Lehrer kämpfen mit einem neuen Manifest gegen Schulsponsoring

Die Unternehmen drängen ins Klassenzimmer. Lehrer aus dem deutschsprachigen Raum wollen sich mit einem Manifest zur Wehr setzen.

schulsponsoring

Wie die Schweiz am Wochenende in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, wurde kürzlich in Hamburg ein länderübergreifendes Manifest verfasst. Lehrerverbände aus der Schweiz, Deutschland und Österreich versammelten sich, um die Hamburger Erklärung zu verabschieden. Geschlossen warnen die Lehrer aller drei Länder vor dem immer stärker aufkommenden Sponsoring an Schulen.

Aus Sicht der Unternehmen sind die Zeiten, um die zukünftige Kundschaft bereits im Schulalter mit der eigenen Marke vertraut zu machen, besser denn je: Die Schulen stehen unter einem grossen Spardruck – gleichzeitig nehmen seit längerem die Schülerzahlen wieder zu. Zusätzlich verlangt die Digitalisierung des Unterrichts nach teuren Geräten wie Tablets. Apple zum Beispiel stellt nicht nur iPads und Lernapps zur Verfügung, sondern ködert Lehrer, welche mit Apple-Produkten unterrichten, mit Rabatten, Reisen und Seminaren. Auch Samsung sponsert Tablets, Microsoft kostenlosen Speicherplatz.

Kinder – ein dankbares Werbepublikum

Kinder sind aus Marketing-Sicht ein dankbares «Publikum». «Kinder sind noch nicht in der Lage, Werbung rational zu verarbeiten und dadurch leichter zu beeinflussen», sagt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter zur Schweiz am Wochenende. Entsprechend eifrig drängen die Firmen in die Schulen.

Der Fleischverband spendiert Kindergärten ein «Würstli-Memory». Nestlé erteilt Geschichtslektionen über Schokolade. Swissnuclear lehrt, wie sicher Atomstrom sei. Oft wird auch eine Broschüre der Pharma-Firma MSD über den ersten Besuch beim Frauenarzt als Unterrichtsmaterial eingesetzt, weil keine «offiziellen» Alternativen existieren (Werbewoche.ch berichtete). Der Milchverband Swissmilk veranstaltet den jährlichen Milchtag.

Interdiscount stellt 25’000 Leuchtwesten für Kindergärtler zur Verfügung. Damit sei man der Bitte von Elternräten nachgekommen, sagt Marketingchef Martin Koncilja. Er kann Kritik am Branding nicht nachvollziehen – schliesslich verteile der TCS ja seit Jahren ähnliche Westen.

Verbindliche Regeln gefordert

Gegen die Zunahme von Logos und Product Placement an Schulen wollen sich die Lehrer mit der Hamburger Erklärung zur Wehr setzen. Gefordert werden einheitliche, verbindliche Regeln für das Sponsoring an Schulen. Und klare Strukturen von den Kantonen.

Der Ruf nach Verbindlichkeit hat seine Gründe. Denn beim neuen Manifest handelt es sich nicht um den ersten Versuch, dem grassierenden Sponsoring-Wildwuchs an Schulen Einhalt zu gebieten. Im letzten Winter stellten die Lehrer einen 52-seitigen Leitfaden vor, welcher den richtigen Umgang mit Sponsoring aufzeigte. Der damit verbundene Kodex wurde von Firmen wie Swisscom, Post, Samsung und Microsoft unterzeichnet. Allerdings ist er freiwillig. Und so haben bisher nur wenige Kantone offizielle Richtlinien erlassen.

Das geschlossene Auftreten der DACH-Lehrer soll der Forderung nach klaren und verbindlichen Regeln nun Nachdruck verleihen. (hae)

Bild: Foto Schülerin: PublicDomainPictures, Collage: Werbewoche.

(Visited 9 times, 1 visits today)

Weitere Artikel zum Thema