Salz in der Mediensuppe

Medienjournalismus Klartext, die Vorreiterpostille für kritischen Medienjournalismus, feiert ihr erstes Vierteljahrhundert – und bleibt unentbehrlich.

Medienjournalismus Klartext, die Vorreiterpostille für kritischen Medienjournalismus, feiert ihr erstes Vierteljahrhundert – und bleibt unentbehrlich.«Es ist eine Leistung, dass der Klartext heute immer noch existiert», sagt Hans Stutz, seit nunmehr fünf Jahren Chefredaktor des ersten unabhängigen und nicht gewinnorientierten Schweizer Medienmagazins. In der Tat: Seit 25 Jahren geben sich im Klartext praktisch sämtliche Exponenten von Presse, Radio und Fernsehen sozusagen die Klinke in die Hand und lesen im Blatt aufmerksam zwischen den Zeilen der Konkurrenz. Das Heft machte sich damit bis heute für Medienschaffende wie Verleger unentbehrlich. Blättert man die jeweils sechs Ausgaben allein der vergangenen drei Jahrgänge durch, so liest sich die Liste der Befragten im grossen Interview, dem Klartext-Markenzeichen, als wahres Panoptikum der hiesigen Medienbranche – auch der jenseits von Alpenkamm und Röstigraben: Ringier, Köppel, Bollmann, Rothenbühler, Gisler, Lebrument, Hartmeier, Deltenre, Marchand, Rohner, Deutsch, Lüdin, aber auch Leuenberger (Moritz) sowie Vertreter aus Medienwissenschaft und Medienrecht. Seit einer leichten Auffrischung des Layouts vor knapp vier Jahren gesellte sich zum grossen, jeweils fünf- bis sechsseitigen Interview ein Porträt beziehungsweise eine Reportage als zweiter Schwerpunkt im Heft. Stutz umschreibt die politische Ausrichtung des Klartext als links, jedoch weit entfernt von parteipolitischem Denken. «Wir berichten aus Sicht der Medienschaffenden und fokussieren stark auf die Auseinandersetzung mit den Verlegern», sagt er. Anders als viele in der Branche verteidigt Klartext den Service public und fragt nach sozial- und bildungspolitischer Relevanz von Medien. Die inhaltliche Kontinuität der Beiträge wertet Stutz als die grösste Leistung in der 25-jährigen KlartextGeschichte. Denn vielen namhaften Autorinnen und Autoren gelang über die Jahrzehnte, die vollkommene Umwälzung der Medienlandschaft kontinuierlich abzubilden und zu hinterfragen. Sie warnten früh (und erfolglos) vor der grassierenden Kommerzialisierung von Radio, Fernsehen und der Presse.
Klartext entstand aus Sorge um den Fortbestand des kritischen Journalismus zu Zeiten der Jugendunruhen, der Werbeboykotte und Entlassungen von kritischen Journalisten und Chefredaktoren. Im Oktober 1980 erschien das erste Heft, herausgegeben von der Schweizerischen Journalisten Union (SJU), um den kritischen Diskurs zur Medienpolitik über die Gewerkschaften hinauszutragen. «Wir fanden, es brauche ein unabhängiges Magazin, um diese Anliegen zu verstärken», erinnert sich Jürg Bürgi, von Anfang an mit dabei, späterer Stiftungsratspräsident und langjähriger Klartext-Redaktor. Man ging mit dem neuen Magazin auf die Strasse und hatte rasch genügend Abonnenten zusammen. Schnell fanden die entlarvenden Meldungen über das Innenleben der Medien Beachtung in den Chefetagen, wo man fleissig Berichte herauskopierte.
Später wurde zur Sicherung der redaktionellen Unabhängigkeit die Stiftung Klartext gegründet. Ab Januar 1985 leitete Max Jäggi fast zehn Jahre lang den Klartext als Chefredaktor, dessen Ära viele als Grund für die Kontinuität des Blattes sehen. Insider sind der Ansicht, Klartext sei zu Zeiten von Max Jäggi angriffiger und frecher als heute gewesen.
«Die heutige Wahrnehmung in der Deutschschweiz ist etwas eigenartig», kommentiert dies Hans Stutz. Denn die Artikel waren damals zum Schutz vor Repressionen nicht gezeichnet und Quellen manchmal ungenügend belegt, was heute allgemein als veraltet angesehen werde. Dagegen sind die Interviewten immer wieder über die hohe Beachtung ihrer Statements erstaunt. Umgekehrt werde Klartext wenig in den Medien zitiert, sagt Stutz. Wo früher gehässige Leserbriefe an der Tagesordnung waren, sind die Reaktionen generell zurückgegangen. Heute sucht man vergeblich, wen die Klartext-Redaktion wohl wieder in die Pfanne gehauen hat.
In der Westschweiz hingegen herrscht eine Art Boykott gegen das Heft, indem es die Verleger als blosses Gewerkschaftsorgan abtun. «Aber gelesen wird es trotzdem», sagt Helen Brügger, langjährige Westschweizer Korrespondentin, die mit ihren Beiträgen erfolgreich gegen den Röstigraben anschreibt. «Das ist wichtig, denn versteht man die Medien als vierte Macht, dann gehört die ganze Schweiz dazu», sagt Brügger. Allerdings – und das gilt für die ganze Schweizer Medienlandschaft – sei es schwieriger geworden, zu zitierbaren Aussagen zu kommen, da könne man heute nur noch mit den Chefs reden. Das verwundert nicht, denn immer noch fürchten viele um ihre Stelle, nach dem massiven Stellenabbau der letzten Jahre.
Klartext erscheint viermal im Jahr in einer Auflage von 3500 Exemplaren und zweimal in 8000er-Grossauflage. Das Blatt wird auch an die Mitglieder der Mediengewerkschaft Comedia verteilt, die es teilweise über ihre Mitgliederbeiträge finanzieren. Klartext entgingen zahlreiche Abos, weil vor sieben Jahren nicht alle Mediengewerkschaften der Comedia beitraten. Damit rückte auch die Umstellung auf monatliche Erscheinungsweise in die Ferne, wovon immer wieder die Rede war. «So können wir oft nur langsam auf Aktualitäten reagieren und müssen unsere Beiträge allgemeiner halten», sagt Stutz. Gestorben ist die Idee indessen nicht. Doch vorerst soll – auch im Internet – alles bleiben wie bisher. «Ein zusätzlicher Newsletter wäre zu viel und würde nur funktionieren, wenn er einen bestehenden verdrängte», meint Stutz. Viel lieber macht man sich Gedanken über die Zukunft des Medienjournalismus, so im aktuellen Jubiläumsheft, und will weiterhin Salz in die helvetische Mediensuppe streuen.
«Wir berichten aus Sicht der Medienschaffenden und fokussieren stark auf die Auseinandersetzung mit den Verlegern.»
Eine Nico-Karikatur ziert die Front der 90-seitigen Jubiläumsausgabe.
René Worni

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