Zur Sache: Qualität im Journalismus

Das Lamentieren über fehlende Qualität im Journalismus ist ein Dauerbrenner. Medienwissenschaftler zeigen sich besorgt und manche Journalisten trauern der guten alten Zeit nach, wo viel mehr Leute und viel mehr Zeit zur Recherche zur Verfügung standen und ergo das Ergebnis besser sein musste.

Bundesräte raten gar zur Medienabstinenz: «Ich gebe den Leuten den Rat: Schaut die Zeitungen gar nicht erst an, werft sie weg! Man vergisst sowieso schnell, was darin steht.» Originalton unseres Verteidigungsministers Ueli Maurer gegenüber der Zeitschrift Klartext.

Die Lage scheint so ernst so sein, dass sogar der Gesamtbundesrat im Juni über den Zustand der Schweizer Presse diskutieren muss. Auslöser dazu war ein Postulat des Schaffhauser SP-Nationalrats Hans-Jürg Fehr. Unter dem Titel «Pressevielfalt sichern» hiess es: «Der Bundesrat erstattet den eidgenössischen Räten innert Jahresfrist Bericht über die Lage der Presse in der Schweiz und deren Zukunftsaussichten.» Flugs kriegte das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) den Auftrag, die Angelegenheit zu untersuchen. Jetzt liegt der Bericht vor. Wir sind ja mal gespannt, was daraus wird.

Die Qualitätsdiskussion der Medienforscher in ihrem Elfenbeinturm wird nicht abbrechen und die kritischen Reaktionen seitens der Presse werden nicht auf sich warten lassen. Vor allem auch deshalb, weil der Forschungsbericht nicht über alle Zweifel erhaben ist. Norbert Neiniger, der Schaffhauser Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, hat dies in einem Artikel in der NZZ vom 29. März hervorragend dargelegt. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die effektiv Betroffenen, das heisst die Zeitungen respektive deren Branchenverband Schweizer Medien, nur am Rande beigezogen wurden. Die Definition der journalistischen Qualität ist eben nicht so einfach, wie sich das manche Kritiker vorstellen.

Oder etwa doch? Medienspiegel.ch berichtete über eine Anzeige auf Ron Orp, in der die Firma Adastra Medien, die Themenbeilagen unter anderem für den Blick und den Tagi produziert, nach «Schreibkräften» sucht. Das Anforderungsprofil kurz zusammengefasst: Schreibwillige, die sich für nichts zu schade sind. Und so heisst es im Inserat: «Kannst Du auch eher langweilige Themen süffig rüberbringen? Bist Dir nicht zu schade, ‹Schleichwerbung› in Deinen Text einzubauen? Bist Sport/Outdoor afin (beachten Sie bitte die Rechtschreibung …)? Traust Dir zu einen Reisebericht zu verfassen, ohne die Reise selber gemacht zu haben?»

Wenigstens suchen die Schreibkräfte und keine Journalisten.

Pierre C. Meier, Chefredaktor
pc.meier@werbewoche.ch

 

Do 31.03.2011 - 11:43
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