«Grosse, weitreichende technologische Innovationen brauchen immer Zeit»

Am 16. Mai findet der «Metaverse Leaders Summit» statt. Werbewoche.ch hat sich mit Roger Oberholzer, CEO der Metaverse Academy, über das Metaverse, dessen Potenziale und die Handlungsfelder unterhalten.

Werbewoche.ch: Roger Oberholzer, per Anfang März haben Sie die CEO-Position der Metaverse Academy in Zürich übernommen. Wie ist diese – noch relativ junge – Academy entstanden?

Roger Oberholzer: Die Metaverse Academy wurde vor einem Jahr aus der Agentur Kuble heraus gegründet und vermittelt praktische Skills, strategisches Knowhow und frische Inspiration in den Themen Metaverse, Web3 und NFTs. Am 16. Mai 2023 führen wir zusammen mit der Swiss Association of MBAs SAMBA den ersten Metaverse Leaders Summit mit dem Hauptthema «How leading brands enter the metaverse» durch.

 

Was bietet die Academy an? Was können Teilnehmende erwarten?

In unseren öffentlichen und kundenspezifischen Programmen der Academy, wie zum Beispiel dem «Metaverse Strategist» und dem «Web3 Leader», können sich Führungs- und Fachkräfte fit machen für die Zukunft. Wir sind überzeugt, dass man das Metaverse nicht einfach lernen kann, sondern erleben muss. Man kann viel darüber lesen, aber erst das Erleben zeigt einem die Potenziale und Hürden auf. Wo immer sinnvoll finden unsere Sessions im Metaverse statt.

 

Woraus besteht das «zweite Standbein»?

Das zweite Standbein sind Metaverse «VR-Experiences», an denen Marketing- und Innovations-Teams mit unseren Experience Guides in die Metaverse-Welt eintauchen und praktische Erfahrungen machen. Mit den Experiences sind wir auch an Branchen- und Unternehmensevents präsent, wo wir Gäste mit aktuellen und faszinierenden Anwendungen begeistern möchten. Obwohl die Academy noch sehr jung ist, sind bereits über 4’500 Personen eingetaucht und und über 500 Innovations-hungrige haben die Lernangebote genutzt. Zudem bauen wir gerade die Learning Community «Road to Knowledge» auf. Es gibt viel zu lernen und wir möchten die Schweiz auf die Reise der nächsten digitalen Evolution mitnehmen.

 

Sie verlassen – mit Ausnahme eines gewissen Consulting-Pensums – Ihre Position bei Notch respektive Publicis, wo Sie sich jahrelang für Ihre Kund:innen digitale Marketingstrategien entwickelt haben. Warum sind Metaverse-Anwendungen Ihrer Meinung nach «das nächste grosse Ding»? 

Wir shoppen, arbeiten, lernen, spielen, konsumieren Inhalte und treffen uns mit Gleichgesinnten heute bereits digital. In der nächsten Iteration des Internets kommen nun die digitale Identität, der digitale Besitz und immersive Erlebnisse in 3D dazu. Damit verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt.

 

Die reale Welt wird also durch einen zusätzlichen Layer ergänzt.

Aus meiner Sicht lautet die Value Proposition des Metaverse wie folgt: «You can be who you want to be – immerse yourself into infinite experiences at any time – and do everything together with likeminded from everywhere.» Das klingt grundsätzlich nach etwas, das der Mensch intrinsisch schon immer angestrebt hat. Aus der eigenen, kleinen Welt ausbrechen und unabhängig vom eigenen Körper zu werden. Heute sind wir noch ein gutes Stück weit von diesem Versprechen entfernt. Bei der Publicis nimmt das Thema aber global enorm an Fahrt auf. Und es gibt bereits einige relevante und kreative Cases wie die Samsung-Präsenz auf Decentraland oder die Non-Fungible-Animals, ein NFT-Projekt von den Kollegen in Deutschland für den WWF.

 

Haben Sie keine Sorge, dass sich «das Metaverse» am Ende als blosses Buzzword entpuppt? 

Die Diskussionen über Metaverse, Web3 und NFTs sowie die zugrundeliegenden Technologien wie Blockchain, Artificial Intelligence und VR/AR fühlen sich an wie damals über das Internet vor der Jahrtausendwende. Zeitweise total überschätzt, oft unterbewertet und immer wieder mal totgesagt, hat es unsere Gesellschaft in vielen Lebensbereichen transformiert. Grosse, weitreichende technologische Innovationen brauchen immer Zeit. So wie der Hype bei der Umbenennung von Facebook zu Meta viel zu hohe Erwartungen geschürt hat, ist es auch falsch zu denken, dass das Thema Metaverse einfach wieder verschwindet.

