Ob Leserkommentare 
aussterben, liegt an uns

Das Editorial der Werbewoche-Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der Ausgabe 4/2017 vom 24. Februar 2017.

Ich kann mich noch gut daran erinnern: Mein Vater hatte damals einen Leserbrief an unsere Regionalzeitung geschickt – und der Brief war abgedruckt worden. Ein grosses Ereignis für unsere Familie! Mit Stolz wurde der Ausriss von Tante zu Tante weitergereicht und in der Nachbarschaft herumgezeigt: «Papa steht in der Zeitung!» Wer eine Meinung hat, die andere interessiert, ist eben wer.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir leben nun im Zeitalter des Postfaktischen, in dem dahergeschwätzte Einstellungsbekundungen und Gefühle mehr zählen, als gut recherchierte, begründete Fakten und klug-kommentierendes Einordnen des Weltgeschehens. So wird jedenfalls aller Orten kolportiert. Aber stimmt das wirklich?

Wer verfolgt, wie sich Leserbriefseiten und Kommentarspalten entwickeln, bekommt einen anderen Eindruck: Niemand sagt mehr, was er denkt. Offensichtlich verlieren Leser und User die Lust am Mitmachen, am Mitdenken und Mitdiskutieren – wenn sie überhaupt jemals Lust dazu hatten. Nur diejenigen, die ohnehin immer überall ungefragt und unqualifiziert ihre Meinung bekannt geben, sind weiter dabei. Mit dieser Entwicklung begründet die NZZ das Abschalten ihrer Kommentarfunktion. Nutzen und Leserbindung sind zu gering, die Arbeit zu gross, das Geschimpfe ufert aus, kluge Köpfe ziehen sich zurück. Und wer macht sich schon noch die Mühe, einen «echten» Leserbrief zu verfassen? Längst werden solche Beiträge nicht mehr im Zwei- Finger-Adler-Suchsystem in die Schreibmaschine gehackt (Papa hatte damals sicher drei Stunden an seiner «Eingabe» gearbeitet), sondern schnell auf Facebook «dahingepostet». Auch die NZZ am Sonntag zitiert auf ihrer immerhin noch existierenden Leserbriefseite nicht mehr Anton Eggenschwiler aus Schönholzerswilen, sondern «Maya auf Face- book» – ein wackeliger Quellennachweis für eine Qualitätszeitung.

Bei unserer Debatte in der Redaktion, ob die NZZ ihre Kommentare zensuriere, waren wir uns schnell einig: Ja! Eine Umfrage der Werbewoche ergab, dass 63 Prozent der Antwortenden die Kommentarblockade als Maulkorb empfinden (Stand 15. 2. 2017). Allerdings: Die NZZ hat auch recht. Leserkommentare auszusortieren und zu pflegen kostet zu viel von der Zeit, die Journalisten schon für ihre Recherche nicht mehr haben – was das Postfaktische wiederum in seiner Wucherung begünstigt.

Noch vor zwei Jahren waren Community Building und die Kommentarfunktion auf der Website die rettende Idee: Nur der partizipierende Leser, der unkompliziert seine Meinung äussern und mit anderen diskutieren kann, galt als treuer Leser. Aber ist der treuere Leser nicht der, der sich Zeit nimmt, zu einem Beitrag qualifiziert Stellung zu nehmen? Und ist er nicht derjenige, der schliesslich auch gehört wird? Dann hat die NZZ die richtige Heckenschere gegen Kommentarwildwuchs gefunden: abschalten.

Was aber ist eigentlich geschehen? Sind unsere Leser all der verbreiteten Meinung überdrüssig? Bilden sie sich selbst keine mehr? Oder brauchen sie keine (gedruckten oder digitalen) Zeitungen mehr, um sich mitzuteilen, tun das lieber in den Sozialen Medien? Haben sie Angst, dass das Big-Data-Gespenst ihre Meinung rauben und an Werber oder Bots verkaufen könnte?

Die Wahrheit ist viel schlichter: Nach Informations- und Meinungsüberflutung hat sich in breiten Kreisen eine Mitmachlethargie eingestellt. Wir wollen nur noch selektierte, gut eingeordnete Nachrichten; wir wollen nicht mehr jedermanns Meinung hören und jedermanns Friend sein; wir wollen nicht mehr überall mitmachen. Eine Cumulus- Karte, eine Kreditkarte, eine Miles-and-More-Karte genügt. Einfachheit und Nutzwert haben dem Überall-Mitmischen den Rang abgelaufen. Ergo müssen Medien Fakten bieten, die so gut recherchiert und so schön aufbereitet sind, die für die tägliche Arbeit, fürs tägliche Leben so nützlich und bedeutsam sind, dass Leser wieder Lust bekommen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Kommentare kommen dann von ganz allein – und die Leserbindung auch.

 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

 

Fr 24.02.2017 - 00:00

Kommentare

neuen Kommentar schreiben

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Web page addresses and email addresses turn into links automatically.
CAPTCHA
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.