«Rein digitale Events werden keine Zukunft haben»

Wie geht es weiter mit Messen und Events? Darüber hat Expodata Live Kommunikation in einer Online-Diskussionsrunde mit verschiedenen Experten gesprochen.

An der Diskussion teilgenommen haben Eugen Brunner, Präsident Expo Event Swiss LiveCom Association, Markus Walder, Managing Director Bright Entertainment, Maximilian Souchay, Inhaber Live Lab, Urs Hofer, Live Kommunikations-Consulter und Michael Dancsecs, Inhaber von Standing Ovation (schriftlich).

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Expodata: Braucht es jetzt, jenseits von Krediten für Firmen, auch ein spezifisches Hilfspaket a fonds perdue für die Live Kommunikationsbranche, wie das der Branchenverband Expo Event gefordert hat?

Eugen Brunner (Bild): Ja, es braucht jetzt Hilfspakete. Es nützt unserer Branche nichts, wenn der Bund Darlehen spricht, weil die meisten Firmen gar nicht in der Lage sind, diese zurückzuzahlen. Dabei ist natürlich darauf zu achten, welchen Unternehmen man ein solches Hilfspaket zuspricht und in welcher Höhe. Es gilt jedoch, die Situation haargenau und im Tagesrhythmus zu beobachten und aktuell zu beurteilen. Denn damit unser Live Kommunikations-Ecosystem nicht komplett zerfällt und eine ganze Branche mit in den Abgrund reisst, sind gezielte Hilfspakete à fonds perdu mit grösster Sicherheit unverzichtbar.

Michael Dancsecs: Ich könnte mir vorstellen, dass diese Hilfspakete in Form einer Gewinnausfallsentschädigung, gerechnet am durchschnittlichen Gewinn der letzten drei Jahre, erbracht werden. 

Urs Hofer: Das grösste Problem besteht im Moment in der Planungsunsicherheit, so lange es keinen Impfstoff für Covid-19 gibt. Wann können zum Beispiel die Grenzen wieder geöffnet werden für BesucherInnen von Messen und Events? Die Hilfspakete müssen deshalb jetzt gesprochen werden für das Überbrücken der Zeit, während der keine Events stattfinden.

Maximilian Souchay: Dem schliesse ich mich an. Es dürfen keine Unternehmen gestützt werden, die auch in guten Zeiten kaum eine Existenzberechtigung haben. Es geht um Liquidität, die sicherstellt, dass unsere Branche ihre Rechnungen bezahlen kann, denn sobald einer nicht zahlen kann, löst das eine Kettenreaktion aus. A-fonds-perdu-Beiträge kann ich mir höchstens für Anlässe wie Festivals vorstellen, die für die Schweiz einen wichtigen, kulturellen Status haben – quasi Kulturgut sind. 

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Welche Perspektiven bestehen aus Ihrer Sicht für die Aufhebung des Veranstaltungsverbots in der Schweiz? Was ist jetzt notwendig?
Souchay (Bild):
Wir sind sehr unzufrieden, dass der Bundesrat bisher noch keine Perspektive aufgezeigt hat. Unsere Live-Kommunikationsbranche, die Auftraggeber und die beauftragten Agenturen und auch die Besucherinnen und Besucher von Events hängen ja von langen Vorlaufzeiten ab. Das Masterturnier in England benötigt allein vier Monate, um die Zelte aufzubauen! Der Bundesrat sollte jetzt schnellstens kommunizieren, ab wann man wieder und mit welcher Art von Veranstaltungen rechnen kann. Für jede einzelne Industrie muss hier ein Szenario, ein Plan bestehen. Uns ist es lieber, wenn wir wissen, dass bis Ende August überhaupt nichts läuft als die momentane Unsicherheit. 

Hofer: Wir benötigen ein Szenario wie: Sind Events, bevor das Virus verschwunden ist, mit einer limitierten Zahl an BesucherInnen betriebswirtschaftlich überhaupt sinnvoll? Welchen  Sinn macht es, eine Messe allenfalls mit restriktiver Besucherzahl zu führen, wenn dadurch der Aussteller nur noch einen Bruchteil seines früheren Kundenpotenzials hat?

