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Ersetzt künstliche Intelligenz künftig die Fotografen? Die Werbewoche zumindest setzt weiterhin auf den Menschen – auch verabschiedet ihren fleissigsten Knipser. Das Editorial aus der Werbewoche 4/2018 vom 23. Februar 2018.

Ende Januar brachte Google mit Google Clips eine Kamera auf den Markt, die dank künstlicher Intelligenz genau dann ein Foto macht, wenn die Gelegenheit am besten ist. Sie erkennt den richtigen Moment und drückt ab. Google Clips – der Name lässt es vermuten – trägt man angesteckt an der Kleidung. Wie damals die Jordi-Uhr Le Clip, aber mit intelligentem Innenleben. Das Geschehen wird durch die Kamera ununterbrochen beobachtet, die relevanten Gesichter und Akteure gelernt. Früher oder später weiss Clips, wer im Leben des Besitzers eine Rolle spielt und wen es sich lohnt abzulichten. Nicht nur Babys und Omas, sondern auch Haustiere. Per Machine Learning zum perfekten Fotoalbum – ohne dabei auch nur einen Finger zu krümmen.

Das 249 Dollar teure Gadget ist vorerst nur in den USA erhältlich. Beziehungsweise war es. Denn im Google Store war die Clips-Kamera derart begehrt, dass man sich innert kürzester Zeit nur noch auf eine Warteliste eintragen lassen konnte.

Auch wenn manchem die Vorstellung, sich im Gespräch permanent von einem Algorithmus scannen und analysieren lassen zu müssen und dabei jede erheiterte Gesichtsregung gleich im Clips-Speicher verewigt zu wissen, nicht nur aus Datenschutzgründen abstossend erscheinen mag – das Bedürfnis, je länger, je mehr auch anspruchsvolle, persönliche Aufgaben an Maschinen abzutreten, scheint vorhanden und allgegenwärtig. Die Liebsten fotografieren? Überlassen wir es der schlauen Maschine, denn sie weiss wies geht.

Ob die Technologie dereinst den menschlichen Fotografen überflüssig machen und ersetzen wird, bleibt abzuwarten. Wie in allen kreativen oder emotionalen Bereichen, in denen sich der Mensch bis vor Kurzem noch absolut Roboter-sicher wähnte.

Apropos menschliche Fotografen: Mit dieser Ausgabe verabschieden wir Thomas «Tom» Stuckert. Tausende von Branchen-Gesichtern – Sie wahrscheinlich mit eingeschlossen – lichtete er in den letzten Jahren für unsere Rubriken «Shortlist» (vor Relaunch) und «Who-is-Who» ab. Nach 14 Jahren bei der Werbewoche bricht der passionierte Hobby-Fotograf auf zu neuen Ufern. Wenn Tom nicht gerade an Events fotografierte oder networkte, verkaufte er Anzeigen, betrieb Marketing, gleiste Kooperationen auf, präsentierte für jedes Problem einen optimistischen Lösungsansatz, beriet, unterstützte – oder war uns ganz einfach ein humorvoller, loyaler Arbeitskollege, der der Redaktion wo immer möglich den Rücken freihielt. Ein Team- Player durch und durch.

Werbewoche-Redaktionen hat Tom viele erlebt. Und die eine oder andere Chefredaktion. Und den einen oder anderen Verlag. Zum Vergleich: Als er bei der Werbewoche anfing, bespuckte Alex Frei an der EM in Portugal gerade Steven Gerrard – falls Sie sich noch daran erinnern. Menschliche Konstanten, die in der heutigen Berufs- und vor allem Medienwelt rar geworden sind.

Wir wünschen Tom Stuckert bei seiner neuen Herausforderung viel Erfolg und alles gute für die Zukunft. Wohin es ihn verschlägt? Sie lesen es zur gegebenen Zeit unter «Jobchange». Und so lange wir die Aufgabe nicht endgültig an Google abtreten können, werden wir die Kamera wieder selbst in die Hand nehmen – dank Human Learning drücken auch wir meist im richtigen Moment ab.

 

Thomas Häusermann, Chefredaktor a.i. Werbewoche

Do 22.02.2018 - 16:19

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