«Para-Journalismus» als Bedrohung und/oder Bereicherung

Die Medienkrise reisst demokratierelevante Informationslücken, die Organisationen wie meine Arbeitgeberin zu schliessen versuchen. Einige Journalisten irritiert diese Entwicklung. Höchste Zeit also für eine Unterscheidung zwischen herkömmlicher und notwendiger PR, findet Oliver Classen.

Es war ein klassischer Fall von selber schuld. Oder kommunikativem Übereifer, was in meinem Metier häufig dasselbe ist. Auf dem Weg zum zweiten Recherche-Tag am Luzerner Medienausbildungszentrum (MAZ) erbat ich bei Berufskollegen fachlichen Input für die ausverkaufte Veranstaltung. Natürlich via Twitter, was ein Beobachter-Redaktor postwendend mit der Gegenfrage quittierte, was denn «ein Lobbyist am #rt_maz zu suchen» habe. Der Hinweis eines Ex-Redaktionskollegen und heutigen MAZ-Studienleiters, ich würde mein Wissen als NGO-Rechercheur einbringen, provozierte einen Vergleich, der mich – im Gegensatz zur nachvollziehbaren Ausgangsfrage – doch ziemlich konsterniert hat: «Jeder Lobbyist sagt, er kämpft für das Gute. Auch der Chef des Branchenverbands Interpharma.»

Okay, ich gestehe: Mein Job besteht primär darin, den Themen, Thesen und Studien meiner Brötchengeberin mediale Resonanz zu verschaffen. So steht es in meinem Stellenprofil und so lautet auch mein professionelles Rollenverständnis. Aber das wars dann auch schon an Gemeinsamkeiten meiner Arbeit (und die fast aller NGO) mit jener der PRZentralen von Konzernen, Verbänden, Behörden und Regierungen. Gerade für besonders gute, also besonders kritische Journalisten ist freilich auch das nicht mehr als die kühne Behauptung eines besonders um Integrität bemühten Interessensvertreters.

Dabei fusst sie auf der Analyse der diametral entgegengesetzten Motive und Methoden von herkömmlicher und – angesichts einer an Ressourcenmangel leidenden vierten Gewalt – notwendiger PR. Denn SIE vertreten per definitionem die Positionen und Institutionen politischer oder wirtschaftlicher Macht, Leute wie WIR hingegen die strukturell Ohnmächtigen. Weshalb ihre Aufgabe allzu häufig in passiv-aggressiver Journalismusbehinderung besteht, unsere jedoch immer in (der Unterstützung von oder eigenen) Versuchen, Licht in dunkle Machenschaften und undurchsichtige Zusammenhänge zu bringen.

Entsprechend sind es dieselben investigativen Instrumente, die bei Redaktionen und Recherche-basierten NGO zum Einsatz kommen. Mein Hauptinteresse am MAZ galt denn auch dem Erfahrungsaustausch in Sachen Quellenschutz, Öffentlichkeitsgesetz, Durchleuchtung nicht börsenkotierter Unternehmen und Verwendung von Justizdokumenten als News-Quellen. Und da es zu Zeiten boomender Sweatshop-Recherchen, Offshore-Leaks und Rohstoffberichte mehr Berührungspunkte denn je gibt, waren die Gespräche zwischen den Workshops ebenso so spannend wie diese selbst.

Bei meinem letzten Auftritt an der Schweizer Journalistenschule ging es also nicht zufällig um sich verschiebende Rollenbilder in den grösser werdenden Grauzonen zwischen Publizistik und Politik. Der Gastgeber titulierte mich damals als «ParaJournalist», eine trotz militärischem Beigeschmack nicht ganz unzutreffende Funktionsbezeichnung, oder? Die Diskussion scheint mir jedenfalls notwendig und ist hiermit offiziell eröffnet.

Oliver Classen ist Mediensprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.
 

Fr 07.02.2014 - 18:37
Tags

Kommentare

neuen Kommentar schreiben

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Web page addresses and email addresses turn into links automatically.
CAPTCHA
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.