Walder: Das Kalkül ist ein einfaches: Wie lange hat ein Unternehmen finanziell Schnauf, um die Situation um Corona zu überstehen? Ich rechne frühestens im Herbst 2020, vielleicht Oktober, mit einer Lockerung des Veranstaltungsverbots. Das bedeutet: es wird in der Wirtschaft und in unserer Branche nicht ohne Entlassungen gehen. 

Brunner: Wir brauchen jetzt eine schnelle Kommunikation des Bundesrates in bezug auf das bestehende Veranstaltungsverbot, damit nicht nur unsere Live Kommunikationsbranche, sondern auch unsere Kunden, das heisst die ganze Wirtschaft, wieder planen kann. Wir müssen jetzt wissen, wann das Veranstaltungsverbot frühestens aufgehoben werden kann und ob das stufenweise geschieht, was wir sehr begrüssen würden.

Hofer: Diese Planungssicherheit betrifft alle Industrien. Eine Bank zum Beispiel muss wissen, wann sie wieder Kundenevents durchführen kann. Daran, an den Auftraggebern, dann an den beauftragten Unternehmen und dann an deren Dienstleistern, hängt eine lange wirtschaftliche Wertschöpfungskette. Deshalb ist Planungssicherheit so wichtig. 

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Wie kann sich ein Dienstleistungunternehmen absichern, dass bereits erbrachte Leistungen für jetzt verschobene oder abgesagte Messen oder Events auch tatsächlich bezahlt werden?

Brunner: Jedes Dienstleistungsunternehmen muss zusehen, dass es sauber arbeitet und dass es erprobte Zahlungsmodi hat und dass es Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, schnell und kompetent abrechnet.

Souchay: Das Bezahlen von bereits erbrachten Leistungen hängt in gewissem Masse auch von der Beziehung mit dem Auftraggeber ab. Wir machen, was das Verständnis unserer Kunden über erbrachte Vorleistungen betrifft, sehr gute Erfahrungen. Sie verstehen, dass auch wir wiederum Kunden unserer Lieferanten sind, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Niemand hat ein Interesse daran, dass sein Dienstleister jetzt Konkurs geht. Das wünscht man sich auch nicht vom Wettbewerb.

Walder (Bild): Ich schliesse mich dem an. Als Agentur müssen wir unseren Kunden glaubhaft nachweisen, welche Leistungen für einen verschobenen oder abgesagten Event bereits erbracht wurden und wir müssen zusehen, dass wir sie verrechnen können. Auch bei uns besteht diesbezüglich eine gute Gesprächskultur mit unseren Kunden. 

Dancsecs: Wir planen seit Jahren mit finanziellen Reserven um einen Ausfall von einigen Monaten überbrücken zu können. Aber als reiner Dienstleister ohne Immobilien, Maschinen und Produktionsmaterial ist dies natürlich viel einfacher als für andere Firmen. Wir sind deshalb in der Lage, einige Monate ohne Kredite zu überbrücken, aber ein Worst-Case-Szenario mit einem Veranstaltungsverbot über 2020 hinaus wäre wohl das Aus für viele.

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Was wird sich für die Live Kommunikationsbranche post Corona irreversibel verändern? 

Dancsecs (Bild rechts): Ich gehe davon aus, dass Events bis zu einem gewissen Grad mit Maskenpflicht durchaus machbar sind. Aber es müssen neue Ideen, zum Beispiel für das Catering gefunden werden. Ich kann ja schlecht mit Mundschutz essen. Solange aber kein Impfstoff und verlässliche Medikamente auf dem Markt sind, wird die Angst und die damit verbundene Unsicherheit, auch für die Planung, bleiben.

