«Marken müssen den Mut aufbringen, nicht perfekt zu sein»

Loredana und Kilian Bamert-Carrabs haben nach einer sechsjährigen Karriere im Bereich Marketing und Kommunikation ihre Stellen gekündigt und sind auf Weltreise gegangen. Das Paar teilte seine Erlebnisse im Blog Saturday.and.sunday und erhielt schnell 18‘500 Follower sowie Aufträge von Unternehmen. Beflügelt durch die neue Bekanntheit entschieden die Influencer vor einigen Monaten, eine Agentur zu gründen, und sind nun als Storyteller-Coaches und Markenbotschafter unterwegs.

Auf dem Cafétisch vor dem jungen Ehepaar steht auf einem kleinen Stativ eine Kamera. «Keine Sorge, die läuft nicht», sagt Loredana, lacht, und ihr Mann Kilian lacht auch. Sie trägt roten Lippenstift, roten Mantel, karierten Schal. Er trägt kariertes Hemd, schwarze Jeans, braune Sneakers. Ihr Baby – die Kamera – müsse einfach immer dabei sein. Es könne sich ja etwas Filmenswertes ereignen. «Heute zum Beispiel filmen wir ein bisschen Alltag», erklärt Loredana. Die zwei Influencer wollen ihren 18‘500 Followern, die ihnen via Blog, Facebook und Instagram folgen, zeigen, wie ihr Tag abläuft, wenn sie ausnahmsweise nicht auf Reisen sind. Gerade kommt das Paar aus dem Heidiland, wo sie dem Marketing-Team beibringen, wie man mit Storytelling gute Videos für Social Media erstellt.

Im Herbst haben Loredana und Kilian Bamert-Carrabs eine Agentur gegründet, die sie The Corporate Storyteller tauften. Bekannt sind die zwei aber durch ihren Reiseblog Saturday.and.Sunday. Angefangen hat alles, als das Paar vor anderthalb Jahren beschloss, auf Weltreise zu gehen. «Wir hatten beide gut bezahlte Jobs und eine schicke Wohnung in der Region Zürich», sagt Loredana. «Es wäre einfacher gewesen zu sagen: Geniessen wir das Leben, wie es ist.» Aber das war den beiden nicht genug. «Das Jahr zog an einem vorbei, weil nichts passierte», erinnert sich Kilian. «Wir wollten diesen Alltagstrott durchbrechen und nicht immer auf Samstag und Sonntag warten.»

 

Loredana und Kilian

 

Bis dahin, sagen sie, seien sie stets strebsam gewesen. Kennengelernt haben sich der Muttenzer und die Rheintalerin, als sie gemeinsam Multimedia Production in Chur studierten. Nach dem Abschluss arbeiteten sie sich sechs Jahre lang im Bereich Marketing und Kommunikation die Karriereleiter hoch – er zuletzt auf Agentur-, sie auf Kundenseite. Als Loredana die Weiterbildung zum Art Director und Kilian den EMBA in New Business Development in der Tasche hatte, packten sie ihre Koffer. «Es ging uns nicht darum, einen Selbstfindungstrip zu machen», sagt Loredana. «Wir wollten gemeinsam etwas aufbauen.»

Statt einfach die Seele baumeln zu lassen, beschloss das Paar deshalb, die Erlebnisse unterwegs in Videos festzuhalten und diese online mit der Welt zu teilen. Saturday.and. Sunday tauften sie ihren Blog, weil Loredanas Lieblingstag der Samstag ist und Kilians Lieblingstag der Sonntag. Und weil sie versuchen wollten, jeden Tag so zu leben, als wäre Wochenende. Zu diesem Wunsch trug nicht zuletzt ein Trauerfall in der Familie bei. «Das hat uns bewusst gemacht: Das Leben kann so schnell vorbei sein. Wann, wenn nicht jetzt, das Leben bewusst leben», sagt Kilian.

 

Vollzeit-Reisende und Video-Blogger

Um bekannt zu werden, bewarben sich Loredana und Kilian bei 20 Minuten als Reise-Vlogger, erhielten die Zusage und posteten regelmässig Content über die Pendler-Plattform. Auf Reisen fragten sie die Hotels, in denen sie nächtigten, ob diese Interesse an Videocontent hätten. Durch die Verbreitung der Inhalte via Blog und Social Media wurden wiederum Tourismusverbände der Regionen auf die zwei aufmerksam. «Wir erhielten immer mehr Anfragen und waren letztlich fast gezwungen, eine Agentur zu gründen, weil wir Rechnungen stellen mussten», sagt Kilian.

 

Die Menschen, die das Video in der Schweiz im Zug schauen, interessiert das nicht.» Loredana ergänzt: «Die Menschen wollen das Auf und Ab ihres eigenen Lebens wiederfinden, statt traumhaft schöne Bilder lachender Menschen zu sehen.

