Zur Sache: Alter schützt vor Torheit

Was haben die Jüngeren den Älteren voraus – ausser, dass sie als Arbeitskräfte weniger kosten? Das Editorial von Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der aktuellen Werbewoche 8/16 vom 9. Mai 2016.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre auf der Suche nach meiner ersten Arbeitsstelle war, beschäftigten mich drei Fragen: Was brauchen die Arbeitgeber, für die ich mich interessiere? Was kann ich ihnen bieten? Und: Wie kann ich sie davon überzeugen, dass ich diejenige bin, die das am besten kann?
 

Das wäre heute anders. Die Generationen Y und Z sind in aller Munde. Jeder Arbeitgeber, der Stellen zu vergeben hat, fragt sich: Was wollen die, die sich bei mir bewerben sollen? Wie kann ich sie für mich gewinnen und an mich binden? Wie mache ich ihnen das Arbeiten so angenehm wie möglich? In der Folge sind Grossraumbüros wieder auf dem Rückmarsch, Kaffee, Wasser, Softdrinks und Früchte for free Standard und Meetingräume Wohlfühl- und Erlebnisflächen. Denn die jüngeren und jungen Arbeitnehmer stellen hohe Ansprüche: Ihre Arbeit soll sich möglichst nicht nach Arbeit anfühlen, gut bezahlt sein, eine hohe Identifikation und Reputation ermöglichen und viel Spielraum fürs Privatleben bieten. OK?

Während sich auf der einen Seite eine fast schon unverschämte Anspruchshaltung verfestigt, wird auf der anderen Seite über die immer älter werdende Bevölkerung diskutiert, die kaum noch Chancen hat, mit 65 Jahren in Pension zu gehen. Weiterarbeiten heisst die Devise. Arbeitskräfte über 55, die ihren Job verloren haben, bekommen daneben absurderweise kaum noch eine Chance, eine Arbeit auf ihrem Niveau anzunehmen. Darüber aber wird gar nicht diskutiert, die Betroffenen sind mit ihrem Problem allein gelassen. Da stimmt doch was nicht.

Was haben die Jüngeren den Älteren voraus – ausser, dass sie als Arbeitskräfte weniger kosten? Sie sind Natives im Umgang mit Social Media, bedienen ihr Mobile, als sei es ein Körperteil, und kennen die Ansprüche ihrer eigenen Generation en detail – und damit die unserer zukünftigen Kunden. Allein, dieses Wissen kann man sich aneignen, den Umgang mit Social Media trainieren; man muss nicht Native sein, um zu kapieren, worum es geht. Was den Jungen fehlt, ist das Wissen über ältere Zielgruppen. Diese aber wachsen, während die Jüngeren immer weniger werden. In der Schweiz liegt der Altersquotient, also die Anzahl der Personen ab 65 Jahren auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter, bei 36 Prozent; 18 Prozent unserer Bevölkerung sind laut Bundesamt für Statistik über 65 Jahre alt. Noch Fragen?

Was haben die Älteren den Jüngeren voraus? Sie kennen die Branche wie ihre Westentasche und haben die nötige Gemütsruhe, nicht jedem Hype sofort aufzuspringen. Sie können Entwicklungen einschätzen, die Folgen ihres Handelns abschätzen. Solchen Erfahrungsschatz kann man sich nicht aneignen, man kann ihn nicht lehren; Erfahrungen muss man selbst machen, damit man sie verwerten kann.

Was ist für Arbeitgeber also günstiger? Einen Jungspund einzustellen, der neben Native-Erfahrung eine grosse Klappe hat, die man erst einmal mit Wissen füttern muss? Oder ein etwas höheres Gehalt in Kauf zu nehmen und damit gleichzeitig einen grossen Rucksack voller Wissen und Kontakte einzukaufen? Beides! Für ein klug agierendes und solide aufgestelltes Unternehmen sind alle Altersgruppen und Erfahrungsschätze wichtig, jeder mit der richtigen Aufgabe: Die Jungen für die Unruhe und die ungedachten Ideen, die Älteren für Substanz, Coolness und Überblick. Und jeder mit grosser Wertschätzung für das, was der andere kann – egal, wie alt er ist.

Stelleninserate explizit für Junge unter 25 Jahren zu schalten und über 55-Jährige bei Bewerbungen mit dem Argument abzuweisen, sie seien zu alt (und sich dafür nicht einmal zu schämen), bringt uns, unsere Wirtschaft und unser Land definitiv in eine arge Schieflage. Wer ist heute mit 60 oder 70 Jahren schon wirklich alt? Geschweige denn mit Mitte 50? Und welche Gesellschaft kann bestehen, wenn sie ihr Wissen fortschiesst und das Rad jeden Tag neu erfindet? Wir wissen ja: Man wird nicht alt, wenn man die Haare verliert, sondern wenn man die Hoffnung verliert.

Zumal sich am Kern unserer Arbeit in den letzten Jahrzehnten nicht viel geändert hat: Wir machen Werbung, die wahrgenommen werden und bewegen soll. Wir machen Medien, die informieren, unterhalten oder verändern sollen. Nur alles auf mehr Kanälen als früher, schneller und gleichzeitiger. Natürlich macht das neue Kompetenzen nötig – aber auch bewährte unerlässlich. Je nachdem, welche Kultur man betrachtet, gelten entweder die Jungen als Kapital der Gesellschaft, oder die Alten. Alle Generationen für sie befriedigend, wertschätzend und zur Wohlfahrt aller einzusetzen, ist noch niemandem in den Sinn gekommen. Dabei können die Alten nicht ohne die Jungen und die Jungen nicht ohne die Alten. Es geht einfach nicht. Wir diskutieren über die Generationen Y und Z. Beim Benennen sind wir bereits am Ende angekommen. Wie geht es weiter? Generation Ä – für Ältere? Generation A – für Alte? Wie wäre es mit Generation G wie gemeinsam? Warum kein Jobsharing zwischen Jung und Alt? Kooperation statt Kampf.

Besser kann man Wissen nicht auf einem Fleck bündeln, den Wunsch nach einer Teilzeit-Stelle bei den Jungen und langsamem Herunterfahren Richtung Pensionierung bei den Gesetzteren bedienen. (Wäre auch eine coole Kampagne fürs RAV …) Die (wenigen) Jungen wandeln durch ihre Ansprüche den Arbeitsmarkt, die (vielen) gut ausgebildeten Älteren geraten aufs Alteisen. Können wir uns das leisten?
 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin Werbewoche

f.heinrich@werbewoche.ch
 

 

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