99 Design-Vorschläge

Auf dem Design-Marktplatz 99designs.com bieten über 320 000 selbständige Designer aus aller Welt für wenig Geld ihre Dienste an. Das freut vor allem Kunden mit geringem Budget. Trotzdem ist die Crowdsourcing-Plattform nicht unumstritten.

Das Prinzip von 99designs ist so simpel wie einleuchtend: Der Kunde beschreibt auf der Plattform detailliert, was er braucht. Die Angebotspallette ist breit: Logos, Websites, Visitenkarten, Mobile Apps, Buchcover, Illustrationen… was mit Design zu tun hat, wird auf 99designs gehandelt. Nach dem Briefing startet der Wettbewerb um den finanziellen Zuschlag. Designer, die am Auftrag interessiert sind, reichen nun ihre Kreationen ein. Nach sieben Tagen wählt der Kunde den Vorschlag aus, der ihm am besten gefällt, unterzeichnet den NutzungsrechteÜbertragungsvertrag und kann die erworbenen Grafiken nutzen. Die nicht-berücksichtigten Teilnehmer gehen in den meisten Fällen leer aus.

Die Anzahl der Vorschläge und die Qualität der Designer kann der Kunde dabei beeinflussen: Aus vier Kategorien – Bronze bis Platin – wählt er die Höhe des Preisgeldes. Die günstigste Variante kostet 279 Franken und verspricht ungefähr 30 Designs von «guten» Designern. Ein «Gold»-Wettbewerb generiert ca. 90 Vorschläge und mobilisiert in der Regel die «sehr guten» Designer. In der Platin-Version werden nur von 99designs auserlesene Designer auf das Projekt losgelassen. Kostenpunkt: 1099 Franken. Bei Platin-Wettbewerben werden auch nichtberücksichtigte Designer am Preisgeld beteiligt.

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Zusätzlich kann der Kunde die Attraktivität des Wettbewerbs steigern, indem er auf die «Geld zurück»-Klausel verzichtet und das Preisgeld auch dann vergibt, wenn ihn keiner der Vorschläge zufriedenstellt. Die Vorteile aus Sicht des Kunden liegen auf der Hand: Nebst der Schnelligkeit und der Vielfalt der Auswahl erhält er für einen Bruchteil der üblichen Kosten ein Produkt, das qualitativen Ansprüchen genügt. Da sich auch zahlreiche begabte Designer aus Tieflohnländern an den Wettbewerben beteiligen, sind die Erfolgsaussichten selbst bei niedrigen Budgets gross. Bei den meisten Ausschreibungen ist die Anzahl der eingereichten Arbeiten deutlich hö- her als die von 99designs angegebenen Richtwerte. Eva Missling, General Manager Europa, bestätigt: «Das Preisgeld ist für Designer aus Ländern mit niedrigeren Lebenshaltungskosten natürlich interessanter, so dass man Designs aus der ganzen Welt erhalten kann.» Allerdings spiele auch die Kommunikation mit dem Designer sowie das Potenzial, gemeinsam Folgeaufträge abzuwickeln, eine wichtige Rolle bei der Auswahl, so Missling. Hier profitierten dann natürlich Designer aus dem Heimatland. Rund 4500 Grafiker und Designer aus der Schweiz beteiligen sich am digitalen Marktplatz, 30 000 sind es im DACH-Raum. Die deutschsprachige Version von 99designs wurde im September 2012 lanciert. Die Domain 99designs.ch zusammen mit der Währung Schweizer Franken bietet man seit September 2013 an. Aus gutem Grund. «Der Schweizer Markt ist ein sehr aufgeschlossener Markt, sodass viele Schweizer Unternehmer 99designs auch schon vor September 2012 genutzt haben, bevor 99designs in Europa aktiv wurde», verrät Missling. Insgesamt seien bereits über 3000 Design-Wettbewerbe von Schweizern durchgeführt worden.

Einer davon ist David Christen, Gründer und COO von Quitt.ch. Das Portal ermöglicht es, mit wenigen Klicks Haushaltshilfen korrekt zu versichern und die Beiträge abzurechnen. Bei 99designs hat das Unternehmen einen Infograph in Auftrag gegeben. Zwar arbeitet Quitt.ch im Web-Bereich inhouse oder greift bei Printaufträgen auf klassische Grafiker zurück, sieht für manche Arbeiten jedoch 99designs als ideale Ergänzung. «Full-Service-Agenturen sind für ein Start-up zu teuer», so Christen. Er findet das Geschäftsmodell des Design-Marktplatzes spannend, da es einige disruptive Aspekte biete. «Die sorgen bei Grafikern sicher für einigen Gesprächsstoff», ist er überzeugt. Ausserdem habe man keine Berührungsängste mit Crowdsourcing, da man selbst einen Teil der Finanzierungsrunde über eine Crowdfunding- Plattform abgewickelt habe.

