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29.03.2012
Printausgabe

«Das ist keine Verlegenheitslösung»

Seit März ist die Talksendung «Focus» von DRS 3 auf SF zwei zu sehen. Pascal Scherrer, publizistischer Leiter DRS 3, erklärt im Gespräch, was es bedeutet, wenn Radio im Fernsehen kommt.

WW: Herr Scherrer, auf SF zwei wurden die ersten «Focus»-Sendungen ausgestrahlt. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Ich bin sehr zufrieden.

Was gefällt Ihnen an «Focus», wie es im Fernsehen gezeigt wird?
Mir gefallen die zusätzliche Komponente Bilddimension und der Erkenntnisgewinn. Hört man «Focus» mit Christoph Blocher am Radio, könnte man sagen: Der Gesprächsleiter Dominic Dillier hält sich etwas zurück. Schaut man es danach im Fernsehen und sieht, wie Dillier nonverbal mit Blocher kommuniziert, wenn dieser das eine oder andere Argument ausbreitet, bekommt man einen anderen Eindruck. Das Fernsehinterview hat meiner Meinung nach auch keinen redundanten Charakter. Mir wird nicht langweilig, selbst wenn ich die Radiosendung bereits kenne.

Ich nehme aber an, mit dem Fernsehformat wollen Sie Personen ansprechen, die «Focus» nicht bereits auf DRS 3 hören?
Richtig…

Welches Zielpublikum wollen Sie im Fernsehen erreichen?
Wir haben keine eng definierten Zielpublika. Gerade auf SF zwei. Sehr salopp ausgedrückt: Unsere Kunden sind Allesfresser. Wir servieren ein neues Menu und schauen, wer essen kommt. Wir glauben, dass uns die Fernsehübertragung völlig neue Zielpublika eröffnet. Und indem eine neue Nutzergruppe hinzu kommt, wird die Marke «Focus» gestärkt.

Besteht die Hoffnung, dass Personen über die TVSendung zur Radiosendung gelangen?
Selbstverständlich. Auch umgekehrt. Aber: Wir müssen ehrlich sein. Wir reden hier von sehr kleinen Dimensionen und haben sicherlich nicht das Gefühl, diese Richtung steuern zu können.

Was ändert sich durch die TV-Übertragung für die Moderatoren?
So wie ich von Kolleginnen und Kollegen höre, ändert sich nichts. Nur müssen sie sich neu etwas pudern, wegen der TV-Beleuchtung.

Anna Maier ist es als Fernsehfrau gewohnt, gefilmt zu werden. Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle Moderatoren glücklich sind, dass ihre Radiosendung jetzt über den Bildschirm flimmert?
Sämtliche Moderatoren sagten nach der Sendung, die Übertragung sei null Thema. Nach drei Minuten hatten sie vergessen, dass sie auch im TV sind. Meine Kolleginnen und Kollegen können wie gewohnt einfach Radio machen.

Es hat doch sicherlich auch kritische Stimmen gegeben…
Kritische Stimmen wäre zu viel gesagt. Natürlich gab es zu Beginn Fragezeichen: Wie kriegen wir das gut hin, um den starken Charakter der Talk-Sendung, die Intimität nicht kaputt zu machen? Die Sendung lebt sehr stark davon, dass Leute in einem intimen Rahmen mehr als gewöhnlich von sich preisgeben. Es gibt heute wenige Formate in der Deutschschweiz, in denen man sich als Gast derart breit artikulieren kann.

Haben Sie keine Bedenken, dass gerade diese Stärke von «Focus», innerhalb knapp einer Stunde in die Tiefe zu gehen, verloren geht, wenn man die Sendung auf 25 Minuten zusammenschneidet?
Aus meiner Sicht und was ich aus meinem Umfeld, bei DRS 3, beim Fernsehen und von ausserhalb höre, ist dies überhaupt nicht eingetroffen. Diesbezüglich mache ich mir keine Sorgen.

