Family Milestone Achievement

Das Editorial der Werbewoche-Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der Ausgabe 1/2017 vom 13. Januar 2017.

Haben Sie sie auch bekommen Ende des vergangenen Jahres, die neue Seuche? Friends and Family Milestone Achievements, kurz FFMA, werden neuerdings massenweise herumgeschickt. FFMA sind etwas peinliche Bilanzen des privaten bis viel zu privaten Jahres-«Erfolgs», die mitunter Dinge an die Öffentlichkeit zerren, die besser im Verborgenen geblieben wären, oder eigentlich ehrenwerte Täglichkeiten so zelebrieren, dass sie lächerlich wirken.

Wir erhielten mehrere unerwünschte Privatbilanzen. Sie landeten entweder im analogen Briefkasten, ausgedruckt, überschrieben mit «Liebe Familie und Freunde» und per Hand unterschrieben, oder in einer etwas persönlicheren ( ! ) Version in der E-Mail-Box ( ! ), denn hier wurden wir immerhin mit unserem Namen angesprochen. FFMA werden vorzugsweise von längst verschollen geglaubten Cousinen verschickt, oder aber von Kollegen, von denen man schon länger nichts mehr gehört hatte – und die dem gar nicht beklagten Informationsdefizit nun eine beklagenswerte Informationsoffensive entgegensetzen.

Eine kleine Kostprobe aus der Privatschatulle: «… 2016 war unser Jahr der Quantensprünge: Ich * unterrichte jetzt die 1. Klasse, Klaus * kann schon seinen Namen schreiben und Luisa * geht allein aufs Häfeli …» Oder wie wäre es damit: Eine siebenköpfige Familie berichtet: «Wir * haben 2016 den Familienpokal im 24-Stunden-Schwimmen gewonnen …» – Kunststück, wenn man mit dem voll besetzten Kleinbus zum Anlass anrückt!

Inspiriert sind FFMA von den lobhudelnden Jahresbilanzen der börsenkotierten Grossunternehmen – nur dass diese ihre Bücher per Gesetz offenlegen müssen und für gewöhnlich neben Geschwafel auch Handfestes bieten. Privaten sollte man Gleiches per Gesetz verbieten oder diese unerwünschte Werbung für familiäre Angelegenheiten wenigstens per Kleber am (E-)Briefkasten abwei- sen können. Schon mal was von Negativwerbung gehört?

Ich habe mich gezwungen, alle Briefe von vorne bis hinten durchzulesen, trotz gesträubter Nackenhaare. Denn ich suchte nach einer Antwort auf die Frage, woher der Drang kommt, «Familie und Freunde» per Kettenbrief-Highlight-Abhandlung am Alltagseinerlei teilhaben zu lassen, garniert mit einem Familienselfie. Klar zieht jeder am Jahresende Bilanz, wenigstens ein klein wenig. Aber doch nicht auf der grossen Bühne! Das ist so peinlich, dass man nicht einmal darüber lachen kann – auch nicht nach drei Cüpli. Was für eine Zeitverschwendung, beim Schreiben und vor allem beim Lesen. Soll ich mich für meine Bekannten freuen, neidisch werden, Gleiches anstreben? Was ist die Intension der Text- sorte FFMA? Und wer hat mit dem Rumschicken angefangen?

Auf der Spurensuche stolperte ich über die Tatsache, dass FFMA von Menschen rund um die 40 oder darüber verschickt werden. Vielleicht sind die Privatbilanzen ein Versuch, den «öffentlichen» Generationen X, Y und Z die Öffentlichmachung nachzumachen, mit Stil. Doch nicht jeder Brief hat diesen automatisch.

Ich glaube, ich werde es Ende 2017 mal mit der Bettelbrief-Variante versuchen: «2017 war ein hartes Jahr: 330-mal mussten wir die Waschmaschine laufen lassen, danach noch Wäsche aufhängen. Bügeln, die Werbewoche herausbringen und unsere Jungs hin- und herkutschieren hat uns ziemlich ausgezehrt – bitte zahlt einen angemessen hohen Betrag auf folgendes Konto ein …»

Lieber geht es uns auch 2017 weiterhin um Sie: Ich wünsche Ihnen ein Jahr voller Glück, Zuversicht und Gelassenheit – mit oder ohne 24-Stunden-Schwimmen.
 

* Namen der Redaktion bekannt.

 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

Fr 13.01.2017 - 00:00

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