«Die gute Sache steht im Vordergrund»

Benjamin Tück, Country Lead von Accenture Song Switzerland, ist zu den Cannes Lions gereist. Mit m&k Werbewoche.ch hat er über seine Eindrücke vor Ort, aber auch über Schweizer- und globale Trends in der Digital-, Marketing- und Kommunikationsbranche gesprochen.

Werbewoche.ch: Lieber Herr Tück, wie zahlreiche Schweizer Agentur-, Digital- und Kommunikationsprofis verbringen auch Sie gerade einige Tage bei den Cannes Lions. Wie sind Ihre Eindrücke dieses Jahr?

Benjamin Tück: Die Stimmung ist super, und die Diskussionen sehr konstruktiv. Das Schöne beim Cannes Lions Festival ist, dass die gute Sache im Vordergrund steht. Die Teilnehmenden möchten ihre Ideen miteinander austauschen und Kontakte knüpfen. Für mich persönlich ist dabei der Austausch mit unseren Kund:innen wesentlich. Cannes bietet einen sehr guten Rahmen, um sich unbeschwert und themenbezogen auszutauschen. Es ist zudem interessant zu sehen, wie jedes Jahr mehr technologiebasierte Projekte eingereicht und für die Awards nominiert werden. Dieser Trend, neue Technologien für die Entwicklung kreativer Lösungen zu benutzen, wird sich in Zukunft noch weiter verstärken.

 

Live-Austausch im Cannes-Format war während der Pandemie nicht möglich. Haben Sie den Eindruck, das hat der Branche gefehlt?

Es ist immer schade, wenn ein solch grosser Anlass, bei dem man sich in Person treffen und miteinander diskutieren kann, nicht vor Ort stattfindet. Eine Pause hilft aber auch, das zu schätzen, was man hatte. Hier vor Ort können wir täglich problemlos eine dreistellige Zahl von Kund:innen, Kolleg:innen und Mitbewerbern treffen. Das wäre online schlicht nicht möglich.

 

Nun ist die Schweiz ja nicht unbedingt einer der «Frontrunner », wenn es um die Löwenjagd geht … aber das heisst nicht, dass sich in unserer Agentur-, Digital- und Kommunikationsbranche nichts bewegt. Sie etwa haben Ihr Haus vor einer Weile als «Accenture Song» ge-rebrandet. Dahinter steckt aber mehr als nur ein neuer Name, oder?

Genau, hinter dem neuen Namen steckt auch eine Strukturanpassung. 2022 haben wir die Geschäftsbereiche von «Accenture Interactive» so konsolidiert, dass wir den sich ändernden Kundenanforderungen effizient und passgenau gerecht werden können. Das Ziel des neuen Namens war es, das zu generisch gewordene Wort «Interactive» zu ersetzen und eine einprägsame, wirkungsvolle und optimistische Alternative zu schaffen. Der neue Name kommt auch mit einem signifikant neuen Betriebsmodell. Wie auch bei unseren Kund:innen hat die tägliche Ausgestaltung ein wenig länger gedauert, mittlerweile sind wir aber auf einem sehr guten Weg, das Modell einer digitalen Agentur neu zu definieren.

 

Welche Prioritäten setzen Sie aktuell im Schweizer Markt?

Die Dynamik im Markt hat sich in den letzten Monaten stark gedreht. Das stagnierende globale Wachstum hat deutlich aufgezeigt, dass viele Unternehmen Technologie im Marketing und Sales noch nicht effizient nutzen. Viele Kund:innen sind kostenbewusster geworden und legen im Moment einen stärkeren Fokus auf die Transformation ihres Geschäftsmodells. Natürlich spielt da die effiziente Nutzung von Daten und im nächsten Schritt Generative KI eine grosse Rolle. Wir nutzen diese neue Technologie bei unseren Kundenlösungen und untersuchen ihre Relevanz mittels Studien. Mit den mehr als 25 Patenten, die Accenture in diesem Bereich besitzt, profitieren wir bei dieser Arbeit von unseren hauseigenen Expert:innen.

 

Und welche Entwicklungen respektive Trends sind für Accenture Song global aktuell am relevantesten?

Die Entwicklung der Generativen KI ist sehr relevant für uns. Diese neue Technologie verändert die Art und Weise, wie wir kommunizieren, konsumieren und kreieren, und wird überall integriert werden. Neben den neuen Technologien wird uns auch das Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Wir integrieren Nachhaltigkeit in alles, was wir tun, und entwickeln nachhaltige Lösungen für unsere Kund:innen. Das Sustainability Studio von Accenture Song bringt beispielsweise 30 Expert:innen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Lebenszentrierung zusammen, um Erkenntnisse, Strategien und Designideen für ein umweltbewussteres Zusammenspiel zwischen der Natur, Wirtschaft und den Menschen zu liefern.

 

Ich durfte Ihr Entwicklungszentrum in Zürich schon persönlich bewundern – Sie sind eine Unternehmung, die viel in neue Technologie investiert, auch abseits Ihrer typischen Geschäftszweige. Was für Experimente machen Sie mit Generativer KI?

Accenture hat erst letzte Woche verkündet, über die nächsten drei Jahre 3 Milliarden US-Dollar in KI zu investieren. Unser übergeordnetes Ziel mit dieser Investition ist es, Kund:innen dabei zu unterstützen, ihre Abläufe auf allen Ebenen neu zu gestalten und mithilfe von KI schnell und verantwortungsbewusst zu Wertschöpfung zu gelangen. Viele unserer Kund:innen haben in der Schweiz ihren globalen Hauptsitz, und ein Grossteil ihrer globalen Marketingausgaben wird hier abgewickelt. Die effiziente Nutzung von Daten und Content mithilfe von KI hat für beide Seiten der Bilanz ein sehr grosses Potenzial.

 

Wo sehen Sie die Chancen – und wo die Risiken – die mit der Technologie verbunden sind?

Generative KI ermöglicht es uns, Prozesse effizienter zu gestalten. Mit dieser Technologie können wir zum Beispiel Informationen viel schneller finden und zusammentragen oder die Codeerstellung und das Senden von Nachrichten automatisieren. Den Einfluss von Generativer KI auf die Kreativbranche haben wir bereits gesehen: Plötzlich können mit wenigen Klicks realistisch aussehende Bilder erstellt werden. Die grösste Schwierigkeit dabei ist sicherzugehen, dass die Informationen der KI verlässlich sind – gerade jetzt, wo die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Zudem müssen wir damit rechnen, dass auch Kriminelle Generative KI für ihre Zwecke nutzen werden, beispielsweise, um bösartige Codes zu generieren oder Phishing-E-Mails zu schreiben.

 

Sir Martin Sorrell sagte mir einmal in einem Interview, er betrachte Accenture als grössten Konkurrenten. Haben Sie sich seine Präsentation in Cannes angesehen – und teilt Ihr Unternehmen sein Assessment vice versa?

Sir Martin Sorrells Erfolge sind sehr beeindruckend, und entsprechend freuen wir uns über seine Anerkennung. Mein Verständnis ist, dass S4 Capital eine ähnliche Reise machen möchte, wie wir sie mit Accenture Song seit über 10 Jahren machen. Das wird sicher spannend! Leider hat es sich zeitlich nicht ergeben, bei der Präsentation von Sir Martin Sorrell dabei zu sein. Ich habe meine Woche bewusst um meine Kund:innen gestaltet. Unsere Mitbewerber habe ich mir, wenn möglich, angehört, denn man kann viel voneinander lernen. Aber die Ausrichtung unseres Geschäftsmodells beginnt bei unseren Kund:innen.

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