Grüsse aus dem Homeoffice – Folge 38: Matthias Kiess, TBWA\Zürich

Auch TBWA-Chef Matthias Kiess arbeitet Corona-bedingt in den eigenen vier Wänden. In Folge 38 von «Grüsse aus dem Homeoffice» schildert er zwei Wochen vor der geplanten Rückkehr von seinen Erfahrungen.

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Matthias Kiess ist seit Ende 2004 bei TBWA Switzerland und seit 2012 verantwortlich für die Geschäftsleitung. Zuvor war er in verschiedenen Marketingfunktionen in der Konsumgüter- und Pharmaindustrie tätig.

 

 

Werbewoche.ch: Die Homeoffice-Zeit neigt sich vielerorts dem Ende zu – wann kehren Sie in die Agentur zurück?

Matthias Kiess: Wir werden eine phasenweise Rückkehr ins Office anvisieren, die voraussichtlich am 25. Mai 2020 eingeläutet wird.

 

Befindet sich Ihre ganze Agentur im Homeoffice?

Mehr oder weniger. Es gibt ein paar Wenige, die sich dem Homeoffice gerne entsagen und wieder die Agenturluft schnuppern wollen und darum immer wieder ins Office kommen. Das berühmte zweite Zuhause.

 

Hatten Sie damals bei der Einrichtung Ihres Arbeitsplatzes mit technischen Problemen zu kämpfen?

Nein, das lief eigentlich problemlos. Die Infrastruktur war bestehend und die notwendige Software war bereits verfügbar und musste nur aktiviert werden.

 

Wo haben Sie sich eingerichtet?

Einerseits in der «Dependance» meiner Frau und mir (siehe Bild oben), andererseits bei Bedürfniskonflikten verteilt auf’s ganze Haus. Terrasse bei Schönwetter inklusive.

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Was benötigen Sie alles, um Ihrer Tätigkeit nachgehen zu können?

Mobile, WLAN, MacBook und Ruhe.

 

Mussten Sie im Laufe der Homeoffice-Zeit «nachrüsten» oder Material aus der Agentur holen?

Eine anständige Tastatur, eine vernünftige Maus und ein zweiter Bildschirm haben mir das Arbeitsleben noch etwas vereinfacht.

 

Ist es schwierig, sich genügend abzugrenzen, wenn die Kinder zuhause sind?

Dank der Tatsache, dass unsere «Dependance» in einem separaten Stockwerk ist, fällt die Abgrenzung wesentlich einfacher. Verhindert aber nicht die kleinen Momente, wenn kurz vor 12.00 Uhr mittags die Türe aufgeht und die Jüngste fragt: «Was git’s Zmittag?». Da ist man sehr schnell in die Familienrealität zurückgeholt und weiss, was zu tun ist.

 

Hatten Sie zuvor bereits Homeoffice-Erfahrung oder handelt es sich um eine Premiere?

Nun, die Homeoffice-Erfahrung war bisher sehr punktuell und dieser Zwang zur plötzlichen Veränderung war dann doch sehr augenöffnend.

 

Welche Prozesse gestalten sich im Vergleich zum normalen Agenturalltag schwierig, wenn man sie «aus Distanz» erledigen muss?

Viele Entscheide werden über ausführliche Gespräche errungen, und diese über Screens zu führen, fällt nicht immer leicht. Sind sensiblere Konversationen angesagt, wie zum Beispiel im Personalbereich, da wirkt die Screen-zu-Screen Kommunikation schon sehr distanziert und unpersönlich. Pitch-Prozesse hingegen funktionieren auch remote, wenngleich der Austausch ein anderer ist.

 

Welche Arbeiten klappen problemlos?

Projektmanagement und Kommunikation können problemlos remote mit den entsprechenden Tools erledigt werden. Sobald es an die Konzeption geht und Abstimmungen in den Teams notwendig sind, wird die Herausforderung grösser, aber es hat bisher immer anstandslos funktioniert. Zudem entsteht im Laufe der Zeit eine Vertrautheit in der Zusammenarbeit, welche viele Formalitäten überflüssig macht.

 

Gibt es etwas, was sogar einfacher oder produktiver funktioniert im heimischen Büro?

Natürlich ist die Ablenkung kleiner und sobald man sich im stillen Kämmerlein mit Themen wie Zukunftsfragen, Agentur-Setup strategischen Konzepten oder Kalkulationen befasst, ist die Isolation sicherlich effizienzbringend. 

