Teures Papier setzt Verlage unter Druck

Papier wird immer teurer. Weil es derzeit so rar ist, zahlen Verlage plötzlich deutlich höhere Preise, um ihre Zeitungen und Bücher zu drucken. Und nun hat es in der letzten Schweizer Zeitungspapierfabrik auch noch gebrannt. Leseratten können aber aufatmen: Bücher dürften nicht teurer werden – vorerst.

Die Coronakrise hat auch die Papierindustrie durchgeschüttelt: Weil Onlinebestellungen massiv zugenommen haben, braucht die Verpackungsindustrie mehr Zellstoff. Auf einmal ist dieser Stoff, der aus Holz gewonnen wird und das Rohmaterial für die Papierherstellung ist, ein rares Gut.

«Der Markt für Zellstoff, der für Bücher gebraucht wird, wird vor allem von Ländern mit wachsendem Eigenbedarf abgeschöpft», sagt ein Sprecher von Orell Füssli gegenüber der Nachrichtenagentur AWP.

Doch nicht nur Zellstoff fehlt den Papierherstellern. Auch an Altpapier, das zum Beispiel für die Produktion von Zeitungspapier benötigt wird, mangelt es. «Beim Altpapier sind weniger Mengen angefallen und somit konnte weniger Altpapier verwertet werden», sagt eine Sprecherin des Verbands Schweizerischer Papier-, Karton- und Folienhersteller (SPKF).

Weniger Werbung gibt weniger Altpapier

Das hat unter damit zu tun, dass die Firmen im vergangenen Jahr ihre Werbeaktivitäten – zum Beispiel gedruckte Broschüren oder Zeitungsbeilagen – heruntergefahren haben. Dadurch fiel weniger Altpapier an. Laut SPKF ist der Altpapierrückgang aber ein langfristiger Trend, wie auch ein Blick auf die Statistik des Vereins Recycling Papier + Karton (RP+K) zeigt.

Dazu kommt ein Brand bei der Firma Perlen Papier am vergangenen Donnerstag. Dieser führt dazu, dass die Firma vorübergehend weniger Papier liefern kann. Perlen Papier ist die einzige Herstellerin von Pressepapier in der Schweiz und die grösste Altpapierrecyclerin im Land. Als Folge des Brandes müssen Tamedia, NZZ und CH Media bis Ende Oktober dünnere Zeitungen drucken als gewohnt, wie die Verlage am Montag gemeinsam mitteilten.

Auch die steigenden Preise für Transport und Energie setzen den Papierherstellern zu: «Absolut verrückt spielt aktuell der Energiepreis. Gas ist um zirka 300 bis 600 Prozent gestiegen, je nach Bestell-Zeitspanne», erklärte die Firma Swiss Quality Paper im Namen des SPKF. Auch die Strompreise verdoppelten sich.

Es gebe in der Papierproduktionsbranche kaum etwas, das seit dem vierten Quartal des vergangenen Jahres nicht mindestens 10 Prozent teurer geworden sei, so ein weiteres SPKF-Mitglied, das nicht mit Namen genannt werden will.

Verlage zahlen 10 Prozent mehr

Die Papierhersteller können diese Preissteigerungen nicht allein tragen, sondern müssen sie auf ihre Kunden – die Verlage und Druckereien – abwälzen. «In der zweiten Jahreshälfte 2021 erfolgten gewisse Preiserhöhungen, die aber die steigenden Kosten bei weitem nicht decken», erklärt die Chemie + Papier Holding, zu der Perlen Papier gehört. Es werde weitere Preissteigerungen geben.

Buch- und Zeitungsverlage müssen nun bis zu 10 Prozent mehr bezahlen für das benötigte Papier, wie sie unisono erklären. Papier macht laut Carsten Schwab, Herstellungsleiter des Diogenes-Verlags, knapp die Hälfte der Produktionskosten bei Büchern aus.

«Aber es geht weit über die Papiere hinaus», so Schwab. «Auch Klebstoffe, Druckfarben, Trägerfolien und selbst die Holzpaletten, auf denen die Bücher für den Transport gestapelt werden, sind teurer geworden.»

Verzögerungen beim Druck

Weil Papier so schwer zu bekommen ist, gibt es auch Verzögerungen. «Für die Diogenes-Taschenbücher und Hardcover haben die Druckereien zum Glück das Material immer vorrätig. Aber bei Kunstbüchern, Kinderbüchern – vor allem bei Pappbilderbüchern – oder sonst besonders ausgestatteten Büchern gibt es derzeit zum Teil erhebliche Lieferschwierigkeiten», sagt Schwab.

Das ist für die Verlage problematisch, wie Tanja Messerli vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) erklärt: «Ein Buch bekommt dann mediale Aufmerksamkeit, wenn es neu herauskommt», sagt sie. Dauert es länger als zwei bis drei Wochen, bis das Buch in den Regalen der Buchläden steht, ist die Kundenaufmerksamkeit bereits vorüber.

Keine teureren Ladenpreise vorgesehen

Trotz aller Widrigkeiten wollen die Verlage die Preissteigerungen für Bücher vorerst nicht an die Konsumenten weitergeben. «Bisher hat sich die Erhöhung der Papierpreise noch nicht in den Ladenpreisen niedergeschlagen», sagt Schwab. Denn die Buchpreise würden sich deutlich langsamer entwickeln als die Rohmaterialpreise.

Beim Zürcher Lehrmittelverlag heisst es, man beobachte die Situation rund um die Rohstoff-Knappheit sorgfältig. «Preiserhöhungen wurden bei den Lehrmitteln keine vorgenommen», so der Verlag. Auch Orell Füssli gibt an, man plane langfristig und bestelle Papier gebündelt, weshalb sich die steigende Papiernachfrage «derzeit kaum auf die Buchpreise» auswirke.

Laut Tanja Messerli vom SBVV können Schweizer Verlage jedoch auch nicht einfach an ihren Preisen schrauben: Der schweizerische Buchmarkt ist nämlich an die Preise in Deutschland gebunden. „Das liegt daran, dass wir etwa 80 Prozent der deutschsprachigen Bücher importieren“, sagt sie. Was allerdings teurer werde, sei der Versand von Büchern.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte kürzlich jedoch angedeutet, dass sich die hohen Bezugskosten für Papier und die Papierknappheit bei Büchern «in letzter Konsequenz» auf die Buchpreise auswirken könnten. Das wiederum könnte die Schweizer Buchpreise beeinflussen. (AWP/Tabea von Ow)

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