«Zurück in der Heimat, das war das schönste Geburtstagsgeschenk»

Frisch pensioniert, lebensfroh und reiselustig. Kolumbien und dann Valencia, so war der Plan. Aber es kam anders. Ein Rückreisebericht nach Corona-Art. MK sprach mit Ruedi Ulmann, dem ehemaligem Chefredaktor des Magazins MK, über mulmige Gefühle, heftige Lautsprecherdurchsagen von fahrenden Motorrädern und über das schönste Geburtstagsgeschenk.

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Das Ehepaar Ulmann im Corona-Trubel: «Vor dem Abflug in Santa Marta. Praktisch alle trugen da Gesichtsmasken. Ohne hätten wir uns da praktisch nackt gefühlt.»

 

MK: Wie sahen die Reisepläne ursprünglich aus?

Ruedi Ulmann: Wir hatten einen zweimonatigen Aufenthalt in Kolumbien sowie anschliessend einen Monat in unserer Wohnung im Stadtzentrum von Valencia geplant. Ich wollte erst anfangs Mai zurück in die Schweiz – nach der Blütezeit der Sträucher und Bäume, auf deren Pollen ich allergisch reagiere.

 

Inwiefern hat das Corona Virus Ihre Rückreise beeinflusst?

Der für den 28. März gebuchte Rückflug via Madrid nach Valencia wurde am 14. März durch Iberia annulliert. Weil sich die Situation in Spanien schnell verschlechterte, hatte ich schon vorher versucht, via unser Reisebüro Globetrotter den Flug nach Zürich umzubuchen. Die Annullation kam dazwischen. Das Globetrotter-Team hat einen unglaublichen Einsatz geleistet, um für rückreisewillige Kunden möglichst schnell eine Lösung zu finden. Schon am Sonntag, 15. März, hatten wir das Angebot für den 20. März, am Folgetag erhielten wir die definitive Bestätigung.

 

Was geht einem durch den Sinn, wenn man so weit von der Heimat mit einer Pandemie konfrontiert ist?

Vieles. Als Journalist bin ich an allen relevanten Informationen interessiert. Ich sehe, wie sich viele Menschen redlich bemühen, die Situation in den Griff zu bekommen, nicht nur für sich allein, sondern auch bestmöglich im Rahmen ihrer Aufgaben. Andere wieder geben sich sorglos oder versuchen sogar, sich zu profilieren. Es gibt viele Zeichen von Solidarität, aber leider auch das Gegenteil. Die Menschheit lernt. Ich setze darauf, dass dieses Lernen hilft, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

 

Gab es Momente der Solidarität unter den Menschen?

Unsere Gastgeber leben vom Tourismus. Sie haben geholfen, wo sie konnten. Die Menschen, mit denen wir in dem kleinen Touristendorf zu tun hatten, waren immer sehr freundlich und fair. Ich hoffe für sie, dass sie die schwierige Zeit gut überstehen und noch viele Menschen diese schöne Karibiklandschaft besuchen können.

 

Sie waren als Individualtourist unterwegs. Fühlten Sie sich alleingelassen?

Kolumbien hat bei vielen Menschen noch einen schlechten Ruf. Den möchte ich gerne korrigieren. Wir wurden als Touristen immer sehr gut behandelt. Wir fühlten uns immer sicher. Wir haben uns aber immer vor Ort darüber informiert, was möglich ist. Wir haben keine wertvollen Gegenstände zur Schau gestellt und hatten – wie immer auf Reisen – unsere Sachen im Auge. Medellín ist eine super Stadt mit einem innovativen, sehr gepflegten, öffentlichen Verkehrssystem und mit autofreien Strassen am Wochenende für den Fuss- und Veloverkehr. Die Stadt liegt eingebettet in einer sanften Berglandschaft mit der Möglichkeit für viele schöne Ausflüge in die Umgebung.

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Sonderangebot für gestrandete Touristen in Palomino in Kolumbien – Not macht erfinderisch.

 

Sprechen Sie spanisch?

Wir können uns gut in spanischer Sprache verständigen, wurden aber sehr oft Englisch angesprochen. Wer in Medellín an einer Haltestelle etwas verloren herumschaut, dem wird sehr schnell von jemandem Hilfe angeboten.

 

Wie ging man in Kolumbien mit dem Virus um, was waren Ihre Erfahrungen?

Im Februar und bis etwa Mitte März war es kaum ein Thema – ausser im Ausland- und Wirtschaftsteil der Medien. Der erste Coronafall wurde erst am 6. März in Bogotá festgestellt. Etwa eine Woche später ging es sehr schnell vorwärts mit der Ankündigung von Massnahmen, obwohl die Fallzahlen noch sehr tief waren im Vergleich mit Europa.

