Startklar für die Medienwelt

Junge Journalisten und solche, die es werden möchten, trafen sich vergangene Woche in Zürich zu den ersten Jugendmedientagen Schweiz. Es wurden Kontakte geknüpft und Diskussionen über den Journalismus geführt, es wurde geschrieben, gefilmt, fotografiert, getwittert und gepostet.

Wie werde ich Journalist? Welche Ausbildung ist die geeignete? Wie ist es, beim Medium XY zu arbeiten? Und wie komme ich zu einer Stelle? Solche und ähnliche Fragen beschäftigten die 75 Teilnehmer der Jugendmedientage Schweiz 2012 (JMT.) Sie sind zwischen 16 und 25 alt, studieren oder gehen noch zur Schule, schreiben für Jugendmagazine, arbeiten als freie Journalisten, moderieren am Radio oder machen Fernsehen. Und alle haben sie denselben Wunsch: künftig journalistisch tätig zu sein. Die Jugendmedientage boten ihnen die Gelegenheit, sich sowohl mit Gleichaltrigen als auch mit älteren Medienschaffenden auszutauschen. Bei Redaktionsbesichtigungen unter anderem bei Radio 1, Blick und Tages-Anzeiger sowie beim Schweizer Fernsehen erhielten die Teilnehmer Einblick in den Redaktionsalltag. In Arbeitsgruppen holten sie Ratschläge von erfahrenen Journalisten ein oder hörten zu, wie aus dem Nähkästchen geplaudert wurde.

Eine etwas offiziellere Runde fand mit der Podiumsdiskussion am Freitagabend statt, bei der Patrik Müller (Chefredaktor Der Sonntag), Hansi Voigt (Noch-Chefredaktor 20 Minuten online) und Alexandra Stark (Studienleiterin an der Schweizer Journalistenschule MAZ) zum Thema «Journalismus 24/7» diskutierten. Wie haben moderne Medien die Arbeit der Journalisten verändert? Schliesslich kann man heute von überall auf Medien zugreifen und arbeiten, ist ständig erreichbar. Moderator und Multimedia-Journalist Konrad Weber läutete die Runde mit der Frage ein, ob Journalisten besonders anfällig seien für ein Burn-out. Keiner der Podiums- teilnehmer sah sich derlei gefährdet. Betont wurde der zusätzliche Freiraum, der sich durch die neuen Technologien ergebe, indem beispielsweise zuhause gearbeitet oder die Zeit unterwegs genutzt werden könne.

Einigkeit bestand aber ebenso darin, dass Journalisten den Einsatz der neuen Möglichkeiten mit sich aushandeln müssen. Es sei wichtig, selber zu bestimmen, wann man kommuniziere und wann nicht, meinte Stark. Müller betonte, er wolle nicht zum Sklaven der Geräte werden: «Als ich beim Windelwechseln mit der Redaktion telefonierte, kam mir schon der Gedanke: Jetzt ist es vielleicht zu viel.» Und Voigt gestand, dass er es an freien Tagen vermeide, beim Surfen 20min.ch zu besuchen. Als Selbstschutz, sozusagen. Wenn er auf dem Newsportal Fehler sehe, müsse er handeln, so Voigt. Neue Medien waren beim Podium nicht nur Gesprächsthema, sondern ebenso Programm. Via Twitter schalteten sich die jungen Journalisten in die Debatte ein. Interessiert war der Mediennachwuchs vor allem daran, welche Ausbildung ein Journalist brauche. «Viele Wege führen nach Rom», meinte Müller, der eine in Bezug auf Bildung heterogene Redaktion für erstrebenswert hält. Wichtiger als Diplome sei ihm, was ein Bewerber schon gemacht beziehungsweise geschrieben habe. Der abtretende Chefredaktor von 20 Minuten online betonte, dass weniger die Ausbildung, sondern vielmehr der Wille entscheidend sei. Zwar liege die Akademiker-Quote in seiner Redaktion bei über 80 Prozent, so schätzte Voigt, relativierte jedoch sogleich: Studienabgänger wüssten vielleicht Definitionen von Textsorten herunterzubeten. Wie man sich in einer Redaktion verhalte, lernten sie dennoch erst bei der Arbeit.

Neben vielen positiven Bekundungen nutzte Müller die Podiumsrunde für etwas Kritik am Journalistennachwuchs. Viele Junge läsen zu wenig Zeitung, was der Schreibfähigkeit abträglich sei. «Lesen ist schreiben, schreiben ist lesen. Nur scrollen und scannen genügt nicht.» Ebenso ärgere er sich über die Arroganz junger Journalisten, die sich zu fein dafür sind, im Regionaljournalismus einzusteigen. Eine Kolumne über eine Gemeinderatsdebatte zu schreiben sei doch anspruchsvoller als das TV-Duell Obama - Romney zu kommentieren.


