«Engpässe bringen Geschäfte»

Ralf Wölfle, Leiter des Competence Centers E-Business Basel an der Fachhochschule Nordwestschweiz, über die Kommerzialisierbarkeit des Breitbandinternets.

Ralf Wölfle, Leiter des Competence Centers
E-Business Basel an der Fachhochschule Nordwestschweiz, über die
Kommerzialisierbarkeit des Breitbandinternets.
WW: Wem nützt es, dass immer mehr Leute über einen Breitbandzugang ins Internet verfügen?
Ralf Wölfle: Ich möchte
zwei Bereiche unterscheiden. Eine Reihe von Geschäftsmodellen sind von
Breitbandzugängen direkt abhängig. Zum Beispiel Audio- oder
Videopodcasts. Auch der Musik- und Filmvertrieb profitiert unmittelbar
davon. Wenn früher oder später kostenpflichtige Dienste sich der Audio-
oder Videoübertragung bedienen werden, was ja vielleicht jetzt mit den
Podcasts eingeleitet wird, ist für solche Geschäftsmodelle eine
Breitbandinfrastruktur zwingende Voraussetzung. In anderen Bereichen,
zum Beispiel der Integration von geschäftskritischen Anwendungen über
das Internet, braucht es kurze Antwortzeiten. Die sind von der
Kapazität und von der Auslastung der Netze abhängig.

WW: Da denken Sie an Streaming, an Internettelefonie?
Wölfle: Ich
denke auch an ganz normale Übertragungen, wie sie im E-Commerce und
besonders in automatisierten Prozessen eingesetzt werden. Wenn man zum
Beispiel im Rahmen einer E-Commerce-Anwendung auf den Lagerbestand
eines Zulieferers zugreifen möchte. Wenn Sie da eine Antwortzeit von
einer halben Minute haben, ist das zu lang, und das Geschäftsmodell
funktioniert so nicht.

WW: Gibt
es herausragende Geschäftsmodelle, die vom Anwachsen der Bandbreite
derzeit besonders begünstigt sind, zum Beispiel Internettelefonie?
Wölfle: Die
Medienindustrie ist klar die am stärksten betroffene Branche, im
positiven wie im negativen Sinn. Da ändern sich die Distributionswege,
wir haben eine Transformation in dieser Branche. Bei der Telefonie
können wir noch nicht von Geschäftsmodell sprechen, weil sie genauso
wie Podcasts noch weitgehend gratis ist. Die Innovationen werden ja
häufig über Gratisanwendungen ausgetestet. Gerade Internettelefonie
zeigt, dass wir von den Antwortzeiten abhängig sind. Es werden Services
entstehen, die Antwortzeiten garantieren werden, weil sonst die
Qualität der Internettelefonie nicht kalkulierbar ist.

WW: Besonders
die Printverleger suchen unter dem Leidensdruck des weggebrochenen
Inserategeschäfts nach neuen Geschäftsmodellen im Internet. Gibt es
Anzeichen dafür, wann dieses kommerziell breiter nutzbar sein wird?
Wölfle: Anzeichen
dafür kann ich nicht nennen. Es gibt aber Indikatoren. Ein Indikator
kann der Leidensdruck infolge einer grossen Nachfrage sein. Zunächst
werden mit der Entwicklung neuer Dienste durch die Pioniere auf einem
Gebiet neue Anwendungsmöglichkeiten von Information bekannt gemacht und
ausprobiert. Welche Applikation vom Markt aufgegriffen wird, ist
zunächst offen. So wie einmal Instant Messaging, das sich als
Killerapplikation entpuppt hat, was niemand voraussehen konnte. Wir
wissen nicht wirklich, wie sich die Internettelefonie entwickeln wird,
oder der Rundfunk: Werden Radios einmal ihre gesamten Sendungen als
Podcasts anbieten? Welche  Inhalte werden Zeitungen dauerhaft
gratis abgeben? Zu solchen Fragen haben sich noch keine 
Standardantworten etabliert. Aber ein Indikator wird sein: Wird sich
bei einem Dienst die Nachfrage entwickeln, dann wird wahrscheinlich
auch irgendein Engpass um ihn herum entstehen. Diesen zu beheben, ist
der Mehrwert, mit dem Dienstleister kostenpflichtige Angebote
einführen. Ein Engpass kann die mangelnde Bandbreite sein. Sie wollen
einen Film ansehen, und der Stream wird immer wieder unterbrochen. Oder
es entstehen Qualitätsengpässe beim Internettelefonieren. Hat ein
Internetmedium einmal eine gewisse Bedeutung erlangt, muss mit dem
Aufkommen von Missbräuchen wie Spam gerechnet werden.

WW: Sehen wir das jetzt in der Blogosphäre?
Wölfle: Das
Bloggen hat eine gewisse Popularität erreicht, jetzt wird das Bloggen
gespamt – es braucht Software oder professionell geführte Services, die
das wieder bereinigen. Hat ein Kanal eine grössere Verbreitung, wird es
für den Nutzer auch inhaltlich unübersichtlich. Dann bekommt die
Auswahl, die Gewichtung der Inhalte durch eine Redaktion oder Ähnliches
wieder stärkere Bedeutung. Das spielt in der Pionierphase eines Mediums
keine Rolle. Aber mit der Masse wird das zunehmend bedeutsam. Man kann
die Fülle des Informationsangebotes nur dann sinnvoll nutzen, wenn es
Dienstleister gibt, die sie auf einfache Art erschliessen, sei es durch
entsprechende Infrastruktur oder durch Auswahl, Suchhilfen und
Qualitätssicherung.

Interview: René Worni

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