Wenn das Monopol zur Falle wird

Regional-TV Die St.Galler Tagblatt AG (SGT) will bis Mitte Jahr die Trägerschaft ihrer 100-Prozent-Tochter Tele Ostschweiz (TVO) verbreitern, um den Monopolvorwurf zu entkräften. Auch ein vollständiger Verkauf wird nicht ausgeschlossen.

Regional-TV Die St.Galler Tagblatt AG (SGT) will bis Mitte Jahr die Trägerschaft ihrer 100-Prozent-Tochter Tele Ostschweiz (TVO) verbreitern, um den Monopolvorwurf zu entkräften. Auch ein vollständiger Verkauf wird nicht ausgeschlossen.«Über die künftige Form der Trägerschaft haben wir keine bestimmten Vorstellungen», sagt der SGT-CEO Hans-Peter Klauser auf Anfrage. Denkbar sei der Verkauf von TVO-Anteilen oder das Einbringen von TVO in eine Stiftung wie bei Tele Basel. «Je nachdem werden wir aber auch den ganzen Sender verkaufen, wenn dies der Sache mehr dient», sagt Klauser. «Unser Hauptziel ist, der Ostschweiz unser Kind zu erhalten, das wir mit Investitionen zwischen 10 bis 15 Millionen Franken aufgezogen haben.» Noch habe man keine potenziellen Käufer im Auge, man werde aber nach «medienunabhängigen Investoren» Ausschau halten, die in der Ostschweiz beheimatet seien und TVO am Leben erhalten wollen, so Klauser. Und man werde auch mit den Behörden sprechen.Es waren vor allem nichtfinanzielle Gründe, die den Anstoss für die geplante Verbreiterung der Trägerschaft gegeben haben, betont der CEO. Zwar schätzt er die noch notwendigen Investitionen für TVO auf etwa fünf Millionen Franken, und er macht kein Geheimnis daraus, dass auch die SGT-Gruppe sinkende Werbeerträge verzeichne, was überall Sparmassnahmen notwendig mache. «Doch wir pfeifen nicht aus dem letzten Loch», sagt Klauser, die SGT sei durchaus in der Lage, TVO weiterhin zu tragen.
Fit fürs Gebühren-SplittingDie Teilhabersuche habe primär zum Ziel, TVO für das anstehende Gebühren-Splitting tauglich zu machen. Denn gemäss RTVG-Entwurf würden ab 2005 TV-Sender mit grösstmöglicher Unabhängigkeit von andern Medienunternehmen bevorzugt. «Ändern wir nichts an der Trägerschaft, werden die Behörden dereinst wohl eher Tele Top eine Gebühren-Splitting-berechtigte Konzession zugestehen, unsere Chancen wären dagegen gleich null», meint Klauser. Damit würde man die Weiterexistenz von TVO gefährden. Durch eine breitere Trägerschaft bei TVO «sollen die Monopolvorwürfe gegen das Ostschweizer Medienhaus entschärft werden», schreibt Klauser denn auch im Communiqué.
Tatsächlich ist der SGT-Gruppe die eigene Medienmacht (Print, Radio, TV) schon zweimal zum Problem geworden: Mit dem Argument «Stärkung der Medienvielfalt in St.Gallen» erlaubten die Behörden dem TVO-Konkurrenten Tele Top eine Ausweitung seines Sendegebietes nach St.Gallen, umgekehrt wurde TVO selbst aber das Ausstrahlen auf den ganzen Kanton Thurgau untersagt.
Regionen noch nicht definiertIn einer ersten Stellungnahme bezeichnete Bernhard Bürki, Sprecher des Bundesamtes für Kommunikation, die Verbreiterung der TVO-Trägerschaft als «ein Element, das wir begrüssen». Dennoch sei sie keine Garantie dafür, dass TVO dereinst auch gebührenberechtigt werde. Nun ist es aber so, dass TVO seine Zuschauer etwa doppelt so lange bei der Stange halten kann wie Tele Top (siehe auch WW 3/03). Wird also ein TVO mit breiterer Trägerschaft und einer derart guten Nutzung dereinst nicht automatisch aus der Poleposition starten? Bürki erklärte, für entsprechende Prognosen sei es zu früh: Weder sei die neue Splitting-Regelung vom Parlament genehmigt, noch seien die Splitting-Regionen vom Bundesrat bestimmt und ausgeschrieben. Sicher sei aber, dass die Nutzungszahlen nicht das wichtigste Zuschlagskriterium darstellen würden (siehe Kasten).
Wie aber reagieren die andern TV-Betreiber in der Ostschweiz? Bringt die neue Fragestellung von TVO das oft schon vergeblich diskutierte Thema «Kooperation» wieder auf den Tisch – ein Thema, über das sich die Kontrahenten bisher nie hatten einigen können. Allzu gross waren die Differenzen hinsichtlich Qualität, Budget, Konzept, Sendegebiet, Besitz- und Mitspracheanteile. Fest steht nur so viel: Erste informelle Gespräche gab es bereits. Norbert Neininger, VR-Delegierter des Schaffhauser Fernsehens (SHTV), hält an einem eigenen TV fest, und Hanspeter Lebrument, Chef von Tele Südostschweiz, ist zufrieden mit seinem heutigen Sendegebiet, das sich auf die Kantone Glarus, Graubünden und Schwyz erstreckt. «Wir lassen uns nun sicher nicht zu einer Reaktion verleiten», sagte Lebrument. Und Top-Chef Günter Heuberger liess einzig und eher einsilbig verlauten, dass er «allfällige Vorschläge von TVO sicher prüfen werde».
Was aber meint man bei TVO selbst zu Kooperationsplänen? SGT-CEO Klauser stellt nach eigenen Worten einen neuen Kooperationsversuch in den Vordergrund. Für den Fall, dass das Investoreninteresse an TVO klein sein sollte, wolle er sich diese Option dennoch offen halten, sagt er.
Hält derzeit intensiv nach Partnern Ausschau: Tele Ostschweiz.

