Früher wars besser und besser wirds wieder

Medienkongress An den 17. Medientagen in München gabs Durchhalteparolen zuhauf. Nennenswerte Impulse kamen einzig vom Nachwuchs – und von Gastredner Roger Schawinski.

Medienkongress An den 17. Medientagen in München gabs Durchhalteparolen zuhauf. Nennenswerte Impulse kamen einzig vom Nachwuchs – und von Gastredner Roger Schawinski.
Haim Saban, der neue Hauptaktionär der ProSieben Sat 1 Media AG, liess sich in Hollywoodmanier mit Hochglanzgattin Cheryl ablichten und berichtete in seiner Keynote von den Deutsch-Wörterbüchern, die er zum 59. Geburtstag bekommen habe. Aha. Und Thomas Middelhoff, Ex-Regent von Bertelsmann, erklärte, dass nur jene zum grossen Erfolg auserwählt seien, die den Menschen nicht möglichst wenig, sondern möglichst viel für einen Dollar geben. Soso.Starwerber Holger Jung, auch Präsident des deutschen Gesamtverbands der Werbeagenturen, kam gar nicht erst nach München. Ebenso hielten es die angekündigten Frank Schirrmacher von der FAZ und Stern-Chefredaktor Thomas Osterkorn. Was sie verpassten, war allenfalls Aufgewärmtes. Das schmeckt vielen offenbar immer noch besser als konzeptionelle Frischware. Entsprechend war das diesjährige Motto so ambitioniert wie austauschbar: «Vertrauen gewinnen – Kreativität stärken.»
Schawi warnt vor neuem Hype
82 Panels mit 450 Referentinnen und Experten hatten die Organisatoren aufgeboten, um der verunsicherten deutschen Medienszene neue Perspektiven zu vermitteln. Doch das «Wunder von München» blieb aus. Wer also von Aufschwung und Siegen träumen will, geht besser ins Kino. Zum Beispiel in Sönke Wortmanns Fussball-Erfolgsfilm «Das Wunder von Bern», der den deutschen WM-Sieg 1954 rekonstruiert.
Während man auf den Podien und Gipfelgesprächen weit gehend in Nostalgie schwelgte, sorgte ausgerechnet Roger Schawinski für kurzes Aufsehen. Der Zürcher Medienpionier warnte vor einer neuen Überbewertung von Aktien der Onlinebranche und belegte seine These mit dem geplanten Börsengang von Google. Obwohl das Unternehmen keine gesicherten Zahlen liefere, könne eine Aktienversteigerung via Internet einen Hype auslösen, aus dem es erneut ein «böses Erwachen» gebe. Zum eigenen Marktwert wollte sich Schawi hingegen nicht äussern. Wohl auch deshalb, weil mit den ebenfalls anwesen-
den Haim Saban und Urs Rohner potenzielle zukünftige Arbeitgeber hätten mithören können.
Ansonsten lieferte die standortpolitische Grossveranstaltung, die Edmund Stoiber wie jedes Jahr mit bajuwarischem Pathos eröffnete, viel Bekanntes und Bewährtes: «Anzeigen dürfen nicht den Eindruck erwecken, sie wären redaktionelle Bestandteile», lautete etwa die revolutionäre Forderung von Gregor Stemmle aus der Geschäftsführung der Bild-Gruppe. Und Unternehmensberater Adam Bird von Booz Allen Hamilton doppelte nach: «In den USA ist man schon viel weiter in der Zielgruppensegmentierung.»
Nullaussagen auch zum Thema Fernsehen. Zum x-ten Male wurde dort verhandelt, ob die öffentlich-rechtlichen Anstalten schon wieder höhere Gebühren verlangen dürfen. Saban wagte gar die Grundsatzfrage, warum das deutsche Subventions-TV zusätzlich TV-Werbung verkaufen dürfe. Angesichts so viel amerikanischer Ahnungslosigkeit soll sogar Sabans Chefoperator Urs Rohner die Augen verdreht haben.
RTL-Chefredaktor Hans Mahr stichelte derweil gegen das ZDF, welchen Sinn denn ein Begleitheft zur Erfolgssendung «Wetten, dass …?» habe. Die Erlöse der Zeitschrift gingen ausschliesslich in die Sendung, konterte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und ergänzte: «So können VIPs wie Hans Mahr weiterhin auf Gottschalks Couch Platz nehmen.»
Wer keine Lust auf Lacher hatte, demonstrierte Zuversicht. Der Aufschwung, auch jener für die 350 selbstständigen deutschen Tageszeitungstitel, werde schon kommen; wenn nicht 2004, dann halt 2005. Bloss wie? Der Chefredaktor der Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung erklärte, man müsse einfach «Produkte anbieten, die die Leute haben wollen». Verlage müssten ihre regionale Informationskompetenz ausbauen, den Lesern Added Values bieten und nicht dauernd Journalisten vor die Tür setzen.
Wenn schon nicht solch konstruktive Vorschläge, was bleibt dann von der 17. Ausgabe der Branchenshow? Am ehesten noch ein positiver Eindruck vom Nachwuchs. Noch nie hätten sich so viele junge Leute nach Medienberufen erkundigt, berichtet die Geschäftsführerin des Medien-Campus. In diesem Dachverband sind 52 bayerische Ausbildungsinstitute vereinigt. Deren Geschäftsführerin Gabriele Goderbauer sagte: «Die jungen Leute lassen sich vom Pessimismus nicht anstecken. Sie recherchieren ihre Chancen so gut vorbereitet wie noch nie.» In dieser Haltung steckt vermutlich mehr Aufschwung als in den Durchhalteparolen der angeblich Ausgelernten.
Auf den
Podien und in Gipfeltalks schwelgte der Kongress in Nostalgie.
«Die jungen Leute lassen sich vom Pessimismus nicht anstecken»: An den Münchner Medientagen gabs ansonsten nur Altbackenes zu hören.
Peter Ehm

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