Neues Blatt für enttäuschte Leser

Presse Die Regionalisierung von 24 Heures hat viel Publikum enttäuscht. Dank der neuen Regionalzeitung La Région Nord Vaudois kann es aufatmen.

Presse Die Regionalisierung von 24 Heures
hat viel Publikum enttäuscht. Dank der neuen Regionalzeitung La Région
Nord Vaudois kann es aufatmen.«Wir rechneten mit 1000 Abonnenten im
Monat April. Erreicht haben wir bereits 1700!», sagt Isidore Raposo
strahlend. Er ist 52, Gründer und Chef der nagelneuen Lokalzeitung La
Région Nord Vaudois. Sie richtet sich an enttäuschte Leser des
Edipresse-Blattes 24 Heures.

Seit Anfang April erscheint La Région Nord Vaudois zweimal in der
Woche, einmal mit 5000, einmal als Wurfzeitung mit 40000 Exemplaren
Auflage. Das neue Blatt zählt zwischen 16 und 32 Seiten und bringt
ausschliesslich Lokalinformation, lokale und regionale Politik, Sport,
Vereinsleben, Agenda. Es hat das Format einer Gratiszeitung und richtet
sich an die Bevölkerung im nördlichen Teil des Kantons Waadt von
Yverdon über Grandson bis nach Orbe und Vallorbe und damit an rund
100000 Einwohner.

Isidore Raposo ist ein Einheimischer. Seit seinem achten Altersjahr
wohnt er in der Region. Mit 16 Jahren schrieb er die ersten Artikel.
Bei 24 Heures, La Suisse, l’Illustré und sieben Jahre als Westschweizer
Korrespondent des Blick lernte er das Handwerk von der Pike auf. Raposo
ist ein «localier», ein überzeugter Lokaljournalist, zuvorderst an der
Front, mit direktem Draht zur Bevölkerung. Später wird er Chefredaktor
von La Presse Nord Vaudois, der Lokalzeitung im nördlichen Teil des
Kantons Waadt. Als Edipresse die Lokalzeitung kauft und in die grosse
neue Regionalzeitung 24 Heures mit ihren vier lokalen Splitausgaben
einbaut, wird er Chefredaktor der Splitausgabe. Ein knappes Jahr lang,
dann wirft er enttäuscht das Handtuch: «Zu wenig Lokalinformation, zu
viel Zentralisation in Lausanne, zu viel Papier im Briefkasten der
Leser», lautet seine Kritik. Für Rebell Raposo ist die Integration der
Lokal- in die grosse Regionalzeitung gescheitert: «Wir entsprechen dem
Wunsch enttäuschter Leser von 24 Heures, die ihre Lokalzeitung wieder
haben wollten.»

Lokal verankert
Dem lokalen Inhalt entsprechen die lokalen Eigentümer: Die
Herausgebergesellschaft La Région SA hat ein Aktienkapital von 250000
Franken und ist im Besitz von rund 40 Aktionären aus der Gegend. Die
Statuten sehen ein Vorkaufsrecht für die Gründungsmitglieder vor:
«Damit das Blatt in den Händen der Region bleibt und nicht dieselben
Abenteuer wie andere Zeitungen erleben muss», sagt Raposo. Das Team
besteht aus zwei Journalisten, einer Stagiaire und zwei Leuten in der
hauseigenen Werbeabteilung. Nicht selbstverständlich für ein solches
Projekt: Die Zeitung zahlt GAV-Löhne und hat einen respektablen
Budgetposten für Freie bereitgestellt. Trotz bescheidenen Mitteln hat
man journalistischen Ehrgeiz und arbeitet redaktionell mit der
Freiburger La Liberté zusammen: «Wir übernehmen von ihnen Artikel über
die kantonale Politik und solche mit Magazincharakter und beliefern sie
dafür mit Eigenrecherchen aus der Region.» Die Satirezeitschrift
Saturne warnt die frisch gebackenen Zeitungsmacher, die, um Abonnenten
zu gewinnen, vergünstigte Eintritte in den Höhlen von Vallorbe oder im
Bisonpark in den Jurabergen anbieten: «Pass auf, Isidore!, wenn du dich
weiter an ein so La Région Nord Vaudois ‹junges› Zielpublikum richtest,
bietet man dir bald die Redaktion einer Seniorenzeitschrift an!»

Edipresse-Mann Pierre Buntschu, Verleger-Stellvertreter für 24 Heures,
gibt sich gelassen. «Wenn ein Baum gross wird, wachsen an seinem Fuss
neue Bäumchen», sagt er mit poetischem Schwung. Das Lokalblatt sei kein
Problem für eine grosse kantonale Zeitung wie 24 Heures: «Wir arbeiten
schlicht nicht auf der gleichen Ebene.» Edipresse werde am Konzept der
vier Splitausgaben nichts ändern, arbeite aber weiterhin am geplanten
Relaunch für den kommenden Herbst (siehe WW 01/06). Für einmal ist
Raposo, für den mit seinem Abschied von 24 Heures ein
nervenaufreibendes Jahr zu Ende gegangen ist, mit seinem Ex-Arbeitgeber
einverstanden: «Unsere Lokalzeitung ist keine Konkurrenz für Edipresse.
Wir sind ein Nischenprodukt.»
    

Helen Brügger

Regionalisierung mit Misstönen

Seit etwas mehr als einem Jahr erscheint 24 Heures aus dem Hause
Edipresse in vier verschiedenen Splitausgaben. Der Veränderung war die
Fusion des Blattes mit zwei  Lokalzeitungen in Yverdon und in
Montreux, Les Presses, vorausgegangen. Mit der Regionalisierung war das
Publikum indessen nicht zufrieden. Sie sorgte bei der Zielgruppe
weitherum für Verunsicherung.

Die Leserschaft des früheren Regionalblattes 24 Heures fühlte sich mit
den neuen Splitausgaben nicht mehr ausreichend über die überregionalen
Ereignisse informiert. Leser der einverleibten Blätter hingegen wussten
und wissen nicht, was sie mit ihrer umfangreichen Splitausgabe von 24
Heures anfangen sollen.

Im vergangenen Januar hat Edipresse auf die unzufriedene Leserschaft
reagiert und den Regionalbund der Zeitung umgestellt und klarer
strukturiert. (rw)
 

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