Was zählt, 
ist die Gesamt-
Performance

Das Editorial von Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der Werbewoche 8/2017.

Wer heute noch verrückt genug ist, eine gedruckte Zeitung oder Zeitschrift herauszugeben, muss schauen, dass er parallel dazu ein digitales Angebot bereitstellt, das fesselt, Zusatz-Content liefert und «Heft» oder «Blatt» in die Welt der Nullen und Einsen verlängert. Nur wer auch digital, social und mobile ist, kann heute noch Leser binden oder (noch besser) neue Leser gewinnen.

Die Schwierigkeit: Das vervielfachte Angebot muss auf allen Kanälen von hoher journalistischer Qualität sein, die Vorzüge des jeweiligen Kanals voll ausnutzen und darf dabei – wenigstens jenseits des Papiers – nichts kosten. Also muss es von Kleinstredaktionen ohne Ressourcen auf die Beine 
gestellt werden. Ausserdem dürfen die digitalen Nachrichten die Print-Ausgabe nicht kannibalisieren; die Gefahr ist gross, dass einst treue Abonnenten aufs Digitale umsatteln, wenn sie dort das Gleiche oder wenigstens Vergleichbares kostenfrei erhalten. Digitale Angebote bezahlt zu bekommen, scheint ebenso aussichtslos, wie junge Menschen dazu zu bringen, Papier in die Hand zu nehmen.

Betreiber deutscher 
Onlineshops machen pro Jahr bis zu 20 
Millionen Euro Verlust.

 

Als sei diese Ausgangslage nicht schon schwierig genug, wachsen die Ansprüche der Leser an das (unbezahlte) digitale Angebot: Bewegtbild, Musikclips, animierte Infografiken, Slider-Bildshows, Archiv und E-Shop müssen her und strapazieren nicht nur die Redaktionsressourcen, sondern auch die IT-Infrastruktur ganz gehörig. Bricht die Performance des Hostings ein, ist der Aufschrei gross: Liegt bei der Werbewoche der Server flach, steigt das «Werber des Jahres»-
Wahltool aus, kommt der Newsletter zu spät, doppelt oder gar nicht, bekommen wir es sehr schnell mit unseren Lesern zu tun, zwischen verzweifelt und wütend. Schön, mal etwas von Euch zu hören!

War früher die Druckmaschine kaputt, kam keine Zeitung heraus. Ein Sachverhalt, der logisch war und akzeptiert wurde. Auch wenn er den Verleger ordentlich Geld kostete. Dass heute (neben der Druckmaschine) auch die IT eine Ladehemmung haben kann, darf schlicht nicht sein. Eine deutsche Studie zeigte kürzlich, dass Betreiber von Onlineshops pro Jahr bis zu 20 Millionen Euro Verlust machen – wegen abgebrochener Warenkörbe; nicht verursacht von Konsumenten, die es sich anders überlegt haben, sondern von fehlerhafter oder träger IT-Infrastruktur, Serverausfällen oder zu langen Ladezeiten.

Selten ist die IT-Ladehemmung auf ein «menschliches Versagen» zurückzuführen, wie jüngst beim Online-schon-längst-nicht-mehr-nur-Buchhändler-Amazon. Meist skaliert das Hosting nicht problemlos oder die Infrastruktur ist überlastet. Wer sich ein- oder zweimal über ein Internetangebot geärgert hat, kommt nie wieder – es sei denn, die Preise sind konkurrenzlos niedrig.

Was bedeutet das für Medien und ihre Leser? Dass unser brüchig gewordenes Geschäft weiteren Bedingungen genügen muss: Es gilt nicht mehr nur, am besten zu recherchieren und am packendsten zu erzählen, Themen zu setzen, als Allererster Informationen zu verbreiten, die die Konkurrenz noch nicht hat, oder Kolportiertes zügig zu überprüfen, zu untermauern, allenfalls zu revidieren. Auch unsere Technik muss funktionieren, das Hosting ausfallsicher laufen. Schwächelt die Performance, womöglich wiederholt, verlieren wir Leser – für uns der allerschlimmste Fall. Und wir können nicht einmal selbst etwas dagegen tun, ausser ein Hosting auswählen, das zuverlässig zu sein scheint.

Vielleicht hilft uns und 
Ihnen in dieser Qualitätsklemme
 das Wissen, dass wir immer alles 
geben, auch wenn wir nicht alles in der Hand haben. Sowie etwas Humor – und der ist, wenn man trotzdem lacht. Und weitermacht.

 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

Do 04.05.2017 - 14:58

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