 

Wie sahen diese Massnahmen aus?

Zuerst wurden öffentlich zugängliche Einrichtungen wie Museen, Bibliotheken, Parks und touristischen Attraktionen geschlossen. Auf das Wochenende vom 14./15. März erfolgten erste Ausgangssperren in den grossen Städten. Am Mittwoch, 18. März, hiess es, dass der Flugverkehr demnächst eingestellt würde.

 

Wie kommunizierte das Land das?

Unter anderem via Lautsprecher von einem Motorrad aus, das in unserem Ferienort Palomino zirkulierte. Alle Ausländer hätten so schnell als möglich das Land zu verlassen, lautete die kurze Botschaft auf Englisch und Spanisch.

 

Wie waren die Reaktionen?

Es vergrösserte die Panik unter den Touristen, die noch keine Rückreisemöglichkeit gefunden hatten. Viele waren da schon weitergereist, um in grossen Städten mit internationalen Flughäfen wie Cartagena, Bogotá oder Medellín ihre Heimkehr zu organisieren.

 

Gab es einen Moment, wo Sie merkten, jetzt will ich nur noch nach Hause?

Da war die schlechte Entwicklung in Spanien. Dort weigerten sich verantwortliche Politiker während längerer Zeit, der Realität ins Auge zu schauen, weil es um grosse Veranstaltungen ging. Zum Beispiel das mehrwöchige Frühlingsfest «Fallas» in Valencia vom 1. bis 19. März oder der Frauentag am 8. März, der mit riesigen Manifestationen in den grossen spanischen Städten stattfand. Die letzten sechs Fallas-Tage mit den meisten Besuchern wurden erst kurz vorher abgesagt. Weil wir ursprünglich nach Valencia wollten, verfolgte ich diese Entwicklung in spanischen Online-Medien sehr eng. Die Folgen für Spanien sind bekannt. Mit der Annullation des Rückflugs war es dann klar, dass wir schnellstmöglich nach Hause wollten.

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Leerer, internationaler Terminal in Madrid am 21. März um 12.44 Uhr. Sonst hat es um diese Zeit hier massenhaft Menschen.

 

Wie gestaltete sich die Rückreise?

Am 19. März annullierte Iberia den Weiterflug von Madrid nach Zürich. Das zog an den Nerven. Globetrotter musste nochmals für uns umbuchen. Der einzig verfügbare Weiterflug am 21. März – meinem Geburtstag – ging nach Genf. Weil in Madrid weitere Passagiere im Transit gestrandet waren, organisierte Iberia kurzfristig eine grössere Maschine nach Genf. Da waren dann auch Leute an Bord, die eigentlich nach Frankfurt wollten.

 

Merkte man die Anspannung durch die Seuche?

An allen Flughäfen gab es Verhaltens-Botschaften via Plakate, Bildschirme und regelmässige Durchsagen. In Bogotá mussten sich alle ankommenden Passagiere die Hände desinfizieren und ihre Körpertemperatur wurde gemessen.

 

Und bei der Ankunft in Madrid?

Dort war der riesige Terminal praktisch menschenleer. Mit Ausnahme von wenigen Geschäften, die Lebensmittel anboten, war alles geschlossen. In Madrid wurde ein Mindestabstand von einem Meter eingefordert.

 

Und am Genfer Flughafen?

In Genf lernten die Passagiere dann vor der Einreisekontrolle durch die Schweizer Zollbehörde, dass hier zwei Meter Abstand gelten. Darüber informierten Plakate in französischer und englischer Sprache. Darüber hinaus hatte es vor der Einreisekontrolle im Abstand von zwei Metern rote Linien, vor der sich jeweils nur eine Person aufhalten durfte.

 

Sie mussten dann noch mit der Bahn von Genf nach Zürich.

Das war gespenstisch.

 

Was genau meinen Sie damit?

Bis Lausanne hatte es im gleichen Wagen noch zwei andere Passagiere. Nachher waren wir bis Zürich mutterseelenallein unterwegs. Die Bahnhöfe, die wir sahen, waren menschenleer, alles wie ausgestorben. Der Zugsbegleiter, der bis Zürich drei Mal vorbeikam, wandte immer den Kopf von uns weg. Wir fühlten uns wie Aussätzige. Wir wurden kein einziges Mal kontrolliert.

 

Gab es Momente, wo Ihnen und Ihrer Frau mulmig wurde?

Das war für mich, als via Lautsprecher verkündet wurde, dass Ausländer innert drei Tagen das Land zu verlassen hätten.

 

Beschreiben Sie uns das Gefühl, als Sie wieder Schweizer Boden unter den Füssen hatten.

Ich war sehr froh. Es war für mich das beste Geburtstagsgeschenk, das ich mir vorstellen konnte.

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