Werber des Jahres

Peter Brönnimann, Executive Creative Director und Mitgründer von Spillmann Felser Leo Burnett, wird die Branche in diesem Jahr als Werber des Jahres vertreten. Ein bodenständiger Kreativer, der für gewöhnlich lieber seine Kunden als sich selbst in Szene setzt.

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Am Anfang ist es schlimm. Ich versuche jeweils, ruhig zu bleiben und den Schmerz auszublenden. Nach einer Minute wird es langsam besser. Und dann kommt der Moment, an dem ich weiss: Jetzt muss ich raus, sonst kann ich mich den ganzen Tag nicht richtig bewegen.» 

So beschreibt Peter Brönnimann nicht etwa seine Arbeit an der Aemtlerstrasse, sondern sein wöchentliches Bad im Zürichsee. Ob ein strahlender Samstagmorgen im Juni, ein regnerischer Herbsttag oder ein verschneites Winterwochenende: Brönnimann wagt sich ins Wasser. Ohne Schutzanzug, auch wenn der See gerade mal ein paar Grad zählt. Nur an den Händen trägt er im Winter Neoprenhandschuhe, damit seine Hände nach dem Schwimmen wieder sofort funktionstüchtig sind.

Im Winter sei es schon sehr hart und nicht wirklich lässig, gesteht Brönnimann. «Viele meinen, man gewöhne sich daran. Das bezweifle ich. Mir kommt es jedes Mal extrem kalt vor. Lässig wird es im März oder April, wenn es etwas wärmer wird, 9 Grad und drüber. Das empfindet man dann komischerweise als relativ angenehm.»

Weshalb zieht Brönnimann das Ritual dennoch ganzjährlich durch? Lotet der Kreative gerne seine körperlichen Grenzen aus. Jagt er von einem Spektakel zum nächsten? Gar nicht, meint der ECD. Er hält inne und überlegt, bevor er antwortet: «Es ist ein besonderes Naturerlebnis, total ruhig und unbezahlbar schön, ganz einfach und trotzdem spektakulär – und immer anderes: Mal scheint die Sonne, der See ist glatt, das nächste Mal hat es riesige Wellen, es regnet, es windet. Ein anderes Mal schneit es.»

Brönnimann kann dem Alltäglichen, dem Einfachen viel abgewinnen. Die morgendliche Zugfahrt nach Zürich, die andere als lästiges Pendeln abtun, gehört für ihn zur schönsten Zeit des Tages. «Es kommt mir gar nicht vor wie Zugfahren. Es ist mehr, als sässe ich in einem Sessel und läse Zeitung.» Der Kreative mag es, Leute um sich zu haben und den Gesprächen zu lauschen. Bahnt sich neben ihm eine spannende Szene an, stöpselt er sich – zur Tarnung – die Kopfhörer ein und lehnt sich zurück. Im Zug hat er so bereits die absurdesten Dialoge mitbekommen. Er wurde schon Zeuge, wie eine Beziehung am Telefon beendet wurde, wie ein Personalchef ein Bewerbungsgespräch führte oder zwei Punks über die richtige Anwendung von Geschirrspülmaschinen sprachen. Szenen, sähe man sie in einem Film, würde man die Handlung für konstruiert oder gesucht halten. «Bahnfahren ist oft Kino live», meint der ECD.

Geht es um sein eigenes Leben, ist Brönnimann zurückhaltender mit Worten der Begeisterung. Hier scheint der Kreativchef und Mitgründer von Spillmann Felser Leo Burnett (SFLB) einen anderen Massstab anzulegen. Fragt man ihn, wie sein Alltag aussehe, meint er, er habe ein erschreckend unspektakuläres Leben – und das sei prima so.

Aber Brönnimann redet auch davon, dass Brad Pitt ein unspektakuläres Dasein friste. «Manchmal habe ich fast ein wenig Mitleid mit ihm», meint er. «Ich glaube, der hat ein langweiliges Leben – zumindest wenn er bei den Dreharbeiten ist.» Genauso wie Brönnimann die Glorifizierung der Schauspielerei für falsch hält, ist für ihn die Werbewelt, die gerne mit Glamour in Verbindung gebracht wird, alles andere als glanzreich. Dreharbeiten zum Beispiel erinnern ihn eher ans Militär. «Früh aufstehen, viel herumstehen und warten.»


Eintauchen in verschiedene Welten

Was Brönnimann an seiner Arbeit besonders schätzt, ist die Abwechslung. Abgesehen von ein paar Fixpunkten – aufstehen um halb 7, mit der Familie frühstücken und mit der S-Bahn nach Zürich –, gleicht kein Tag dem anderen. Manchmal ist er unterwegs und taucht bei einem Shooting in eine andere Welt ein. Zum Beispiel mit Wetterschmöcker Martin Horat. An einem anderen Tag bespricht er zuerst mit einem CEO eines Konzerns eine Kampagne und beurteilt am Nachmittag mit seinem Team Arbeiten. In anderen Momenten wiederum nimmt sich Brönnimann Zeit, selber kreativ zu sein. Dann konzeptet er zusammen mit Johannes Raggio, mit dem er sich seit ein paar Monaten die Kreativspitze teilt, oder sitzt alleine vor einem weissen Blatt Papier.