 

Im Internet findet man heute zahlreiche Fotos und Videos der beiden. Im türkisblauen Meer schwimmend. Sich in den Alpen umarmend. Als strahlendes Hochzeitspaar im Tessin. Aber auch: als streitendes Paar in der neuen Wohnung in Buchs SG. Oder am ersten Hochzeitstag in einem Fast-Food-Laden. «Uns haben auch schon Menschen gesagt: ‹Wir hätten auch gern so eine perfekte Beziehung wie ihr›», sagt Kilian. «Das hat uns bewusst gemacht, dass wir aufpassen müssen, kein idealisiertes Bild zu verbreiten, vor allem jüngeren Zuschauern gegenüber. Deshalb geben wir mehr preis und zeigen auch mal, wenn wir uns streiten.» Auseinandersetzungen kommen zwischen den beiden tatsächlich häufiger vor, seit sie zusammenarbeiten. Loredana lacht: «Man könnte es auch so formulieren: Vorher mit unseren 100-Prozent- Jobs konnten wir gut aneinander vorbeileben. Wenn ich jetzt aber kritisiere: ‹Das Video gefällt mir nicht, ich finde doof, was du gesagt hast›, dann ist das persönlich. Genau das macht uns aber menschlich und echt. Deshalb folgen uns die Menschen – weil wir auftreten, wie wir sind.» Über Kommentare wie «Was machen die denn, wenn sie mal 45 Jahre alt sind?» oder «Die zwei sind doch nur öffentlichkeitsgeil» lachen die beiden. Für sich behielten sie nur die Tabus, erzählen sie, bei denen sie sich wirklich verletzlich fühlten. Wo sie wüssten, dass ein falscher Kommentar tief treffen würde. Ansonsten aber plädieren sie dafür, das echte Leben zu zeigen. «Eine einsame Insel am anderen Ende der Welt kann noch so schön sein», sagt Kilian. «Die Menschen, die das Video in der Schweiz im Zug schauen, interessiert das nicht.» Loredana ergänzt: «Die Menschen wollen das Auf und Ab ihres eigenen Lebens wiederfinden, statt traumhaft schöne Bilder lachender Menschen zu sehen.»

 

Loredana und Kilian mit Drohne
Bloggertrip von Hotelplan in Dubrovnik: Neben einer Kamera haben die beiden auf Reisen stets eine Drohne für Luftaufnahmen dabei.

 

Genau diese Erkenntnisse geben die zwei nun mit ihrer Agentur an Unternehmen weiter. Für Hotelplan zum Beispiel produzieren sie eine Videoreihe, die #nofilter heisst. «Wir zeigen Feriendestinationen so, wie sie sind», erklärt Kilian und Loredana nennt ein Beispiel: «In Mexico hatten wir viele Algen am Strand. Das haben wir nicht vertuscht, sondern im Video erklärt, warum es zu dieser bestimmten Jahreszeit eben viele Algen an Stränden hat. Und dass diese an gewissen Orten weggeräumt werden.» Für jedes Problem gebe es eine Lösung und Ferien seien doch immer schön. «Wenn du Kunden nur weissen Sandstrand und blauen Himmel versprichst, werden sie enttäuscht sein und Vertrauen verlieren.» Ein anderes Beispiel: In Lappland sahen die Weltenbummler keine Nordlichter. «Klar hätten wir Shutterstock-Bilder verwenden können. Stattdessen sagen wir im Video: ‹Wir sassen drei Stunden in der Kälte, ohne ein grünes Licht zu sehen. Aber es war trotzdem eine megageile Zeit.›» Um als Marke anzukommen, sei wichtig, die Zielgruppe ernst zu nehmen, statt für blöd zu verkaufen. «In einer Zeit, in der jeder versucht, sich in den sozialen Medien perfekt zu inszenieren», sagt Kilian, «müssen Marken den Mut aufbringen, nicht perfekt zu sein. Das Echte ist heute auffälliger als das Perfekte. Perfektion ist eh keine gute Story.»

Und wo wir schon beim Thema Storytelling im Alltag sind, kommt die Kamera der zwei Influencer doch noch zum Einsatz. Kilian greift danach und los gehts: «Wir durften jetzt gerade ein kleines Interview machen mit Ann-Kathrin von der Werbewoche …»

Beim Interview mit Werbewoche-Redaktorin Ann-Kathrin Kübler kam die Kamera natürlich zum Einsatz (ab Minute 9:40).

 

Loredana und Kilian Bamert-Carrabs ... leben in Buchs SG. Ihr Blog Saturday.and. sunday, auf dem sie Tipps rund ums Reisen sowie Privates aus ihrem Alltag teilen, verzeichnet 18‘500 Follower. Im Herbst 2017 hat das Ehepaar die Agentur The Corporate Storyteller gegründet. Seitdem treten Loredana (28) und Kilian (29) für Unternehmen als Markenbotschafter vor die Kamera oder führen Schulungen für Mitarbeitende durch. Zu ihren Kunden gehören Hotelplan, Boa Lingua, Vögele Shoes, Ford und BonusCard.ch.

 

Text: Ann-Kathrin Kübler 

Anmerkung: Der Artikel ist zuerst in der Werbewoche-Printausgabe 09/2018 erschienen.
 

Di 31.07.2018 - 13:07

Kommentare

neuen Kommentar schreiben

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Web page addresses and email addresses turn into links automatically.
CAPTCHA
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.