Ein grünes Paradies für Strassenhunde

Der Schweizer Werbefilmer Tobias Fueter erfindet in Rumänien zusammen mit seiner Frau Noëlle ein Tierheim für Strassenhunde neu. Darin leben die Hunde in Rudeln zusammen und Kinder lernen den Umgang mit den Vierbeinern.

Es war einer der grössten Aufträge, den die Schweizer Werbefilmschmiede Stories je hatte. Zehn Tage lang dauerte der Dreh für die Swisscom-Kampagne mit dem Claim «Mehr drin für Sie» im Jahr 2011. Drehort war das grosse Filmstudio MediaPro in Rumänien. Nicht nur Filmstars wie Rachel Weisz, Shia Laboeuf, Christoph Waltz und Sam Neill gingen hier ein und aus, auch Strassenhunde, von denen es allein in Bukarest in jenem Jahr über 50’000 gab. Stories-Mitinhaber Tobias Fueter erinnert sich: «Ich habe naiv Fotos von den herzigen Hunden gemacht und meiner Frau geschickt.» Noëlle Fueter-Stahel, von Beruf Hundetrainerin und Hundesitterin, reagierte entsetzt auf das Leid der abgemagerten Tiere. Mit dem nächsten Flieger war die Zürcherin vor Ort – und begann zum Schreck der lokalen Filmproduzenten, das Catering auf dem Set an die Hunde zu verfüttern.

 

Auf den Bahamischen Silberfuchs gekommen

Mit ihrer Liebe zu Hunden hatte Noëlle ihren Mann schon einige Jahre zuvor angesteckt. Eigentlich war der Werbefilmer ja ein überzeugter Katzenmensch. Auf dem Bauernhof, auf dem er aufwuchs, gab es nur Katzen. Als Kind wurde er von einem Hund gejagt. Und im Tram bat er Hundehalter, ihre Hunde bei sich zu behalten, wenn sie schnüffeln kamen. Aber dann lief dem Ehepaar im Urlaub auf den Bahamas ein kleiner schwarzer Welpe mit Fledermausohren hinterher. «Ich merkte, dass ich dringend umdenken muss, wenn ich mit meiner Frau zusammenbleiben will», sagt Tobias Fueter und lacht. Also kam die Strassenhündin mit in die Schweiz und eroberte Fueters Herz. Auf Spaziergängen erzählte er stolz, dass die kleine Dillie ein Bahamischer Silberfuchs sei. Heute findet der Zürcher: «Ich habe die Treue eines Hundes lange missverstanden. Ich dachte, dass sie einem nur nachlaufen, weil sie einen brauchen. Aber heute weiss ich, dass es Ausdruck bedingungsloser Liebe ist, welche wir von ihnen lernen können.»

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So vermarktet sich Dog Rose

Hinter Dog Rose steht der Verein Citydogs4Streetdogs, der auf die Kommunikation via Facebook, Newsletter und den persönlichen Austausch setzt. So konnten bereits über 500 Strassenhunde gerettet und über 350 an Familien vermittelt werden. Dazu zählen auch Prominente wie Melanie Winiger, die als Botschafter auftreten. Einmal im Jahr organisiert der Verein ausserdem einen Charity-Event.

Aktuell finanziert sich Dog Rose über Spenden, kostenpflichtige Adoptionen und Patenschaften sowie freiwillige Reisende, die etwas für ihren Aufenthalt zahlen. Da es in einem kleinen Land wie der Schweiz schwierig sei, mit kleinen Spendenbeträgen die Unterhaltskosten von 150 000 Franken im Jahr zusammenzubekommen, erklärt Tobias Fueter, sucht Dog Rose nun 15 Patronships à 10’000 Franken.

Langfristiges Ziel ist aber, dass Dog Rose mit einer non-profit-orientierten Geschäftsidee selbsttragend wird und damit auch in anderen Ländern adaptiert werden kann. Die Ideen für Einnahmequellen sind beispielsweise: eine mobile Tierklinik, ein Freizeitpark mit vegetarischem Café, ein Ferienaufenthalt für Hunde aus Bukarest, ein Event-Angebot für Kindergeburtstage und eine Volontär-Herberge für junge Menschen aus aller Welt. Mehr Informationen, auch zum Unterstützen, finden Sie unter Dogrose.ch.

Lehrreicher Hundepark statt trauriges Hundeheim

Diese Vision ist heute Realität. Als das Filmstudio 2017 geschlossen wurde, nutzten Fueters diese Veränderung für einen Neustart. Zusammen mit den zwei Partnerinnen ihres Vereins Citydogs4Streetdogs kauften sie zwei Hektar Land mitten in der rumänischen Natur. Mit freiwilligen Helfern erbauten sie ein Tierheim, das es in der Art bisher noch nicht gab. 200 Heimhunde haben hier ein Zuhause. Aufgeteilt in sechs Gruppen, hat jeder Hund zwar einen abschliessbaren Schlafplatz. Wenn morgens aber die Törchen geöffnet werden, tollen sie ausgelassen im Rudel auf der Wiese herum.

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Das neuartige Heim trägt den Namen Dog Rose. Benannt nach einer wild wachsenden Rosenart, soll die Unterkunft aber nicht nur als Auffanglager angesehen werden. Das Team, zu dem auch ein Tierarztpaar und ein Hundefl üsterer zählen, verfolgt das Ziel, die Situation der Strassenhunde in Rumänien von Grund auf zu verbessern. «Manche sagen, den Menschen müsse es erst besser gehen, damit sie auch auf die Hunde schauen», sagt Fueter. «Aber das stimmt meiner Meinung nach nicht. Eine grundsätzliche Empathie für ein anderes Lebewesen zu entwickeln hilft der Entwicklung jedes Menschen und hat nichts mit arm oder reich zu tun.»

