Zur Sache: Reizwörter

Letzte Woche brachte Martin Hitz auf Medienspiegel.ch eine kleine Meldung, die ein Korrigendum der Weltwoche zum Inhalt hatte. Es ging um die Verwechslung einer Parfum-Marke in einem Artikel.

Nichts Weltbewegendes, die Meldung war – so schien es mir – ironisch gemeint. Doch schon ging es los. Das Wort «Weltwoche» ist ja ein Reizwort für alle selbst ernannten Medienkritiker. Da läutet bei allen Blogkommentarschreibern die Alarmglocke und die Tastaturen beginnen zu glühen. Innert kurzer Zeit gab es zehn Kommentare. Wer nun aber meint, dass die Kommentare etwas mit der Sache zu tun hätten, irrt sich gewaltig oder kennt den allgemeingültigen Mechanismus von Blogkommentaren nicht.

Meistens ist es so, dass sich die ersten zwei oder drei Kommentare mit der Sache befassen, um die es geht. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto weniger geht es dann um den inkriminierten Sachverhalt. Wen kümmert der schon. Es geht um gegenseitiges Anpflaumen, um indirekte oder direkte Beleidigungen und natürlich um Selbstprofilierung. Neben
«Weltwoche» gibt es selbstverständlich noch andere Reizwörter. Eines, das auch sehr gut funktioniert, ist «Qualität im Journalismus». Da geht die Post ab und man kann sich austoben: Journalistenhasser gehen auf Blogverächter los.

Blogliebhaber pissen Journalisten an. Es bilden sich Fronten. Es fliegen die Fetzen. Dass sich die Kontrahenten oft kennen oder aber zumindest wissen oder zu wissen glauben, wer hinter den Pseudonymen steckt, macht die Sache noch spannender. Jetzt kann man endlich auf den Putz hauen und dem ungeliebten Kontrahenten oder dem jetzigen oder ehemaligen Kollegen eins auf die Schnauze geben. Erstaunlich ist, wie viel Zeit die Leute für so was haben. Vom «Fachkommentar» nun zum ganz normalen «Zivilkommentar». Zu studieren am besten auf Blick.ch. Bei den Amateuren gelten die gleichen Mechanismen wie bei den Profis. Wen kümmert es schon, was im Artikel steht, nach fünf mehr oder weniger artikelbezogenen Kommentaren geht es auch hier zur Sache. Das Einzige, das ändert, sind die Reizwörter. Beliebte Reizwörter sind hier «Alex Frei», «FCB», «Schiedsrichter». Aber auch «Blocher» oder «Ausländer» geben was her. «Kampfhund» hingegen läuft nicht mehr so gut.

Was mir an der ganzen Sache gefällt, ist, dass sich für einmal die Profis ein Beispiel an den Amateuren nehmen. Es soll also keiner mehr sagen, dass Medienkritiker abgehoben sind. Auch hier zeigt sich das wahre Leben.

Pierre C. Meier, Chefredaktor
pc.meier@werbewoche.ch
 

Do 28.04.2011 - 10:51

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