Souchay: Für die Zeit nach Corona haben wir eine sehr gute Botschaft: Die momentane Krise verdeutlicht, wie gross das Bedürfnis der Menschen ist, sich persönlich zu treffen. Es wird neue Eventformate geben, aber der Wert von realen Begegnungen ist gerade in der jetzigen Zeit, wo das nicht wie gewohnt möglich ist, überdeutlich. Wer könnte das bestreiten? Aber es wird eine Konsolidierung im Eventsportfolio der Wirtschaft geben und der Anspruch an die Massnahme wird grösser werden, etwa an hybride Formate. Agenturen werden durch die Veränderungen auch mehr Beratungsleistungen erbringen. 

Hofer (Bild links): Auch ich bin ein überzeugter Botschafter von Messen und Events. Menschen treffen gerne Menschen. Onlinetreffen können davon nur ein eingeschränktes Spektrum abbilden. Deshalb werden Live Events bleiben. Nichtsdesto trotz wird jetzt auch in unserer Live Kommunikationswirtschaft die digitale Transformation eine Beschleunigung erfahren. Für Messen und Events werden jetzt professionellere flankierende Onlinemassnahmen zum Einsatz kommen, die die Stakeholder, zum Beispiel Aussteller an Messen und deren Besucherkunden, auch über das Jahr, also während eine Messe nicht läuft, vernetzen. Dann wird ein Teil in der Kreation von Messeständen und Eventdesigns in Zukunft vermehrt vom Homeoffice und mit virtuellen Tools abgewickelt werden. Dadurch wird ein grosser Teil von aufwändigen Reisen entfallen. Virtuell gestaltete Prozesse, auch von Teams, werden zunehmen. Aber nicht alles ist online machbar. 

Walder: Die Kombination von Digital und Echtzeit wird es ausmachen. Betrachten wir das folgende Beispiel: Eine grosse Weinhandlung hat 400 Liebhabern ein Weinpaket nach Hause geschickt, um ein Onlinetasting durchzuführen. Die Kunden probierten die Weine live aus, um sich dann online darüber auszutauschen. Und das Fazit: Alle 400 Teilnehmer werden sich irgendwann physisch treffen wollen, weil sie sich bereits online kennengelernt haben! Das ist ein sinnvoller Einsatz von Digitalisierung. Homeoffice wird sich demgegenüber nicht durchsetzen. Ich war in zu vielen Unternehmen tätig um zu sehen, dass es zu stark zu eingeschränkten Leistungen der Mitarbeitenden führt. Homeoffice ist in der jetzigen Situation eine Modeerscheinung, die sich in unserer unserer Industrie nicht durchsetzen wird. 

Brunner: Digitalität wird verstärkt Einzug halten. Wir sehen das bereit jetzt in der Planung von sogenannten hybriden Events für das Jahr 2021. Die Digitalisierung hat unserer Branche viele Türen geöffnet. Viele Unternehmen der Live Kommunikationsbranche haben gezeigt, wie neue Technologien mit altbekanntem kombiniert und Menschen damit begeistert werden können. Es gibt in diesem Bereich noch viel Potential und Raum für Kreativität. Wir sind hier sehr fortschrittlich unterwegs. Gemäss der Eventklimastudie unseres Verbands werden bei mehr als zwei Drittel aller Projekte Social-Media-Plattformen, Websites oder digitales Teilnehmer-Handling eingesetzt. Bei mehr als der Hälfte kommen Bilder- und Videoplattformen und Mobile- und Tabletapps zum Einsatz. Nachhaltigkeit ist sowohl für unsere Mitglieder als auch für den Verband ein zentrales und aktuelles Thema. Expo Event Swiss LiveCom Association als Verband ermutigt Unternehmen, sich mit den damit zusammenhängenden Fragen auseinanderzusetzen. Ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeitsüberlegungen zu Recht auch im Rahmen der Auftragsvergabe immer mehr ins Gewicht fallen. Aber die physische Begegnung wird nicht ersetzt. Rein digitale Events werden keine Zukunft haben.

 

Interview: Urs Seiler, Chefredaktor Expodata Live Kommunikation

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