ADC-Jury-Chairman Thomas Wildberger: «Ein Leben ohne Awards ist möglich. Aber sinnlos.»

Ein Interview mit Thomas Wildberger, dem Chairman der Jury der diesjährigen ADC Awards.

Werbewoche.ch: Sie sind Chairman der Jury, was bedeutet das genau?

Thomas Wildberger: Ich bin sozusagen der Dirigent eines Orchesters, in dem jeder die erste Geige spielen will. Ernsthaft: Es geht darum, 25 hoch dekorierte Kolleginnen und Kollegen durch eine Vielzahl von Arbeiten zu führen und diesen Weg möglichst neutral zu moderieren, um am Schluss die jährliche Benchmark in Bezug auf kreative Kommunikation festzulegen. Wir haben natürlich das gemeinsame Ziel vor Augen, die kreativste, herausragendste und wegweisendste Kommunikation in unserem Land zu bestimmen.

431 Arbeiten wurden eingereicht, wie schwierig ist es, daraus Gold, Silber und den Grand Prix in den 19 Kategorien zu destillieren?

Es erfordert ein Höchstmass an Objektivität, Fairness und Konzentration, um die Arbeiten richtig einordnen zu können. Das ist ein Prozess. Bei manchen Arbeiten ist sehr schnell klar, womit sie ausgezeichnet werden. Bei anderen dauert es länger bzw. erfordert es eine Diskussion unter den Juroren, die ihre unterschiedlichen Meinungen äussern und zur Urteilsbildung beitragen.

Wie einig oder eben auch uneinig ist sich die Jury dieses Jahr gewesen?

Interessanterweise herrschte bei nahezu allen ausgezeichneten Arbeiten fast absolute Einigkeit. Es gab lediglich ein paar wenige «fifty-fifty»-Kandidaten, bei denen am Ende Nuancen entschieden haben, ob eine Arbeit etwas gewinnt oder nicht.

Was muss eine Grand Prix-Arbeit mitbringen und was haben Sie in der Hinsicht in diesem Jahr besonders berücksichtigt?

Der Grand Prix würde an eine Arbeit gehen, die nochmals alle anderen überstrahlt und in sämtlichen Belangen hervorsticht. Nun hatten wir den seltenen Fall, nicht eine solch exzellente Arbeit zu sehen, sondern gleich sechs. Weil wir keine davon über eine andere stellen wollten und alle als gleichwertig brillant eingestuft haben, gab es anstatt eines Grand Prix sechs Goldmedaillen auf Grand Prix-Niveau. So zu handeln steht übrigens im Einklang mit den Regularien, die keine Pflicht für die Vergabe eines Grand Prix festschreiben.

Hat die Jury bedingt durch die unruhigen Zeiten seit mehr als zwei Jahren eine Veränderung an den eingereichten Arbeiten bemerkt, ist der Ton anders, die Themen, der Kontext?

Natürlich haben sich zahlreiche Arbeiten mit der Pandemie und deren Auswirkungen beschäftigt. Dafür haben wir eigens die Kategorie Corona ins Leben gerufen. Abseits davon habe ich wenig Veränderung festgestellt. Allerdings habe ich bemerkt, dass wir gerade im Bewegtbildbereich zum einen sehr viele Einsendungen hatten und zum anderen sehr viele mit hoher Qualität. Daraus haben sich am Ende sage und schreibe drei Goldmedaillen nur für diesen Bereich ergeben. Zudem fällt auf, dass wir Gewinnerarbeiten für weltweit bekannte Kunden haben wie Schweiz Tourismus, Canal+, Swisscom, Freitag oder Welti-Furrer. 

Wie schaut die Jury auf die Kriterien der Diversität? Haben Initiativen wie das Gislerprotokoll die Produktionen schon beeinflusst?

Ja, Diversität im kreativen Output nimmt spürbar zu. Aber bei der Jurierung selbst war es kein Thema. Es geht ja um die gute Idee und was auch immer es braucht, um sie zu transportieren.

Wie stehen Sie zu Awards im Allgemeinen? Wie wichtig sind sie für die Entwicklung der Werbe- und Kommunikationsbranche?

Sie sind enorm wichtig, weil wir ganz stark daran glauben, dass kreative Kommunikation besser verkauft als unkreative. Damit wir uns im Hinblick darauf jedes Jahr neu justieren können, gibt es Award Shows. Zudem dienen sie als Orientierungshilfe für die gesamte Branche inklusive Kunden, weil wir damit zeigen, wie’s geht, dass unsere Arbeit ankommt und verkauft. Nach wie vor ist eine ADC-Auszeichnung die höchste Währung für einen Kreativen. Man sollte es natürlich nicht überbewerten, denn ein Leben ohne Awards ist möglich. Aber sinnlos.

Die Creative Days fanden diesmal vier Tage lang in der Villa Doldertal statt unter dem Motto «Straight out of Homeoffice». Wie kam der Claim zustande?

Er ist dem Timing geschuldet: Corona hört auf, der Frühling fängt an, und zufällig haben wir unsere Creative Days so terminiert, dass wir uns direkt aus dem Homeoffice in der wunderschönen Villa im Doldertal zusammenfinden.

Der ADC hat sich auf neue Wege begeben, mit dem Viertage-Kreativ-Marathon und einer Award-Ceremony, eingebettet in diese Viertage-Veranstaltung. Wie lautet dein Fazit?

Was als Experiment begann, hat sich als Glücksgriff entpuppt. Sogar das Wetter hat mitgespielt: Vier grossartige Tage mit einem abwechslungsreichen Programm, bei dem jede Person, die wollte, partizipieren und lernen konnte. Die Stimmung war gelöst und man hat gespürt, wie froh alle sind, wieder unter die Leute zu kommen. Manche kamen sogar an allen vier Tagen. Mein persönlicher Höhepunkt war der Samstag, an dem wir überraschenderweise mehr tolle Arbeiten als erwartet auszeichnen und die Macher und uns als gesamte Branche feiern durften.

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