Achtung!

«Information ist eine Hure geworden, die jeder jederzeit haben kann.» Das Editorial von Chefredaktorin Anne-Friederike Heinrich aus der Werbewoche 16/16.

Wir sind daran gewöhnt, dass Printprodukte etwas kosten. Klar gibt es 20 Minuten. Aber am Kiosk bezahlen wir für die Zeitung oder Zeitschrift unserer Wahl dennoch, ohne gross nachzudenken. Und auch für die nach Hause abonnierten Blätter begleichen wir selbstverständlich die Rechnung. Noch. Denn genauso sind wir daran gewöhnt, für alles, was Online an Lesbarem zur Verfügung steht, nichts zu bezahlen.

Dass es ein Riesenfehler war, alle Inhalte kostenlos zur Verfügung zu stellen, als Anfang der 1990er-Jahre das Internet aufkam, wissen wir inzwischen. Verlage wollten bei der Entwicklung dabei sein, die breite Masse erreichen; Print funktionierte noch als Cashcow und konnte verschenkte Onlineinhalte refinanzieren. Man hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sich das einmal ändern würde.

Nun haben wir den Salat – und versuchen spätestens seit der Jahrtausendwende, unsere Printabonnenten dazu zu bringen, freiwillig zusätzlich für Online zu bezahlen; und Leute, die Online bisher gewildert haben, dazu zu veranlassen, einen Jagdschein zu lösen. Inzwischen ist klar: Das können wir vergessen! Niemand zahlt aus freien Stücken für etwas, das er vorher kostenlos bekam. Oder für etwas, das er anderswo weiterhin gratis bekommt.

Verlage und Medienanbieter suchen Wege aus diesem Kummertal, ver- künsteln sich dabei in den unterschiedlichsten Bezahlmodellen: Leselizenzen, One-Click-Buy-Angeboten, Tages- und Monatsabos, Artikelfinanzierung via Crowdfunding – mit dem Risiko, dass die spannendsten Geschichten nie erzählt werden und die besten Erzähler resigniert die Segel streichen.

Allen Modellen gemeinsam ist ein Tenor: Guter Lese- und Informationsstoff ist nichts mehr wert. Meinungen, Stellungnahmen, Überblicke sind nur noch recht, wenn sie billig sind, besser noch: nichts kosten. Information ist eine Hure geworden, die jeder jederzeit haben kann. Und die sich dauernd für weniger anbieten muss, damit sie überhaupt noch genommen wird. Journalisten hirnen stunden-, tage-, wochenlang über Themen, Erzählansätzen, Formulierungen, oft für sehr wenig Geld, um die Glanzstücke ihrer Arbeit dann auf dem öffentlichen Basar zu verramschen – hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wenigstens gelesen zu werden, und dem Zwang, mit Buchstaben Brot zu verdienen.

Irgendwo auf dem Weg zwischen der «alten» und der «neuen» Welt ist uns allen etwas ganz Wichtiges verloren gegangen: Achtung. Achtung vor dem Wissen, der Arbeit und der Meinung unserer Mitmenschen. Wer Journalisten (und selbstredend auch andere Berufsstände!) respektiert und ihre Leistung für die Stabilität unserer Demokratie anerkennt, ist auch bereit, für Lesestoff zu bezahlen, egal ob dieser auf Papier oder digital kredenzt wird.

Der Abrutsch von Edelfedern und edlem Pressestand zur Lügenpresse ging rasant und steht symbolisch für unser Zeitalter der Entwertung, der Entmenschlichung: Wenn der Gesprächspartner nicht die Ultra-Spassbombe ist, chatten wir halt nebenher ein bisschen. Damit wir nicht nach fünf Jahren die ersten Macken an unserem Auto ausbessern müssen, leasen wir halt jedes Jahr ein neues. Wenn Liebe nicht mehr funktioniert, gehen wir halt alle zwei Jahre wieder zu Parship. Wenn Qualität kos- tet, lesen wir halt 20 Minuten. Ist es eigentlich noch en vogue, einer Sache einen Wert beizumessen? Und wie gewinnen wir die Achtung wieder zurück, die wir verloren haben? Sicher, indem wir weiter hochwertige Arbeit abliefern. Aber auch, indem wir dieser Arbeit wieder einen Preis geben. Der bezahlt werden muss.

Für journalistische Angebote funktioniert das jetzt nicht mehr in Einzelkämpfermanier. Alle Verlage der Schweiz, am besten Europas, müssten den Schulterschluss wagen und ihre Leseangebote für Nichtzahlende schliessen. Damit der Wert dessen, was hinter der Paywall ist, wieder ins Bewusstsein dringt. Die EU-Kommission hat kürzlich angekündigt, Verlegern mehr Rechte an Online- Inhalten geben zu wollen, ähnlich wie bei Film- und Musikproduzenten. Auch in der Schweiz muss die Schieflage in der Wertschöpfungskette dringend ausgeglichen werden. Wenn es nicht anders geht mit politischer Unterstützung.

Eine Utopie, finden Sie? Der einzige Weg, die Zukunft des Journalismus dauerhaft zu sichern, finde ich.

 

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

 

Do 06.10.2016 - 13:38

Kommentare

Ein gutes Editorial, das die Dinge auf den Punkt bringt. Nur: ich glaube nicht mehr so recht daran, dass es noch einen Weg zurück von der «neuen» in die «alte» Welt geben wird. Das ist eine gewagte These. Das Geschirr ist zerschlagen, die Scherben liegen am Boden, keiner liest sie auf beim Lesen am Bildschirm oder auf seinem Taschentelefon.

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