Zur Sache: Blamage

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nach den massiven Plagiatsvorwürfen zurückgetreten, dies nachdem er seinen scheinbar erschlichenen Doktortitel zwar zurückgab, aber dennoch weiter im Amt bleiben wollte.

Seinem Rücktritt vorangegangen war eine mediale Schlammschlacht. Nur gerade noch die Bild-Zeitung hielt am adeligen Polit-Shootingstar fest. Was mich an der ganzen Sache erstaunt, ist, dass zwar überall lautstark und zum Teil polemisch über das Schummeln von Guttenberg berichtet wurde, aber eines eigentlich immer ausser Acht gelassen wurde. Seine Doktorarbeit wurde abgenommen, sie wurde nicht einfach durchgewinkt, sondern mit dem Prädikat «summa cum laude» ausgezeichnet, was immerhin «mit höchstem Lob» bedeutet. Eine Auszeichnung, die im Nachhinein grotesk ist und nicht gerade für die Glaubwürdigkeit einer Universität spricht. Aber es kommt noch schlimmer. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte der Bayreuther Jura- Professor Peter Häberle, Guttenbergs Doktorvater, der Bild-Zeitung noch gesagt: «Die Arbeit ist kein Plagiat.» Später dann änderte der Professor seine Meinung. Mit sehr grossem Bedauern habe er zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Umstände der von ihm betreuten Promotion geeignet seien, «den Ruf der Universität Bayreuth in der öffentlichen Diskussion in Misskredit zu bringen», teilte Häberle in einer schriftlichen Erklärung mit, die der Zeitung Die Welt vorliegt. Eine mickrige Entschuldigung. Mir scheint, dass hier einiges schiefgelaufen ist. Auf der einen Seite ein Shootingstar der Politik, dem neben Minister- und Adelstitel noch ein Doktortitel fehlte, was in Deutschland nicht ganz unwichtig ist, und auf der anderen Seite ein altersmilder Professor – Häberle ist immerhin schon 76 Jahre alt – der sich vom forschen Auftreten Guttenbergs vielleicht blenden liess. Oder hat das keine Rolle gespielt? Hätte ein Doktorand Hans Mustermann auch ein «summa cum laude» gekriegt? Wahrscheinlich schon. Und was las man in der Presse zu diesem Thema? Nichts. Alles hackte auf Guttenberg rum. Zweifelsohne hat dieser schwerwiegende Fehler begangen, doch dass die unzähligen Plagiatsstellen in seiner Doktorarbeit nicht bemerkt wurden, ist ein mindestens ebenso grosser Skandal und eine Blamage für die Wissenschaft und die Universität. Zur Erinnerung: Im Jahre 2000 erschienen in diversen Zeitungen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und im Magazin gefakte Interviews mit Hollywood-Stars von Tom Kummer. Einige leitende Redaktoren, die Kummers Texte eingekauft hatten, verloren dabei ihre Jobs.

Pierre C. Meier, Chefredaktor
pc.meier@werbewoche.ch
 

Do 03.03.2011 - 13:27
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