«Purpose alleine zu definieren reicht nicht. Es braucht dazu effektive Handlungen und Aktionen»

Christian Baertschi, ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Serviceplan Group Switzerland, stellt sich unseren 13 Fragen.

Serviceplan

1. Was hat Sie inspiriert, in die Werbe-/Kommunikationsbranche einzusteigen?

Das waren drei Dinge:

  1. Ein Umfeld mit inspirierenden Menschen
  2. Notwendigkeit zur Improvisation – man muss in dieser Branche stets schnell, agil, unternehmerisch und mit einer Nase im Wind unterwegs sein.
  3. Die schnelle Übernahme einer grossen Verantwortung – gegenüber den Kunden, den Kollegen, aber auch gegenüber der Gesellschaft.

 

2. Wieso gibt es in den Führungsetagen der Schweizer Werbebranche nicht mehr Frauen?

Die Problematik gibt es leider nicht nur in der Werbebranche, sondern in fast allen Branchen. Der Hauptgrund liegt in den unterschwelligen Vorurteilen. Die Harvard Business Review hat dieses Thema eingehend untersucht und kam zum Schluss, dass die Art und Weise, wie Frauen heute mit Vorurteilen konfrontiert werden, schädlicher und zerstörerischer ist als die eklatante Diskriminierung früherer Jahrzehnte. Aus diesem Grund ist es entscheidend, dass wir als Gesellschaft diesen Missstand anerkennen und aktiv thematisieren. Meines Erachtens ist nur so eine unvoreingenommene Gleichstellung möglich.

 

3. Das beste Buch, das Sie in letzter Zeit gelesen haben?

«Factfulness» von Hans Rosling. Er kritisiert in seinem Buch die Oberflächlichkeit, mit der die Medien häufig an unsere Urinstinkte appellieren. Vorurteile sind systematisch zementiert und basieren auf veraltetem Wissen. Die Wahrnehmung der Menschen bei Themen wie Armut, Bildung, Bevölkerungswachstum usw. ist viel schlechter als die objektive Realität.

 

4. Wären Sie nicht Werber geworden – was dann?

Wahrscheinlich Unternehmensberater oder Hotelier. Beide Berufe haben eine gewisse Nähe zu Kommunikation und Marketing.

 

5. Was ist für Sie die momentan grösste Herausforderung für die Werbung?

Aus Sicht von Werbetreibenden ist es sicher das Erreichen potenzieller Kunden in einer relevanten und begehrenswerten Art. Aus Sicht der Agenturen ist es, in der zunehmend komplexen Welt weiterhin einen relevanten Mehrwert für die Werbeauftraggeber zu leisten.

 

6. Worauf können Sie unmöglich verzichten?

Meine kleine Familie.

 

7. Was möchten Sie nie über sich hören müssen?

Er hatte eine Wirbelsäule, aber kein Rückgrat.

 

8. Schon mal überlegt, die Werbebranche zu verlassen?

Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es sehr viele interessante und spannende Herausforderungen gibt in der heutigen Zeit.

 

9. Können Sie uns ein kleines Geheimnis verraten?

Nein. Ich schätze Geheimnisse für das, was sie sind.

 

10. Was wird aktuell überschätzt?

Purpose. Purpose wird gerne verwendet, um davon abzulenken, dass man keine Ahnung hat, wie die wirklichen Probleme angegangen werden sollen. Purpose alleine zu definieren reicht nicht. Es braucht dazu effektive Handlungen und Aktionen, um wirklich Sinn zu stiften.

 

11. Was bereuen Sie?

Je ne regrette rien.

 

12. Welches war die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Ich habe bei der Geburt zuerst nicht geatmet. Nach einem Schlag auf den Hintern habe ich mich offensichtlich umentschieden. Das war sicher die unbewusst beste beziehungsweise einflussreichste Entscheidung.

 

13. Was wollen Sie unbedingt noch erreichen?

Ich will unbedingt noch Wellenreiten lernen. Mein erster Versuch im eiskalten Atlantik war vielversprechend, aber noch nicht vom richtigen Erfolg gekrönt. Aber auch sonst habe ich noch einiges vor.

 

Christian Baertschi…

war in der Unternehmensberatung tätig, bevor er in die Werbebranche wechselte. 2005 gründete er seine eigene Agentur, deren Anteile er nach sieben Jahren Führung an die internationale Serviceplan Gruppe verkaufte und somit den Eintritt der partnergeführten Agenturgruppe in den Schweizer Markt begründete. Nachdem Baertschi Ende 2019 die operative Führung an die einzelnen CEOs im Haus der Kommunikation abgegeben und das Verwaltungsratspräsidium der Serviceplan Group Switzerland übernommen hat, hat er sich dazu entschieden, die Gruppe per Ende Mai 2020 zu verlassen und sich zusammen mit Steve Walls, seinem bisherigen Transformation Lead und Strategiechef, selbstständig zu machen. Er ist glücklich verheiratet und stolzer Vater. In seiner freien Zeit geht er zu Fuss und auf Ski in die Berge, fährt Velo sowie Motorrad und verbringt so viel Zeit wie möglich in und auf dem Zürichsee.

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