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Schwierigkeiten sieht Christen etwa darin, Ausschreibungen auf Englisch so zu verfassen, dass diese trotz kultureller Unterschiede richtig verstanden werden. So sei beispielsweise im Fall von Quitt.ch ein gewisses Verständnis darüber, was Schweizer unter «dä AHV» verstehen, wichtig. Positiv überrascht hingegen war er vom persönlichen Support in deutscher Sprache. Diese hätte eine ganz andere Qualität als andere internationale Crowdsourcing-Angebote.

Max Meister von der 2012 lancierten Start-up- Schmiede Incuray hat bei 99designs Logos erarbeiten lassen. Als Anhänger des Lean-Start-up-Ansatzes, also einer Gründung mit möglichst schlanken Prozessen, wollte man in kurzer Zeit ein gutes und kostengünstiges Resultat. Die Kosten/Nutzen-Evaluation spreche in dieser frühen Phase für 99designs. «Es gibt leider wenige Agenturen, die bereit sind, für Start-ups spezielle Konditionen anzubieten », so Meister. «Wenn es um ein spezifisches, rudimentäres Bedürfnis geht, bietet 99designs eine sinnvolle Alternative.» Je stärker sich ein Start-up jedoch in Richtung «starke Marke» entwickle, desto eher sollte es seiner Meinung nach mit einer guten Agentur zusammenarbeiten, da 99designs keine Rund-um-Betreuung biete. Dies gehe häufig Hand in Hand mit den finanziellen Möglichkeiten eines Start-ups. «Agenturen sollten ihr Pricing dem Lebenszyklus der Unternehmung entsprechend anpassen. » Was wiederum ein gewisses Risiko für die Agenturen bedeute, da viele Start-ups schnell wieder verschwinden. Als mögliche Lösung sieht der Unternehmensberater und HWZ-Dozent beispielsweise «CI fo Equity»-Ansätze – Agenturen würden die Aufwendungen in Anteilen an der Firma bezahlt. Europachefin Eva Missling sieht denn 99designs auch nicht als direkte Konkurrenz für klassische Agenturen, sondern als Ergänzung: «Wir sind auf ausgewählte Produkte wie Logo, Webdesign, Infografiken, Geschäftsausstattung spezialisiert – das können unsere Designer sehr gut und auch unser Briefing-Prozess ist darauf optimiert. Allerdings muss der Kunden wissen, was er möchte – den Prozess, die Idee erstmal zu entwickeln, ist eine typische Agenturaufgabe, die wir nicht leisten.»

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Fluch und Segen für Designer

Die Plattform betont gerne auch die Vorteile für die Angebotsseite: Da nur die eigene Kreativität zählt, kommen auch Designer ohne Netzwerk an Aufträge aus der ganzen Welt. «Nicht jeder Designer wohnt in einer grösseren Stadt mit Zugang zu diversen Unternehmen, die Design benötigen», so Missling. «Designern aus ländlicheren Gegenden bieten wir einen unbegrenzten Zugang zu Kunden und Möglichkeiten, ihrer Leidenschaft nachgehen zu können.» Dies gelte auch für Designer, die zeitlich beispielsweise durch Kinder gebunden seien und nicht die 40+-Stundenwoche einer Agentur möchten. Das Argument der totalen kreativen Transparenz dürfte selbst Kritikern einleuchten. Der Beste setzt sich durch – was zählt, ist die fachliche Fähigkeit, nicht Networking oder Eigenmarketing. Selbständige Designer können sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren. Bewertungen, History und Statistiken sorgen zusätzlich dafür, dass sie sich eine Reputation aufbauen können.

Kritiker von Crowdsourcing-Plattformen wie 99designs.com gibt jedoch viele. Hauptkritikpunkt ist der Vorwurf des Preisdumpings und der «Ausbeutung » selbständiger Designer. Wird online über 99designs berichtet, lassen negative Leserkommentare nicht lange auf sich warten. Der Tonfall bewegt sich von kritisch bis gehässig. «Wer kann sich denn heute noch erlauben, einfach kreativ zu sein und bei vielen Wettbewerben leer auszugehen?», fragt sich eine Designerin, die über das Geschäftsmodell «nur den Kopf schütteln» kann. «Manchmal bekommt einer den 200-Euro-Auftrag und die anderen Teilnehmer gar nichts. Haben die teilnehmenden Designer, Kreative oder Programmierer denn keine Achtsamkeit vor ihrer Leistung und der Investition ihrer Lebenszeit?», so das kritische Statement auf der Website Gruenderzeit.de weiter. Userin Silvia ruft gar zum Boykott der Plattformen auf und vergisst in der Emotion die Netiquette: «Ihr abartigen Ausbeuter sollt alle pleite gehen!»