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Die positive Bildsprache zieht sich durch alle Kommunikationsmittel. Angefangen beim verspielten Logo, das die Winterthurer Illustratorin Celine Geser gestaltet hat, über die Facebook-Seite mit rührenden Vorher-nachher-Aufnahmen bis zur farbenfrohen Website, auf der man niedliche Hunde adoptieren oder mit einer Patenschaft unterstützen kann. Dog Rose profitiert vom Werbewissen Fueters. Aber der Werber profitiert andersherum auch von Dog Rose. «Etwas zurückgeben tut mega gut», sagt der erfolgreiche Geschäftsmann. Bei ihm seien das nun die Hunde, aber jeder könne einfach etwas zurückgeben, in einem Bereich, für den sein Herz schlage. «Wenn ich Dog Rose besuche, komme ich ausgeglichen zurück. Ich erinnere mich wieder, dass es Wichtigeres gibt als den einzelnen Werbespot, das einzelne Bild und die einzelne Voice-over.»

Wenn Tobias Fueter mit seinem Filmteam heute nach Rumänien reist, dann nicht mehr für Dreharbeiten für Swisscom. Sondern für den jährlichen Dog-Rose-Film, mit dem er für Spendengelder aufrufen will. Sogar Kameramänner, welche wenig Bezug zu Hunden hätten, seien begeistert von der Energie im Hundepark. Auch eine Kollegin, die panische Angst vor Hunden hatte, hat sich mit den Vierbeinern angefreundet. Tobias Fueter lächelt zufrieden. «Wir haben mit Dog Rose einen Ort geschaffen, an dem man Gutes tut, die Liebe der Hunde empfängt und von dem man ganz einfach zufriedener zurückkommt.»

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Werbereife Hühnerhaut-Bilder

Die Bilder dieser Treffen hält Fueter in Charity-Filmen für Dog Rose fest. Und die sorgen für Hühnerhaut. Da tummeln sich Kinder und Hunde auf blühenden Wiesen. Die Kinder lachen und strahlen um die Wette, während sich die Hunde in ihre Arme kuscheln oder Hundeküsschen verteilen. Was wie inszenierte Werbebilder anmutet, ist Wirklichkeit. «Wir wollten nicht zeigen, wie grausam schlimm die Situation in Rumänien ist», sagt der 46-Jährige. «Als Werber bin ich überzeugt, dass viele Leute das nicht sehen wollen. Stattdessen zeigen wir, was wir Gutes machen.»

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Für Tobias Fueter ist die Arbeit mit den Hunden ein sinnstiftender Ausgleich zur Werbetätigkeit. Zwei rumänische Hunde haben er und seine Frau Noëlle selbst adoptiert: erst Roma (rechts), später Pipa (links) (alle Fotos: zVg).

 

So konnte Tobias Fueter auch nicht widerstehen, als seine Frau während besagtem Filmdreh in Rumänien zwei verwaiste kranke Welpen mit ins Hotelzimmer nahm. Einer der beiden überlebte. Das Paar taufte den Findling Roma und schloss ihn ebenso ins Herz wie bereits Dillie. Eine rumänische Helferin anerbot sich, den Hund mit aufzupäppeln, um ihn später in die Schweiz mitnehmen zu können. Auch für die Hunde auf dem Filmset kauften Fueters Hundefutter und zäunten einen Teil des Gebiets als Hundeheim ein. Sie vermittelten weitere Hunde in die Schweiz. Und vor Ort kamen weitere Helfer hinzu. Die Menschen aus der nahe liegenden Stadt brachten neue Strassenhunde. Bald schon zählte die provisorische Unterkunft auf dem Filmgelände 120 Hunde. Der  rundstein für Fueters Engagement in Rumänien war gelegt.

Je grösser das Rudel wurde, desto mehr merkten die Fueters jedoch: Eine Dauerlösung war das Auffanglager auf dem Studiogelände nicht. Nicht nur wegen der Abhängigkeit zum Studio. Sondern auch, weil Hunde Platz brauchen. «Wenn du Hunde einsperrst, bellen sie dich an, wenn du vorbeiläufst», sagt Tobias Fueter. «Viele halten sie deshalb erst mal für Monster.» Die Beobachtung machte er in verschiedenen Tierheimen. «Sobald du aber die Türen aufmachst und sie rennen können, sind sie die liebsten Tiere der Welt.» So verfestigte sich eine Vision von einem Heim, in dem Hunde nicht eingesperrt sind, sondern frei herumlaufen und spielen können.

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In Dog Rose kommen deshalb Kinder und Hunde zusammen. In kurzweiligem Unterricht erklärt ein Teammitglied den Umgang mit den Tieren. Nach der Theorie folgt die Praxis und die Kinder treffen auf die Heimhunde. «Am Anfang kommen nur die Mutigen rein und die anderen schauen zu.» Aber am Ende haben sich bisher noch alle Kinder überwunden und Kontakt zu den Hunden aufgenommen. «Auch sozial benachteiligte Kinder, die Mühe haben, mit Erwachsenen zu sprechen, reagieren sehr gut auf die Strassenhunde und umgekehrt. Sie spüren den gegenseitigen Respekt und bilden so verblüffenderweise gleich eine unsichtbare Bindung zueinander.»

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