«Die Tech-Branche hat in der Pandemie viel Gutes getan»

Seit Februar 2021 ist Petra Jenner die Schweiz-Chefin von Salesforce – und musste sich Pandemie-bedingt «remote» einarbeiten. Im Interview mit Werbewoche.ch verrät sie, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt – und was Corona für die Digitalisierung bedeutet hat.

Werbewoche.ch: Petra Jenner, Sie sind seit Februar die «General Manager & Senior Vice President Switzerland and Eastern Europe» von Salesforce. Aktuell müssen Sie Ihren Job wegen Corona aber noch von München aus machen…

Petra Jenner: Sie haben Recht, ich kann momentan nicht in die Schweiz ziehen. Das ist gegenwärtig wirklich schwer zu organisieren. Ich hoffe, das wird zur Mitte des Jahres hin besser – unsere beiden Schweizer Büros sind ja aktuell auch noch geschlossen, ich kann die Mitarbeiter also ohnehin nicht treffen. Und die Kunden haben momentan auch noch die Tendenz, sehr vorsichtig zu sein mit physischen Treffen. Von daher bin ich primär digital unterwegs. Das ist auf Dauer natürlich nicht schön, gerade wenn man eine neue Position angetreten hat.

 

Die Einarbeitung in eine so verantwortungsvolle Stelle dürfte «remote» besonders komplex sein?

Nun, das ist deshalb anspruchsvoll, weil ich natürlich noch nicht jeden Mitarbeiter persönlich kenne, obwohl das mein Anspruch wäre: jeden wenigstens einmal gesehen zu haben. Ich habe zwar versucht, virtuelle Meetings anzusetzen, in denen ich die Menschen kennen lernen kann – aber da kommt eine ganz schöne Zahl zusammen und ich kann ja nur zehn bis zwölf Stunden pro Tag arbeiten (lacht). Hätte ich sofort die Mitarbeitenden in den Büros treffen können, wäre das schneller gegangen. Ich glaube, um Beziehungen aufzubauen, braucht man heute mehr Zeit als vor der Pandemie.

 

Ein interessantes Statement. Viele Manager*innen sagen ja, sie würden eher Zeit sparen – weil sie weniger reisen müssen?

Natürlich finde ich es auch sehr angenehm, für 22 Länder verantwortlich zu sein und nicht jeden Tag irgendwo hinreisen zu müssen. Zumal jetzt mit diesen ganzen Auflagen im Rahmen der ganzen Covid-Prävention das Reisen alles andere als Spass macht. Aber gewinnt man die Zeit, die man für Wege zum Flughafen spart, denn wirklich? Oder verlagert sie sich nur auf eine enger gestaffelte Agenda mit mehr Zoom-Calls? Ich glaube, letzteres. Diese «Zwischen-Zeiten» im Airport-Zug, das sind für mich auch Erholungspausen gewesen. Das darf man auch nicht unterschätzen. Ich habe damals etwa viel mehr gelesen. Ich glaube, wir arbeiten heute alle mehr.

 

Sie waren früher durchschnittlich 150 Tage im Jahr unterwegs. Kommt diese Art von Lebens- und Karriereführung zurück?

Eine gute Frage: Werden wir wirklich ein anderes «New Normal» haben, wie man so schön sagt? Oder wird es so aussehen, dass die Menschen erstmal sehr viel mehr reisen werden, weil es ihnen so gefehlt hat? Ich bin gespannt. Ich habe das Gefühl, dass es schon nachhaltige Veränderungen geben wird. Ich glaube, wir werden alle nicht mehr so viel reisen, auch bewusster reisen, weil man gemerkt hat, dass man nicht für jedes Gespräch physisch vor Ort sein muss.

 

Wo wir schon von Veränderungen sprechen – als profunde Kennerin der Tech-Branche können Sie vielleicht etwas zu einer Beobachtung sagen, die man während der Pandemie machen konnte. Nämlich jene, dass sich Firmen wie Salesforce oder Microsoft noch stärker als «Corporate Citizens» gezeigt haben. Oder trügt dieser Eindruck?

Ich glaube auch, dass die Tech-Branche während der Pandemie sehr viel Gutes geleistet hat. Mit Salesforce haben wir beispielsweise das Thema «success from anywhere» adaptiert: Wie können wir überhaupt das erfolgreiche Arbeiten von zuhause aus sicherstellen? Wir haben viele Firmen in sehr kurzer Zeit dazu beraten; es fand sehr viel Wissenstransfer statt. Und wir haben uns, wie viele unserer Marktbegleiter, an Impf- und Maskenkampagnen beteiligt. Wir hatten natürlich auch unsere Challenges, aber im Vergleich zu vielen Unternehmen immer genügend Arbeit; konnten Arbeit schaffen und Arbeit geben. Und dann ist es unsere Pflicht, uns zu engagieren für jene, denen es weniger gut geht.

 

War die Pandemie auch eine Chance, ein «window of opportunity», für die Digitalisierung?

Ich sprach neulich mit einem Schweizer CEO, der das sehr gut zusammenfasste: Er meinte: «Wissen Sie, Frau Jenner, ich musste mein ganzes Leben immer argumentieren, warum wir in IT investieren. Seit Covid muss ich das nicht mehr, weil jedem klar geworden ist, dass wir ohne bestimmte Investitionen nicht mehr arbeitsfähig wären.» Und das ist, glaube ich, auch wichtig: Covid und die zweifellos schlimmen Umstände haben am Ende der vielen Unternehmen bei der Modernisierung geholfen.

 

Für Sie als Schweiz-GM ist es also ein spannender Moment, um den Markt hier zu bearbeiten?

