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21.03.2007
Printausgabe

Zuvorderst im Hintergrund

Great Garbo sind Nora, Diego und Lionel Vincent Baldenweg. Die drei Geschwister machen Musik für Film und Werbung, haben bereits zwei Edis gewonnen und sind aktuell in einer weltweiten Kampagne für Carlsberg zu hören.

Great Garbo sind Nora, Diego und Lionel Vincent Baldenweg. Die drei Geschwister machen Musik für Film und Werbung, haben bereits zwei Edis gewonnen und sind aktuell in einer weltweiten Kampagne für Carlsberg zu hören. Sie wollen Musik machen, aber sind nicht unbedingt die Leute, die auf einer Bühne stehen müssen. «Wir arbeiten lieber im Hintergrund. Mehr als ein einzelnes Projekt, lieben wir auch die Abwechslung», erklären Nora, Diego und Lionel. Für die Geschwister Baldenweg ist Musik für Film und Werbung deshalb «die ideale Lösung», seit ihre Eltern vor drei Jahren wieder nach Australien zurück gekehrt sind. Dort sind die drei Geschwister bis 1994 aufgewachsen. In der Schweiz wurden sie später bekannt mit diversen Bandprojekten. Mit der Familienband Trash Bag sind sie durch ganz Europa getourt. Als Vater Pfuri und Mutter Marie-Claire, die auch als Kunstmalerin bekannt ist, ihre inzwischen erwachsenen Kinder 2003 allein in der Schweiz zurück liessen, bedeutete das auch das  Ende der Band.
Wer seit Kindsbeinen, «schon mit vier Jahren», mit Musik durch die Welt gezogen ist, kann das nicht einfach aufgeben. Ein Agent in London kam deshalb gerade richtig, als er anfangs 2004 ein Demotape der jungen Baldenwegs hörte und spontan meinte, ihre Kompositionen würden sich «sehr gut für Filmmusik und Werbung» eignen.
Great Garbo heisst seither das Label, unter dem das Trio Töne für Kunden wie Kuoni, Findus oder Unicef anbietet. Für den Stop-Aids-Film von Euro RSCG und Kuoni hat Great Garbo letztes Jahr beide Edis für die beste Filmmusik gewonnen. Eine Komposition für Carlsberg ist derzeit um die ganze Welt zu hören.
Solche Erfolge haben auch das Interesse der grossen Filmproduzenten geweckt. Für Condor hat das Trio die Musik zum mehrfach preisgekrönten «Building the Gherkin» geschrieben sowie «Replay» mit Roger Federer. Im Kino ist Great Garbo auch  mit der Musik zu «Ring Thing», «Undercover» mit Viktor Giacobbo und kürzlich «Cannabis» aufgefallen. Neben Adrian Frutiger haben sie «20 Prozent der Musik und die Hälfte des Soundtracks» zum Filmhit «Mein Name ist Eugen» gestaltet. Aktuell experimentieren sie in ihrem Studio unter dem Dach der neuen Börse in Zürich an spannungsgeladenen Tönen für einen Thriller von Regisseur Mike Huber und der C-Films.
«Great Garbo steht für eine Mischung zwischen Glamour und Trash», erklärt Diego den Stil dieser Kompositionen. Im variantenreichen Klangspektrum finden sich die verschiedensten Elemente zwischen Pop und Klassik. Zu Papier gebracht werden die Noten vorwiegend von Diego. Dieser hat schon mit neun Jahren klassische Klavierwerke komponiert und sich seither «autodidaktisch» mit Harmonie-Lehrbüchern weiter gebildet. Später hat er Klavierwerke komponiert, die er selber «technisch gar nicht mehr spielen» konnte. Sein theoretisches Wissen bildet heute das Fundament für die grossen Orchester-Arbeiten, wie sie Great Garbo vor allem im Spielfilm einsetzt.
Nora ist innerhalb dieser grossen Partituren für die vielen individuellen Töne und einzelnen Melodien zuständig. Sie ist als Sängerin ausgebildet und hat ebenfalls bereits als Mädchen ihre eigenen Songs komponiert.
Lionel, der bereits als 13-Jähriger Schlagzeug in diversen australischen Punkrock-Bands spielte, ist heute vorwiegend für das Management von Great Garbo zuständig.
Wenn ein Auftrag rein kommt, nimmt er als Erster das Briefing entgegen. «Ich bin die Drehscheibe zwischen Kunden und der Musikproduktion.» Später wird er «als Supervisor und Berater» seinen Geschwistern beim Komponieren den Rücken freihalten. «Wenn man in einen kreativen Prozess involviert ist, braucht man sehr viel Energie für das Produkt, da wäre es sehr hinderlich, wenn die ganze Zeit das Telefon klingelt.»
Probleme untereinander gibt es beim Arbeiten im Studio von Great Garbo nicht. «Wir haben das gleiche Ziel und verfolgen die gleiche Ästhetik.» In einer Dreier-Konstellation könne man auch sehr gut diskutieren. Wenn zwei stecken bleiben, kommt der oder die Dritte mit einer neuen Ansicht. «Damit bleibt immer alles in Bewegung.» Weil Great Garbo Geschwister sind, gibts auch keine Hahnenkämpfe, für die in Agenturen zum Teil viel  Energie verbraten wird. «Wir müssen uns nicht beweisen. Wir argumentieren ehrlich und nicht hierarchisch. Und niemand wird in unserem Familienbetrieb je den Job verlieren.» Einig sind sich die drei Geschwister vor allem, dass sie bei ihrer Arbeit keine qualitativen Kompromisse eingehen wollen. Die ersten 18 Monate nach der Gründung ihres Labels haben deshalb alle nebenher noch in «normalen» Jobs gearbeitet, um sich «den Luxus der Kompromisslosigkeit leisten zu können». Lionel arbeitete in einer Design-Agentur, Diego im Konsumbereich und Nora für Fashion und PR.
Alle drei sind ihren Eltern dankbar, dass diese neben der Musik auch auf eine ganz konventionelle Ausbildung bestanden haben. Lionel machte das KV, Nora die Matur und Diego eine Wirtschaftsschule. «Wir sind keine musikalischen Träumer, sondern leben in der Realität. Wir haben aber eine gute Mischung der beiden Welten.»
Dass ihre Kids heute erfolgreich von der Musik leben können, freut die Eltern natürlich. Auch aus der Ferne in Australien würden sie die Entwicklung sehr interessiert verfolgen. Pfuri fungiert auch als Chairman von Great Garbo.
Diese sind heute echt froh, dass ihre Eltern sie mit den verschiedenen Bandprojekten und dem ständigen Reisen in einem ziemlich unkonventionellen Rahmen aufwachsen liessen. «Familientechnisch hat das viel gebracht. Wir mussten immer neue Leute kennen lernen. Das hat die Familie zusammengeschweisst.» Das Leben im Ausland habe ihnen auch einen gewissen Drive gegeben. «Wer lange am gleichen Ort ist, entwickelt eine gewisse Bequemlichkeit und Abschottung. Wir haben uns ständig mit neuen Situationen auseinander setzen müssen, das spiegelt sich extrem in unseren Projekten.» Great Garbo wagt sich an alles und will die neuen Grenzen finden. Dabei ist es den drei Geschwistern manchmal auch egal, dass sie für ihre liebsten Projekte das ganze Budget «restlos für die Qualität verpulvern».
Die Zukunft wird es bestimmt bald einmal zurück bringen.
Andreas Panzeri

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