 

Was braucht das Metaverse noch, um massentauglich zu sein?

Da braucht es verschiedene Zutaten: 5G und schnelles Wifi, einfache und bezahlbare Interfaces – also Geräte –, userfreundliche Tools für Konsumenten und Creators, attraktive Inhalte und vor allem für Konsumenten begehrenswerte Erlebnisse. Beim Interface, den Tools und den Erlebnissen gibt es noch viel zu tun. Der Fortschritt geht jedoch immer rasanter und es gibt eine globale Community von leidenschaftlichen Innovatoren, Entrepreneurs und Entwickler, die diesen antreiben. Zudem befeuert AI die Entwicklung des Metaverse. Wenn virtuelle Erlebnisse nicht mehr aufwendig kreiert, sondern durch Prompts sofort automatisiert aufgebaut werden können, werden sehr viel schneller spannende «Räume» entstehen. Und wenn dann noch Tech-Unternehmen mit grosser globaler Kunden-Reichweite wie aktuell Salesforce, Shopify oder Amazon neue NFT- und Web3-Anwendungen in ihre Lösungen integrieren, ist plötzlich eine breite Markt-Abdeckung da. Dann bleibt da noch die Frage, wann Apple und Samsung neue Lösungen präsentieren. Das könnte sehr schnell gehen oder noch Zeit brauchen.

 

Wo können wir heute bereits erfolgreiche Metaverse-Anwendungen sehen – und wo werden diese Ihrer Meinung nach in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen? 

Die globale Luxus- und Fashion-Industrie ist absoluter Vorreiter. Alles, was mit der digitalen Identität respektive deren Präsenz als Avatar zu tun hat, wurde bereits zu einem neuen Geschäftsfeld für innovative Brands. Gucci und Nike machen Umsatz im zwei- beziehungsweise dreistelligen Millionenbereich. Zudem bauen Consumer Brands aus verschiedenen Industrien wie Retail, FMCG und Automotive neue Markenerlebnisse oder Loyalitätsprogramme. Beratungsprozesse im Finanz-, Rechts- und Versicherungsbereiche werden mit Hilfe von AI virtualisiert. Und digitale Zwillinge unterstützen den Verkauf in der Real Estate-Industrie. Jede Branche hat ihre individuellen Anwendungen.

 

Wo sehen Sie das grösste Potenzial?

Sehr viel Potenzial sehe ich im «Industrial Metaverse». VR- und AR-Anwendungen mit digitalen Zwillingen können bei der Produkteentwicklung, der Prozess-Planung sowie auch beim Training und der Durchführung von Services unterstützen. Da es dabei oft um grössere Investitionen geht, gibt es klare Business Cases.

 

Was ist die häufigste Fehleinschätzung, die Unternehmen bezüglich Metaverse-Anwendungen aktuell treffen? 

Dass es schon genügt, wenn man mal zuschaut und wartet. Metaverse, NFTs und Web3 sind nicht einfach nur ein weiterer Kanal, der dann im Mix hinzugefügt werden kann. Es besteht ein anderes kulturelles Verständnis, das ein anderes Mindset benötigt und neue Kommunikationsformen bedingt.

 

Können Sie das ausführen?

Heute passieren 94 Prozent der Zugriffe auf immersive virtuelle Welten über Mobile und Desktop. Aber auch da ist das Erlebnis ein völlig anderes als auf einer 2D-Website oder im Social-Media-Feed: sozialer, interaktiver, selbstbestimmter, personalisierter und lebendiger. Das Markenerlebnis kann damit neu gedacht werden. Das funktioniert heute noch nicht reibungslos, hat mittelfristig aber ähnlich grosses Disruptionspotenzial, wie wir das bei eCommerce und mit Social Media erleben durften. Auch da haben Digital-First-Unternehmen den Markt ordentlich aufgemischt und umgewälzt.

 

Höchste Zeit also, sich als Unternehmen aktiv mit dem Metaverse zu beschäftigen.

Genau, meines Erachtens sollen sich Marken und Unternehmen vor allem mit dem Thema auseinandersetzen und erste Erfahrungen sammeln. Wie Unternehmen und Brands praktisch damit umgehen, zeigen zum Beispiel Breitling, Richemont, Axa, Sygnum, Siemens, Roche oder PwC beim Leaders Summit Mitte Mai. Ich freue mich sehr darauf, gemeinsam über Strategien und Anwendungen zu diskutieren, die Mehrwert bringen und Marken zukunftsfähig und dynamisch halten.

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