Wenn Brönnimann erzählt, wie sein Werbetexter- Weg verlief, stapelt er tief: Im Gymnasium habe er zu wenig gelernt, die Matura nur knapp geschafft und schliesslich «nichts Richtiges» studiert (Journalistik). Danach habe er im Lokalradio eine Sendung gemacht, die niemand hören wollte, später bei der Berner Zeitung schlechte Texte geschrieben und schliesslich bei Martin Suter angeheuert. «Es ist mir heute noch ein Rätsel, weshalb Suter mich damals genommen hat. Ich konnte nichts wirklich Gutes vorweisen.»

So richtig ins Schwärmen kommt Brönnimann dagegen, wenn es um den Werbeoutput von SFLB geht. Die Kreativarbeiten bescheren der Agentur jährlich Spitzenpositionen bei den Rankings. Mindestens so wichtig ist es dem Kreativen jedoch, dass die Werbung bei den Adressaten Anklang findet. «Ich glaube, populäre Werbung ist das, was SFLB auszeichnet. Arbeiten, die die meisten Leute gerne ein zweites Mal anschauen. Oder ein drittes Mal …» Zum Beispiel die einfachen, aber genialen Wendesätze für Swiss Life. Oder die fortlaufende Kampagne für Schweiz Tourismus, bei der sich die Protagonisten mit Schweizer Gründlichkeit, dennoch mit viel Charme und einer Prise Humor für das Wohlergehen der Touristen einsetzen. Derzeit sind Sebi und Paul im aktuellen Winterfilm damit beschäftigt, alle Uhren wegzuräumen, damit die Gäste ihre Ferien ganz entspannt geniessen können. Die Kuckucks- Uhr wird zugenagelt, die Zeiger der Kirchenuhr eingesammelt und dem Hahn ein Kräh-Verbot vor den Schnabel gesetzt.

Werbung für die Schweiz zu machen, empfindet Brönnimann als ganz besondere Verpflichtung. «Du bist sozusagen der werberische Aussenminister und feilst mit deiner Arbeit am Image der Schweiz.» Brönnimann gäbe aber auch selbst einen guten Botschafter ab. «Ich verbringe wahnsinnig gerne Ferien in der Schweiz.» Schneeschuhwandern oder Skifahren im Winter, Bäche stauen im Sommer. Bessere Ferien könne es nicht geben. Mit dem Zug in die Alpen zu fahren sei schliesslich bequemer als in einem Flugzeug eingepfercht zwischen zwei Sitzreihen auszuharren, um die Schwiegereltern in Australien zu besuchen. Mit einer Grösse von 1,94 Metern erst recht.

Doch der Kreative lässt lieber seine Arbeit für sich sprechen, als selber als Werbeträger hinzustehen. Dass in der Werbung die Kunden und nicht die Werber im Mittelpunkt stehen, empfindet er denn auch als sehr angenehm. «Würde ein Werbe-Spot – wie ein Zeitungsartikel – damit beginnen, wer dafür verantwortlich zeichnet, wäre das total komisch», so Brönnimann. «Wir Werber sind also relativ bescheiden.»

Als Werber des Jahres steht Brönnimann in diesem Jahr für einmal trotzdem im Vordergrund. Was bedeutet ihm der Titel? «Ich bin stolz und fühle mich sehr geschmeichelt. Es ist eine Honorierung meiner Arbeit», so der ECD und fügt sogleich an, «in erster Linie ist der Titel jedoch eine grosse Ehre für alle, die bei SFLB arbeiten und sich einsetzen. Es heisst zwar Werber des Jahres. Doch jeder in der Branche weiss, dass es für gute Arbeiten an allen Stellen gute Leute braucht.»

Bei SFLB schätzt Brönnimann die Mischung aus Bodenständigkeit und internationalem Flair in der Leo-Burnett-Agentur. «Und wir haben das Glück, für grossartige Schweizer Marken arbeiten zu dürfen und für Kunden, die an die Kraft guter Ideen glauben.» Die besten Ideen zu haben nütze schliesslich nichts, wenn diese auf Auftraggeberseite nicht erkannt würden. «Wir können uns diesbezüglich sehr glücklich schätzen.»

Dass ihm die Einfälle ausgehen, fürchtet Brönnimann schon gar nicht. «Viele Leute haben das Gefühl, Kreative hätten mit dem Alter weniger Ideen. Das glaube ich nicht.» Effizienter werde man mit der Zeit dagegen schon. «Meine Erfahrung ist, dass man schneller weiss, ob man eine Idee weiterverfolgen soll, wenn sie im Hirn durchfährt.» Hinzu kommt eine Prise Gelassenheit, die Brönnimann als Junior- Werber noch nicht kannte. Wenn er früher im Kino eine interessante Szene sah, studierte er sofort, ob er das nicht für eine Werbung verwenden könnte. Heute hat er Momente, in denen er die Werbung weit hinter sich lässt. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich beim Schaffen am besten schaffen kann».

Isabel Imper
 
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Fr 01.02.2013 - 10:07

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