360° Entertainment: Hart geprüfte Branche hegt auch Zuversicht

Das grösste Schweizer Eventbranchen-Treffen 360° Entertainment fiel letztes Jahr coronabedingt aus – jetzt feierte es seine digitale Auferstehung. ESB und Ticketcorner luden am Dienstag zum Online-Event ein. Referenten und Diskussionsteilnehmer trafen sich im NEP-Studio in Volketswil, von wo aus live übertragen wurde. Trotz allem Ungemach gibt es auch Hoffnungsschimmer, denn aus der Not erwuchsen neue Ideen.

Moderator Reto Caviezel (CEO Carré Events, links) Christoph Bill (Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Veranstalter des Heitere Festivals in Zofingen) im Gespräch mit SP-Copräsidentin und Nationalrätin Mattea Meyer (online zugeschaltet).

2021 sollte eigentlich der Sommer des Wiedersehens werden. Die Schweizer Entertainmentbranche steht in den Startlöchern, ist aber auf klare Leitlinien der Politik angewiesen, wie eine Rückkehr zum Event-Geschäft aussehen kann. Diese gibt es bislang nicht. Solange es Differenzen gebe, gehe es hin und her zwischen dem Ständerat und dem Nationalrat. «Es ist schwer, aber wir geben alles», so Meyer. Die Nationalrätin meinte ebenso, es werde bald eine Lösung geben, die der Veranstaltungsbranche Planungssicherheit bringt. «Bis Ende Frühling soll das stehen», hofft Mattea Meyer. Wann können erste Grossveranstaltungen mit über 10.000 Personen wieder umgesetzt werden? Nationalrätin Mattea Meyers Einschätzung: «Ich gehe davon aus, dass  2022 erste grosse Events wieder stattfinden». Auf die Frage, ob die Branche laut genug war, sagt Bill: «Wir haben versucht, etwas miteinander zu erreichen. Was zuwenig stattfindet, ist der Dialog zwischen den Veranstaltern und den Behörden. Wir müssen wissen, was kommt, um uns jetzt darauf vorbereiten zu können.»

Mittelfristig soll jedoch das Verlangen nach Events endlich die Wende bringen. Zukunftsforscher Dietmar Dahmen zeigte auf, dass die Menschheit mit der Pest und anderen Pandemien langjährige Erfahrung hat. «Das Vergnügen und die Lebenslust werden zurückkehren», prophezeit Dahmen.

Neustart statt Dornröschenschlaf

Venue-Betreiber sehnen sich nach baldiger Öffnung. «Derzeit wünschen wir uns nichts mehr als eine Rückkehr zur Normalität», sagte Felix Frei, ehemaliger Hallenstadion-Chef und jetziger Präsident des Vereins Schweizer Stadion- und Arenabetreiber, VSSA. Allerdings werde sich die Normalität für Venues nach Corona verändert haben. Ebenso wie der Entertainment-Markt. Denn es werde zu einer Bereinigung des Marktes kommen.» Darin waren sich auch Roger Büchel, der CEO des Kongresshauses Zürich und Bruno Vollmer, COO der ZSC Lions, einig. Auch darüber, dass hybride Events an Bedeutung gewinnen werden, herrscht Einigkeit unter den Experten. «Trotzdem wird das Live-Erlebnis nie aussterben.» Laut Frei wäre aktuell ein Öffnungskonzept mit angepassten Schutzkonzepten erforderlich.

Sponsoren halten Ausschau nach neuen Event-Formaten

Bisher waren die Partner der Eventveranstalter mit diesen häufig solidarisch. Doch je länger die Corona-Pandemie anhält, desto mehr leiden auch die Branchen der Sponsoren. Leidet damit auch deren Solidarität? Jörg Schönberg, der Leiter Vertrieb und Gründer von Doppelleu Boxer, verneint das. Ihm ist an langfristigen Partnerschaften gelegen. Er möchte gemeinsam mit seinen Partnern gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Eine Budgetreduktion plant Jörg Schönberg deshalb aktuell nicht. Ebenso wenig wie die beiden weiteren Gesprächsteilnehmer Oliver Niedermann, Head of Marketing der Raiffeisen Schweiz und Martin Koch, Leiter Sponsoring und Events beim Migros-Genossenschafts-Bund. Vielmehr sind alle drei dabei, nach neuen Eventformaten Ausschau zu halten. So stellt für Koch und Schönberg ein Ghost-Festival, ohne Zuschauer, eine interessante neue Möglichkeit dar.

Aus der Not geborene Innovation: Hybrid-Events

Hybridevents könnten laut Niedermann auch ganz neue Zielgruppen erschliessen. Dennoch werden sie, laut Koch, das Live-Entertainment nicht verdrängen. Denn Live-Emotionen können nicht ersetzt werden. Schönberg glaubt sogar, dass die Wertschätzung für Events und Gastronomie in Zukunft steigen wird, weil die Menschen durch Corona gemerkt haben, was sie daran haben. Laut Niedermann könnte die Nachfrage sogar über den Stand vor Corona steigen. Alle drei Experten sagen, dass die Eventbranche sich mit einer neuen Realität arrangieren muss. Diese besteht aus Schutzkonzepten und alternativen Eventformaten. Sie sind davon überzeugt, dass es demjenigen, der flexibel auf diese Veränderungen reagiert, gelingen wird, den Übergang zur neuen Normalität zu meistern.

Exakte Prognosen gibt es nicht

«Die Veranstaltungsbranche muss endlich aus dem künstlichen Koma aufwachen. Es ist komplett falsch, was in Sachen Öffnung mit unserer Branche gemacht wird», sagt Thomas Kastl, Direktor der St. Jakobshalle Basel. Derzeit würde die Branche von der Politik jedoch eher ausgebremst. Ein Schutzschirm wäre ein gutes Instrument, um wieder mehr Planungssicherheit zu bekommen. Doch dazu bräuchte es jedoch den politischen Willen. Jetzt hofft die Branche auf klare Antworten seitens der Politik und einen Schutzschirm, der sich bald über die Veranstaltungsbranche legen wird. Ob das für alle Veranstalter reichen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Zuversicht in der Misere: Forums-Gastgeber Hans-Willy Brockes (Geschäftsführer ESB Marketing Netzwerk, links) und Andreas Angehrn (CEO Ticketcorner).
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