 

Was tun sie dagegen, dass Ihnen zuhause die Decke auf den Kopf fällt?

Immer wieder mal mit dem Fahrrad ins Büro fahren. Da ist kaum jemand und man ist automatisch im Arbeitsmodus und hat fast noch mehr Ruhe als zuhause. Zudem ist es mir wichtig, mich körperlich zu betätigen, was ich mit häufigen Abstechern auf den Horgenerberg mache.

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Haben Sie in dieser Zeit etwas gelernt oder perfektioniert?

Ich denke, dass wir mit dem schönen Wetter Glück im Unglück hatten. So konnte ich mir neue Fertigkeiten im Stand-Up-Paddling aneignen und unseren Garten nach einem Umbau mit disaströsen Folgeerscheinungen nun zu einem Bijoux wandeln. Was zwar anstrengend war, aber zugleich eine sehr befriedigende Tätigkeit gewesen ist. Generell stellt man fest, dass dank der vermehrten Zeit, die zur Verfügung steht, der Anteil an körperlicher Aktivität massiv zugenommen hat, was sich sehr befreiend auswirkt.

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Hat sich bei Ihnen schon so etwas wie ein Homeoffice-Koller bemerkbar gemacht?

Ich glaube eher, dass ich einen Corona-Koller habe, und nicht einen Homeoffice-Koller. Was hier aktuell passiert, stimmt mich schon sehr nachdenklich und wirft bei mir Fragen nach der Verhältnismässigkeit auf.

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Was vermissen Sie am meisten am physischen Agenturalltag?

Man spürt eine grosse Zurückgezogenheit, was sich in einer Grundstimmung aus Skepsis, Angst und Risikoaversion äussert. Das intuitiv Menschliche, was sich zum Beispiel in Begegnung, Austausch oder Wunsch nach Veränderung zeigt, wird dabei verdrängt und führt zu einem nicht zufriedenstellenden Zustand.

 

Was vermissen Sie generell am normalen Alltag?

Die Unbekümmertheit. Jetzt wird alles hinterfragt und abgewogen.

 

Was werden Sie – rückblickend – am meisten vermissen an der aktuellen Situation?

Diese offene Arbeitsform aus Office und Homeoffice schafft einem mehr Freiräume, die man zugunsten von sich und der Familie einsetzen kann, was definitiv einer Steigerung der Lebensqualität entspricht.

 

Sind Sie zuversichtlich, dass Ihre Agentur die Krise überstehen wird?

Ja, das bin ich. Wir sind gut aufgestellt, haben ein starkes Team und ein Portfolio an tollen Kunden, mit welchen wir auch in Zukunft gemeinsam erfolgreiche Ideen an den Start bringen werden.

 

Bekanntlich hat alles auch seine positiven Seiten. Was ist es in Ihrer aktuellen Homeoffice-Situation?

Wie bereits oben angetönt: die neu gewonnene Freiheit.

 

Inwiefern wird Ihre Agentur von der Krise beziehungsweise aus den Learnings daraus profitieren?

Man muss Neuem immer mit Zuversicht begegnen. Veränderungen werden schneller verdaut, als man denken kann. Nur wer ständig im Fluss ist, kann weiterkommen. Also nutzen wir die Lage, um uns wieder einmal mehr zu hinterfragen, was wir noch besser tun können.

 

Wann und wieso haben Sie im Zusammenhang mit dem Homeoffice zum letzten Mal gelacht?

Im digitalen Montagsmeeting, 9 Uhr auf Hangout. Denn dann lacht man am meisten ab dem eigenen Unvermögen, wenn die Technologie wieder einmal Herr der Lage ist und du dich selber verzweifelt fragst: Habe ich schon wieder was falsch gemacht?!? Und dabei die ganze Agentur online Zeuge ist.

 

Was möchten Sie Ihren Branchenkolleginnen und -kollegen mit auf den Weg durch die Krise geben?

Bleibt mutig.

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Das Coronavirus hat die Gesellschaft fest im Griff. Wer zuhause bleiben kann, bleibt zuhause. Auch die Werbe-, Kommunikations- und Marketingbranche verlagert den Betrieb grossflächig ins Homeoffice. Mit der Serie «Grüsse aus dem Homeoffice» beleuchtet Werbewoche.ch den Berufsalltag in den heimischen vier Wänden.

Alle Folgen im Überblick:

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