Durch kostenlos ist vieles umsonst

Das Editorial der Werbewoche-Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der Ausgabe 14/2017 vom 8. September 2017.

Würden Sie Ihr schönstes Kleid zum Kürzen in eine schmuddelige Änderungsschneiderei geben? Ihre IWC dem Reparaturdesk im Supermarkt anvertrauen? Ihren geliebten MG zum Motorcheck dem nächsten Schrauber hinstellen? Ihr Kind zur schrulligen Frau von nebenan schicken, damit die auf das Kleine aufpasst? – Und wieso versorgen Sie sich dann bei 20Minuten, Facebook und Twitter mit den «wichtigsten Nachrichten des Tages»? Wer den Fachmann umgeht, um Geld oder Zeit zu sparen – um nicht von Naivität oder Dummheit zu sprechen –, muss sich über schiefe Nähte, misslungene Reparaturen oder Schlimmeres nicht wundern. Schon gar nicht über unvollständige Informationen, Enten und ihre laut quakenden Artgenossen, die Fake News.

Von zu vielen und immer mehr Informationskonsumenten werden Soziale Medien mit Nachrichtendiensten verwechselt. Natürlich verbreiten Twitter, Facebook und Co. Informationen, man kann sich über Debatten auf dem Laufenden halten, Katzenvideos schauen (wers braucht), selten den Hinweis auf einen möglichen Primeur abgreifen; doch wie gross der Unterschied zwischen einer von Journalisten geprüften und fesselnd aufbereiteten Information und einer sonst woher kopierten und geposteten Meldung ist, kann nur einschätzen, wer neben dem täglichen Ticker-Geschwurbel auch echte journalistische Produkte konsumiert.

Die Schwierigkeit ist heute nicht, an Informationen zu gelangen, sondern diese richtig einzuordnen, Blödsinn und Lügen von der Wahrheit zu scheiden, Daten auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Geschichten mit einem rotem Faden zusammenzuschnüren. Journalisten haben das gelernt; sie erleichtern Ihnen die Orientierung im News-Chaos und tragen dazu bei, Gehetze und Geschwafel in Schach zu halten. Das funktioniert aber nur, wenn Sie mitmachen – und auf validierte Informationen in etablierten Medien vertrauen, von Absendern, die sich Wissen und Renommee erworben haben und für Sie fundierte, gut erzählte Geschichten und Berichte erarbeiten.

Dabei geht es nicht um die einzig richtige Sichtweise, «die korrekte» Einordnung von Ereignissen, denn die gibt es selten. Es geht um die Bereitstellung verschiedener, gut begründeter Meinungen, die Ihnen ein Spektrum eröffnen, in dem Sie sich selbst Ihre Meinung bilden können. Journalismus stösst zum Denken an, zum inneren oder realen Mitdiskutieren, zum Sich-Einordnen in das Weltgeschehen. Wer seine Haltung zur Welt auf wackeligen oder falschen News aufbaut, läuft Gefahr, über informative Bodenwellen zu straucheln.

Doch welchen Medien können Leser noch vertrauen? Der Fall Tom Kummer hat gezeigt, dass auch Leitmedien Falsches verbreiten. Dennoch sind Sie bei Bezahlmedien auf der sichereren Seite. Denn die können es sich nicht leisten, Sie zu verlieren – und investieren das Geld, das sie noch verdienen, in journalistische Qualität. Aber wie lange noch? Zwar verzeichnen z. B. britische Zeitungen ein deutliches Nutzerwachstum, allerdings nur online. Und nur ein Bruchteil der online gelesenen Inhalte wird bezahlt. Gleichzeitig schrumpfen Anzeigenerlöse und Abonnentenzahlen wie Butter in der Sonne.

Auch im Schweizer Blätterwald raschelt es gewaltig. Ringier und Tamedia machen wohl nur den Anfang beim spätsommerlichen Grossreinemachen der Schweizer Medienbranche. Wir diskutieren über Fake News und ziehen sogar neue Gesetze in Erwägung, die eine Handhabe gegen Falschmeldungen bieten. Dabei hätten Fake News den News-Status gar nicht erreicht, wenn es nicht irgendwann beim Medienkonsum zur Verwechslung zwischen Tweets, bezahltem Marketing-Content und Qualitätsberichterstattung gekommen wäre.

Inhalte heissen heute Content und gelten als wichtiger denn je. Trotzdem scheinen gedruckte Medien ein Auslaufmodell zu sein. Dabei wird Gedrucktes heute immer noch deutlich sorgfältiger geprüft als Online-Mitteilungen, zudem lektoriert, aufwendiger gestaltet und produziert. Weil Papier und Druck Geld kosten und der Platz auf einer Seite beschränkt ist. Da werden Gedanken gefeilt, bis sie richtig sitzen, Texte zwei-, dreimal durchgelesen, gegengelesen und redigiert, bevor sie einen Leser erreichen. Natürlich kostet dieser Prozess Geld – doch sehr wenig gemessen an der Zeit, die Sie sparen, weil Sie sie nicht mit nutzlosem Infogeplapper vergeuden müssen.

Wer Journalismus und freier Meinungsbildung nicht das Wasser abgraben will, muss digital ebenso sorgfältig produzieren. Gegen Bezahlung versteht sich. Es ist mir ein Rätsel, weshalb online noch immer alles kostenlos zu haben ist. Unabhängiger Journalismus ist nicht von selbst da. Er braucht Zeit, Raum und, ja, auch Geld. Denn Schreiber brauchen mehr zum Leben als die Späne, die sie von ihrem Bleistift abknabbern. Es ist ein trostloses Zeugnis, dass Medienschaffende Tamedia angesichts guter Halbjahreszahlen auffordern, in Journalismus zu investieren. Und dass Leser Gelesenem keinen Wert mehr beimessen.

 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

Do 07.09.2017 - 14:53

Kommentare

Geschätzte Frau Heinrich
Per Zufall bin ich auf Ihr Editorial gestossen und habe es mit Freuden gelesen und sogar weitergeleitet. In der Theorie teile ich Ihre Meinung. Selbstverständlich. Doch im Alltag erwische ich mich noch immer zu oft beim Konsumieren von Gratis-News mit übergrossen Schlagzeilen bei nichtigem Inhalt und oftmals nur aus Bequemlichkeit und der Einbildung keine Zeit zu haben. Diese Zeit möchte ich mir zukünftig aber bewusst nehmen, danke Ihnen fürs Aufrütteln und wünsche viel Erfolg. Herzlichst, Valérie

Liebe Frau Baumgartner, ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht zugäbe, dass es selbst mir manchmal so geht, wie Sie schildern. Doch wenn ich erreichen konnte, dass beim ein oder anderen Leser der Ärger über vertane Zeit anklopft und vielleicht sogar das Bewusstsein dafür geweckt wird, dass solch "Dummkonsum" nicht nur ärgerlich ist, sondern mit Kraft und Grips erarbeiteten Inhalten das Wasser abgräbt, habe ich viel erreicht. Sie haben mir eine grosse Freude gemacht - und mich darin bestätigt, den Stein weiter zu höhlen. Herzliche Grüsse, Friederike Heinrich

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