Eva Missling nimmt Kritik aus allen Reihen ernst, denkt aber nicht, dass 99designs den Markt preislich kaputt macht. Man sei bei weitem nicht der billigste Anbieter für Designleistungen, betont sie. Vielmehr gebe es heute ein Überangebot an Grafikdesignern, dies werde auf der Plattform transparent. «Wir hören von Kunden, dass sie die Vielfalt an Designs schätzen, aus denen sie wählen können – obwohl sie ein günstigeres Angebot vorliegen haben, wollen sie Crowdsourcing ausprobieren.» Der Markt für Design sei sehr intransparent und habe eine grosse Preisspanne.

Auch das Argument, die Wettbewerbe seien unfair, da viele Designer für ihre Vorschläge nicht entlohnt würden, möchte Missling nicht so stehen lassen. «Ich denke, die Designer wägen ab, ob sie sich selber um neue Aufträge bemühen wollen – hier ist ja für einen selbständigen Designer oft auch viel unbezahlte Arbeit zu leisten, begonnen vom Selbstmarketing über die Vorstellungstermine und die Angebotserstellung. Und dann wartet man manchmal noch auf die Zahlung nach geleisteter Arbeit.» 99designs übernehme die Kundenakquise und garantiere die Zahlungssicherheit. Aus ihrer langjährigen Agenturerfahrung erinnert sich Missling an bezahlte Agentur-Pitches, die aber in keiner Weise die entstandenen Aufwände in der Agentur deckten, wenn man eine Chance haben wollte, einen Kunden zu beeindrucken und sich von der Konkurrenz abzuheben.

Zusammenarbeit mit Agenturen und grossen Unternehmen

Weht 99designs seitens vieler Designer und Grafiker ein eher kühler Wind entgegen, scheint die Plattform bei Werbeagenturen auch auf Interesse zu stossen. Agenturen nutzen 99designs, um Aufgaben, die nicht zu ihrem Kerngebiet gehören, outzusourcen, neue Freelancer zu finden und auch einfach Dinge abarbeiten zu lassen, wie beispielsweise Bilder freistellen. Für Agenturen, die für grafische Gestaltungen an externe Parteien auslagern, lancierte 99designs im Frühjahr 2013 ein spezielles Tool. Man sei überwältigt vom grossen Zuspruch, den man von Agenturen und grösseren Unternehmen erhalte, und wolle deshalb die Zusammenarbeit so komfortabel wie möglich gestalten, begründete damals CEO Patrick Liewellyn den Schritt. Denn auch wenn sich die Plattform auf Grund des attraktiven Preis-Leistungsverhältnisses besonders bei Start-ups und Einzelunternehmen grosser Beliebtheit erfreut – der Kundenstamm ist vielfältig. «Vom selbständigen Tischler über Start-ups bis zu Grosskonzernen», so Eva Missling.

«Mittelständische und grosse Unternehmen nutzen uns oft, um neue Ideen zu erhalten und in Kontakt mit vielen Kreativen zu kommen – beispielsweise um sich einen Freelancer-Pool aufzubauen.» Das Pro-Tool bietet eine vereinfachte Abwicklung und vor allem eine geschützte Privatsphäre. Die privaten «Invite only»-Wettbewerbe ermöglichen es, für eine Ausschreibung einen Pool an Designern zusammenzustellen, mit denen man auch in Zukunft zusammenarbeiten möchte. Die Ausschreibungen sehen nur die Grafiker, ausserhalb der Community kann nicht darauf zugegriffen werden – die Wettbewerbe werden über Suchmaschinen nicht gefunden. Vertraulichkeitserklärungen müssen unterzeichnet werden. Nach Wunsch sehen die Designer die Vorschläge der Konkurrenten nicht. Es scheint also, als sei das Entwicklungspotenzial von Crowdsourcing-Portalen wie 99designs noch lange nicht ausgeschöpft. Ob die virtuellen Design- Marktplätze auch in Zukunft eher als Ergänzung denn als direkte Konkurrenz der etablierten Agenturen auftreten, wird sich zeigen.

Thomas Häusermann

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Do 28.08.2014 - 13:02

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