei Jahre im Pelzmantel gelebt. War auch eine schöne Zeit.» Das bereue ich nicht, war wirklich nett. Aber heute ist es gut so, wie es ist. Heute verdiene ich zwar wieder viel Geld mit meiner Kunst, es könnte auch ganz anders sein. Das ist es nicht, was mich wirklich interessiert.

 

Sie verweigern sich der Ausbildung einer eigenen, künstlerischen Handschrift. Sie wollen sich in Ihrer eigenen Kunst stets neu erfinden. Kein Interesse an artistischer Unsterblichkeit, Herr Beltracchi?

Nein.

(Beltracchis Frau, die von Beginn an zugehört und stellenweise kommentiert hat, schaltet sich ein)

Helene Beltracchi: Was wir eigentlich zurücklassen wollen, immer wieder, ist die Lust an der Kunst. Den ganz normalen Umgang damit. Und dass diese «Vergöttlichung» endlich mal ein Ende hat.

Wolfgang Beltracchi: Die Leute gehen in meine Ausstellung und fragen dann: «Welches Bild ist denn von Ihnen? Das da? Das ist schön!» Und dann sage ich, ach, das ist ein grosses Lob! Die sind zwar alle von mir, aber dass Sie extra fragen, das ist toll. Denn ich male eigentlich niemals, zweimal die gleichen Bilder. Ich fange immer wieder bei null an. Ich finde es nicht kreativ sich immer wieder zu reproduzieren.

Helene Beltracchi: Wolfgang ist auch nicht genervt von den Leuten. Wenn eine Ausstellung stattfindet, dann stellt er sich da hin; wenn einer eine Frage stellt, dann erklärt er es ihm genau und dann sind da auf einmal fünf, fünfzehn, fünfzig, hundert Leute um ihn herum und er erklärt immer weiter. Und die Leute haben danach einfach das Gefühl, dass sie etwas verstanden haben. Und dass sie Spass hatten an Kunst.

Wolfgang Beltracchi: Weisst Du noch, in München, da waren wir am letzten Tag der Ausstellung von Joaquín Sorolla … ein spanischer Maler, den ich sehr schätze. Und dann habe ich mich mit zwei, drei Leuten dort getroffen, um denen das mal ein bisschen zu erklären. Ich war immer ein Fan von diesem Maler. Und als wir dann da drin waren, habe ich angefangen, etwas zu den Bildern zu sagen. Warum er der «Maler des Lichts» genannt wird und wie er das gemacht hat, dass alles so aussieht. Und dann waren erst mal zehn Leute da, dann zwanzig, dann fünfzig. Dann kam auch mal eine Frage. Und dann sind die alle mitgegangen, immer weiter von Bild zu Bild und haben zugehört. Die haben nichts mehr davon gelesen, was auf den komischen Tafeln stand, nein. Die wollten wirklich wissen: «Warum ist das so? Was unterscheidet dieses Bild von dem Maler von jenem und warum? Wie hat er das gemacht?»

Helene Beltracchi: Kein angelesenes kunsthistorisches Wissen, sondern einfach so.

Wolfgang Beltracchi: Das kann dir sonst ja auch einfach niemand erzählen.

 

Weil Sie es «von innen heraus» zu beschreiben vermögen.

Wolfgang Beltracchi: Ich sehe das, ich weiss das. Und weil ich natürlich auch diese Techniken beherrsche und weiss, wie er das gemacht hat. Das ist natürlich für die Leute spannend. Zu hören, wie hat er das eigentlich gemacht. Wie lange hat er gebraucht, um das oder das zu malen. Kann ich ihnen genau sagen, auf die halbe Stunde genau.

Helene Beltracchi: Und Wolfgang flicht da auch immer die Geschichten der Künstler mit ein. Er vermenschlicht die Künstler. Dann wird von den Rheumabeschwerden erzählt und von diesem und jenem Gebrechen, und die Leute merken, das sind tatsächlich lebende Menschen gewesen, die die Bilder gemalt haben.

Wolfgang Beltracchi: Von Menschen für Menschen gemalt. Und nicht für Kunsthändler.

 

Sie haben vorhin Ihre 3Sat-Sendung erwähnt, in der Sie Prominente porträtiert haben. Wen würden Sie gern einmal persönlich malen, aus der Gegenwart oder der Vergangenheit?

Wolfgang Beltracchi: Jimi Hendrix. Den hätte ich schon gerne mal gemalt. Das hätte mir gefallen.

 

Und gibt es ein Bild, das Sie immer schon malen wollten, es aber bisher noch nicht getan haben?

Wolfgang Beltracchi: Das weiss ich nicht. Naja, wobei: Es gibt ein paar Bilder in meinem Kopf, die ich noch malen will. Die gibt es. Es gibt vor allem ein Bild, das ich noch malen werde: Ich werde eine ganz eigene Vorstellung vom Paradies malen. Die habe ich schon lange im Kopf. Ich meine das gar nicht religiös, wie es in der Bibel steht. Ich meine damit einen Ort, der so wunderschön ist und wo es alles Mögliche gibt, was auch schön und friedlich ist, ein Paradies halt. Das werde ich noch malen. Auf jeden Fall.

Helene Beltracchi: Ich weiß nicht, wie ich mir das vorstellen soll.

Wolfgang Beltracchi: Ich werde Dir das einmal beschreiben. Ich brauche das Bild sowieso, ich muss es malen, weil ich da mal hinwill. Ich möchte in der Lage sein, Menschen hinzubringen. Damit sie dieses schöne Erlebnis haben. Selber werde ich das immer können, aber ich möchte das auch mit anderen machen. Denn das ist etwas, das man nicht mehr vergisst im Leben.

Helene Beltracchi: Ist schon mal jemand aus dem Paradies zurückgekommen?

Wolfgang Beltracchi: Lene, so darf man das nicht sehen. Du gehst da ja nur im Geist hin.  (sieht sie an) Du bist ja hier.


Sie möchten Wolfgang Beltracchi live erleben? Dann melden Sie sich jetzt für den Direct Day der Schweizerischen Post an: Neben vielen anderen spannenden Gästen wird er dort auftreten und mit Rainer Maria Salzgeber über sein bewegtes Leben sprechen.

Wenn Sie mehr von von und zu Helene und Wolfgang Beltracchi erfahren möchten, legen wir Ihnen diese zwei Bücher ans Herz: Den autobiografischen Enthüllungsbericht «Selbstporträt» und «Einschluss mit Engeln», das die Gefängnisbriefe des Ehepaars enthält. Weitere Informationen finden Sie auch auf Wolfgang-beltracchi.com.

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