Das Schneiden gelingt doch nicht immer gleich gut?
Sicher…

Ich finde, dass bei der Sendung mit Christoph Blocher der Schnitt gut gelungen ist. Vielleicht auch, weil Blocher bekannt ist. Als Zuschauer weiss man sofort, worum es geht. Bei Milena Moser hatte ich demgegenüber teils Probleme, mich zu orientieren, und das Gefühl, im Radio mehr über die Person, ihren Charakter erfahren zu haben.
Wie so oft in den Medien ist das ein subjektiver Eindruck, den wir ernst nehmen müssen...

Sie sind also überzeugt, dass das Format im Fernsehen genauso tiefgründig ist wie im Radio?
Wenn man tiefgründig qualitativ versteht, dann ja. Natürlich, wenn man die Anzahl Sendeminuten vergleicht, ist das TV-Format die Hälfte der Radiosendung. Dafür hat der Zuschauer zusätzliche visuelle Informationen. Wir legen grosses Gewicht drauf, dass die TV-Sendung nicht nur einen Teil der Radiosendung widergibt, sondern dass sie ein Kondensat ist. Die Sendung wird zusammengeschnitten, aber sie soll von A bis Z den Kriterien auch in Bezug auf die Tiefe genügen.

Gerade weil es bei «Focus» stark um Persönliches und Intimes geht: Ist es schwieriger, Gäste für die Sendung zu finden, seit «Focus» im TV zu sehen ist?
Wir haben null Probleme, Gäste zu finden. Wir müssen praktisch keine Argumente nachreichen.

Die TV-Ausstrahlung schreckt niemanden ab?
Nein, im Gegenteil. Ich nehme an, Personen, die die Öffentlichkeit suchen oder sich dieser nicht verweigern – sonst wären sie ja nicht bei «Focus» im Radio –, schätzen es vermutlich sogar, einen zweiten Vektor zu haben.

Woher stammt die Idee, «Focus» im Fernsehen zu zeigen?
Die kommt von den TV-Kollegen, die sich Gedanken darüber machten, wie man gute Inhalte noch stärker ins Programm bringen kann. Wir vom Radio waren rasch begeistert und sahen darin eine Chance. Schliesslich ist es für uns nicht das erste Mal, dass wir so etwas tun. Unser Morgenprogramm ist als «3 auf zwei» als TV-Format zu sehen. Wir haben «Nachtwach», das wir gemeinsam mit SF produzieren. Die Skepsis war an einem sehr kleinen Ort.

Weshalb hat man sich gerade «Focus» ausgesucht?
In aller Bescheidenheit: «Focus» ist eine der renommiertesten Radiosendungen, eine Flaggschiffsendung. Das Konzept mit dem Inhalt war ein gutes Argument. Es hat einen einzigartigen Charakter, auch durch den Gästemix. Wir haben Leute aus der hohen Politik, attraktive Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsbereich, aber ebenso total abgefahrene Gäste, von denen man zuvor noch nichts gehört hat. Und nicht zuletzt haben wir die nötige Offenheit, das Interesse und das Savoir faire, so etwas zu produzieren.

Die ersten beiden Sendungen erreichten einen Marktanteil von unter zwei Prozent. Haben Sie sich mehr erhofft?
Wir hatten einen respektablen Start und sind sehr zufrieden, was die Zahlen anbelangt. Auf dem bisherigen Sendeplatz hatten wir Marktanteile von weit unter zwei Prozent. Die Bewegungen sind langsam, aber sie stimmen uns optimistisch.

Die Zuschauerzahlen sind also im Rahmen der Erwartungen?
Bei «Focus» liegen wir über den Erwartungen. Positiv überrascht wurden wir im On-Demand-Bereich. Mit mehreren tausend Abfragen über das SF-Videoportal sind wir in einem Rahmen, den wir so nicht erwartet haben.

Die ersten Sendungen könnten viele Zuschauer aus reiner Neugier angeklickt haben. Bleibt offen, ob das anhält…
Absolut, das ist klar.