Ja, es war davor auch schon ein guter Markt, aber jetzt ist es noch spannender. Was mich besonders bewegt, sind diese vielen tollen mittelständischen Unternehmen, die es in der Schweiz gibt. Man assoziiert ja mit der Schweiz häufig globale Konzerne, die ganz wichtig für den Standort sind. Aber es gibt so viele brillante, mittelständische Unternehmer hier, die das Thema Digitalisierung sicherlich schon ernst genommen haben, aber es jetzt einfach stärker forcieren. Und da möchte ich unbedingt, dass wir als Salesforce einen Beitrag leisten.

 

Darauf wollen Sie sich konzentrieren?

Ja, das ist mir ein ganz grosses Anliegen. Ich sehe das so: Salesforce ist eine Lösung, die für jedes Unternehmen in jeder Grösse geeignet ist. Wichtig ist aber auch, dass man diese Unternehmen begleiten kann. Und ich glaube, da können wir in der Schweiz noch besser werden. Da sind wir vielleicht noch nicht so stark im mittelständischen Bereich, wie wir es sein sollten und könnten und das sehe ich als grosses Potenzial für uns.

 

Wer wird als Ansprechpartner wichtiger sein – die Chief Marketing Officers oder die Chief Information Officers?

Die Chief Marketing Officers und Chief Digital Officers haben in den vergangenen Jahren tatsächlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und die Chief Information Officers – insofern es alle drei Funktionen parallel in einem Unternehmen gab – mussten ihre Rolle währenddessen neu definieren. Mittlerweile hat man erkannt, dass es alle Kompetenzen braucht. Denn für alle hat die Pandemie die Arbeitswelt verändert: Der CMO wurde über Nacht damit konfrontiert, ausschliesslich digital arbeiten zu müssen, nur noch Online-Events machen zu können. Hatte man sich darauf vorbereitet, hatte man genügend Skills im Digitalbereich? Ich habe das auch bei uns erlebt, alles musste umgestellt werden. Und dann tauchen Fragen auf wie: Wie weit kann man gehen? Wie bleibt man innovativ? Was sind die Technologien? Und je mehr sich das Marketing auch mit Technologien auseinandersetzen musste, desto stärker kam auf einmal der CIO wieder ins Spiel. Wissen Sie: die Rolle des CIO war immer wichtig. Sie war nur in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht nicht mehr so präsent. Heute muss man sagen: Wenn Sie über einen guten CMO und einen guten CIO verfügen, sind Sie bestens ausgestattet für die Zukunft.

 

Salesforce war lange der agile Angreifer, der SAP, Adobe und andere Marktbegleiter mit Schnelligkeit und Innovation Marktanteile abgenommen hat. Nun sind Sie so erfolgreich, dass Sie selbst zum «Gejagten» geworden sind. Macht Erfolg den Job also eigentlich schwieriger?

Ich glaube, es ist in diesem Umfeld heutzutage für jedes Unternehmen gleichermassen herausfordernd, erfolgreich zu bestehen. Ich glaube die Herausforderung für uns ist einfach sicherzustellen, dass unsere Kunden auch wirklich erfolgreich unsere Lösungen einsetzen. Und das wird natürlich mit gestiegenen Erwartungen, gestiegenen Anforderungen auch anspruchsvoller. Das ist ganz klar. Wettbewerb ist ein gutes Zeichen, denn das zeigt eben auch, dass die Nachfrage da ist auf der einen Seite. Aber auch, dass wir ein wichtiges Thema seit über zwanzig Jahren bearbeiten. Ich achte darauf, dass unsere Kunden zufrieden sind. Denn wenn die Kunden zufrieden sind und die Mitarbeiterzufriedenheit gross ist, dann kommt das Wachstum von selbst. Das ist für mich entscheidend. Und ich glaube, dass die Arbeit sich nur dadurch unterscheidet, dass das Team grösser wird. Aber ansonsten bleibt die Aufgabe genauso anspruchsvoll oder herausfordernd wie sie vor drei, vier, fünf Jahren war. Daran hat sich nichts geändert.

 

In der Schweiz setzt sich Salesforce sehr stark für Equality ein – etwa mit der Initiative «Bring Women Back To Work». Ist das auch für Sie eine Herzensangelegenheit?

Ja, ich finde die Idee ganz fantastisch. Ich kann das auch einfach erklären: Ich habe viele Karrieren gesehen, die gestoppt wurden, durch familiäre Hintergründe, und dann nach zwei bis drei Jahren haben die Frauen den Weg nicht mehr zurückgefunden. Deshalb ist es wahnsinnig clever von meiner Kollegin Vanessa Gentile, «Bring Women Back To Work» ins Leben gerufen zu haben; zu sagen: Wir rekrutieren talentierte, hervorragend ausgebildete Akademikerinnen, die einfach weniger Berufspraxis haben oder nicht in ihren Berufen geblieben sind, weil es sich vielleicht nicht vereinbaren liess. Oder einfach, weil sie in ein anderes Land mussten und jetzt wieder neu starten wollen. Die sollen angesprochen werden. Das ist aus meiner Sicht eine der innovativsten Ideen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.


Petra Jenner hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der IT-Branche: Ehe sie 2016 als Vice President Innovation & Transformation Europe zum Tech-Giganten Salesforce stiess, war sie unter anderem Country CEO und General Manager von Microsoft Schweiz. In ihrer Freizeit schreibt die studierte Betriebswirtin und Wirtschaftsinformatikerin Bücher; zuletzt publizierte sie den Titel «Mit Verstand und Herz – Authentisch und erfolgreich: Führungskraft ist weiblich».

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