TVO will mit neuer Trägerschaft am Gebühren-Splitting laut RTVG-Entwurf teilhaben.
So stehts um die Ostschweizer TVsObwohl TVO im letzten Jahr seine Einnahmen (primär aus regionaler Werbung) um 50 Prozent auf 1,4 Millionen Franken steigern konnte, betrug das letztjährige Defizit gemäss Hans-Peter Klauser 2,9 Millionen Franken, immerhin aber 600000 Franken weniger als im Jahr 2001. Für 2003 rechnet Klauser mit einem weiteren Minus von zwei Millionen Franken. Die angekündigten Sparmassnahmen sind bereits eingerechnet: TVO wird insgesamt sieben Stellen abbauen und die Reportagesendung «Zoom» absetzen.
Das Schaffhauser Fernsehen (SHTV) weist für 2002 ein Defizit von etwa 200000 Franken aus. Diese Zahl sei auch für 2003 «realistisch», sagt Norbert Neininger, Delegierter des SHTV-Verwaltungsrates. 2001
betrug der Verlust noch 300000 Franken.
Günter Heuberger gab vor einem Jahr den Verlust von Tele Top im Jahre 2001 mit 0,5 Millionen Franken an. Für 2002 wollte er jedoch nur von
einem «erneut sechsstelligen Defizit-betrag» sprechen. Tele Top habe mehr Einnahmen, aber auch höhere Ausgaben gehabt, was für 2003 wieder so budgetiert sei. Ein Stellenabbau stehe aber nicht an. (mk)

Das steht im RTVG-Entwurf
In seiner Botschaft zum RTVG hält der Bundesrat zunächst fest, dass es heute in der Schweiz «eine zu hohe Anzahl» von TV-Anbietern gebe.
Darum will er künftig «nicht mehr als zehn bis höchstens zwölf Fernsehveranstalter mit Gebührenanteil» konzessionieren, zudem soll pro
Gebiet nur ein Veranstalter eine solche Konzession erhalten. Gemäss
Art. 55, Abschnitt 2 RTVG gelten dabei folgende Auswahlkriterien: Konzessioniert wird, wer am besten in der Lage ist, den gesetzlichen
Leistungsauftrag zu erfüllen. Das hat oberste Priorität. Bei gleichwertigen Bewerbern kommt jener zum Zug, der am wenigsten von andern Me-dienunternehmen abhängig ist. (mk)
Markus Knöpfli

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