Sie haben betont, wie begeistert Sie sind. Bestimmt gibt es doch aber Dinge, die Sie ändern wollen?
Wir haben keine Liste mit Verbesserungen. Wir sind gut gestartet und wollen jetzt schauen, wie es «am Markt tut». Für den Laien hört sich 19 Uhr nach Primetime, nach wahnsinnig attraktiv an. In Tat und Wahrheit haben wir einen geringen Quotendruck in dieser Zeit. Darum hat man die neuen Sendungen auf SF zwei, zu denen neben «Focus» zum Beispiel auch das Musikmagazin «Virus» gehört, dort programmiert. Eigentlich ist alles atypisch für das Fernseh-Business. Das macht es für uns im Moment sehr angenehm. Wir können unverkrampft eine möglichst gute Sendung produzieren.

Wäre es für Sie eine Möglichkeit, «Focus» auf einem anderen Sendeplatz in voller Länge zu zeigen?
In voller Länge? Das macht nur schon wegen der Musik wenig Sinn. Wir glauben an die kompakte Version, das ist keine Verlegenheitslösung. Das TVAngebot sollte sich deutlich vom Radioformat unterscheiden. Die Bildkomponente darf nicht der einzige Unterschied sein.

Die Experimentierphase mit den neuen Formaten dauert bis zur Fussball-Europameisterschaft im Juni. Wie geht es danach weiter?
Dazu kann ich heute noch nichts sagen.

Ist es möglich, dass «Focus» danach weitergeführt wird?
Das ist sehr gut möglich. Es ist unser erklärtes Ziel, bei DRS 3 und «Focus» weiterzumachen.

Werden bald auch andere Radioformate bei SF gezeigt?
Wir haben den Eindruck, dass sich auch andere Radioformate eignen könnten.

Konkret?
«Persönlich» von DRS 1 wäre denkbar. Ein Talk- Format ins Fernsehen zu bringen, ist natürlich am einfachsten. Da kann man sich am wenigsten die Finger verbrennen.

Bei «Echo der Zeit» wäre es schwieriger…
Definitiv, das würde sich nicht anbieten. Ein geeignetes Format muss Live-Charakter haben, sonst wird es sehr schnell sehr komplex.

Fernsehen und Radio rücken immer näher zusammen. Was wünschen Sie sich im Zuge der Konvergenz fürs Radio, für DRS 3?
Ich wünsche mir, dass wir weiterhin solche Chancen haben wie bei «Focus». Bei der Konvergenz geht es nicht darum, auf Biegen und Brechen eine Radiosendung ins Fernsehen zu bringen, sondern neue Chancen zu finden. Bei «Focus» fragten wir uns: Was würde es heissen, wenn diese Radiosendung im Fernsehen stattfinden würde? In kürzester Zeit haben wir die TV-Geschichte aus dem Boden gestampft. Wir hoffen, ein Wegbereiter für andere Radioformate zu sein.

Wie wichtig sind dabei Kostenüberlegungen?
Mir ist, gerade gegenüber den Gebührenzahlern, wichtig, dass wir neue Dinge nicht nur um des Probierens Willen versuchen. Wir wollen Synergien nutzen, im Wissen, in Zukunft tendenziell mit gleichviel bis weniger Geld auskommen zu müssen. Darüber hinaus geht es darum, zu zeigen, dass keine Serien eingekauft, sondern dass Innovationen aus dem eigenen Haus kommen, Swissness gebracht wird.

Konvergenz bedeutet unter anderem, dass Ihre TV-Kollegen Sendungen vom Radio übernehmen. Für Sie als Radiomacher hingegen wäre es wahrscheinlich wenig attraktiv, eine TV-Sendung fürs Radio zu adaptieren?
So habe ich mir das noch nie überlegt. Vermutlich nicht. Ich glaube, die mit Abstand zielführendste Form ist es, wenn man bei allen drei Vektoren gleichzeitig beginnt. Wie bei der Spendenaktion «Jeder Rappen zählt», die wir gemeinsam entwickelt haben. Wir müssen wegkommen vom Denken «Ich bin Radio und muss jetzt noch Fernsehen machen» hin zu: «Wir sind alles. Wir wollen in Radio, TV und Multimedia ein gutes Produkt für die Zuschauer machen.»

Interview: Isabel Imper

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06/2012

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