Einsatz bei Workshops

An den Medientagen wurde nicht nur über Journalismus diskutiert. Beim Partner NZZ Campus fanden Workshops statt, in denen die Teilnehmer das journalistische Handwerk lernten. Sie erfuhren unter anderem, wie Onlinerecherche und Datenjournalismus funktioniert oder wie der Alltag in einer Radio- und Fernsehredaktion aussieht. Sie nahmen Fotostrecken auf, führten Interviews oder produzierten eigene Radio- und Videobeiträge. Einige Teilnehmer engagierten sich zudem bei der Newsroom- Redaktion, die auf verschiedenen Kanälen laufend über die Medientage berichtete: in einem Blog, auf Twitter und Facebook sowie mit einem eigenes für die Medientage erstellten Magazin, das übrigens zusätzlich in gedruckter Form erschien. Nicht zuletzt bot der Anlass Unterhaltsames und unzählige Gelegenheiten zum Netzwerken und Feiern. Bei Apéros, einem Brunch, beim Konzert der Basler Band The Drops oder im Pfadihuus, der gemeinsamen Unterkunft. Kein Wunder, klagten Veranstalter und Teilnehmer gleichermassen über Schlafmangel.
 
Organisiert wurden die JMT vom Verein Junge Medien Schweiz nach dem Vorbild der deutschen Medientage. Im nördlichen Nachbarland finden regelmässig Netzwerkveranstaltungen auf regionaler und nationaler Ebene statt. Mit ihrer Idee, die Jugendmedientage auch in der Schweiz zu lancieren, fanden die Veranstalter Anklang. Als der Presseverein die Werbetrommel für den Anlass rührte, waren die Workshops bereits ausgebucht. Nach dem Anlass zieht Co-Projektleiterin Luzia Tschirky ein positives Fazit. «Ich bin begeistert und habe von vielen Teilnehmern positive Rückmeldungen erhalten.» Für Tschirky ist es denkbar, dass der Event nächstes Jahr wieder durchgeführt wird – sofern sich Sponsoren finden lassen. «Die drei Tage haben gezeigt, dass Jugendmedientage in der Schweiz eine Lücke schliessen.» Auch Vereinspräsident Felix Unholz hofft, dass sich der Anlass etablieren kann. Er verspricht sich von den JMT nicht zuletzt eine Öffentlichkeitswirkung. «Wir wollen der Branche zeigen, dass junge motivierte Nachwuchsjournalisten nachrücken.» Die Arbeit junger Journalisten müsse stärker wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

Isabel Imper


In Kürze

Der Verein Junge Medien Schweiz (JMS) vernetzt junge Medienmacherinnen und Medienmacher sowie Jugendmedien. Als Dachverband vertritt er die Interessen der Jungjournalisten, indem er Kontakte zu Medien, Stiftungen und staatlichen Stellen pflegt. Er berät Medienschaffende bei redaktionellen und verlegerischen Problemen und bietet ihnen mit dem Jugendmedienausweis eine Legitimationskarte. Zudem finanziert und unterstützt JMS das von Journalist Konrad Weber gegründete Netzwerk Jungejournalisten. ch. Neben der nationalen Vernetzung fördert JMS die internationalen Kontakte, indem die Teilnahme an Veranstaltungen der europäischen Jugendpresse jungen Medienmachern ermöglicht und vergünstigt wird. Zu den Vereinsmitgliedern zählen Einzelmitglieder sowie Jugendmedien, darunter das Online-Magazin Negative White, die Jugendmagazine Tink.ch und 4-Teens und das Schülerinternetradio Kantipark.ch. Die Mehrheit der Jungjournalisten ist zwischen 15 und 25 Jahre alt, wobei das jüngste Vereinsmitglied gerade mal 13, das älteste 30 Jahre zählt. Mehr Informationen gibt es auf Jungemedien.ch.


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«Social Media ist ein Paralleluniversum, in dem viel passiert. Kümmert euch darum!»

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WW: Du nennst dich Journalist 2.0. Ist der moderne Journalist vor allem im Web 2.0 zu Hause?
Konrad Weber: Na ja, was ist der moderne Journalist? Sagen wir es so: Ich habe mit Social Media meine Heimat gefunden. Ich setze mich gerne mit der Technik auseinander. Die digitalen Möglichkeiten haben mich von Anfang an fasziniert. Dadurch bin ich immer wieder zu Jobs gekommen und so langsam reingerutscht …

Welche Jobs waren dies?
Ich konnte zum Beispiel mithelfen, NZZ-Journalisten im Umgang mit Twitter zu schulen, und ihnen die Recherchemöglichkeiten in Social Media aufzeigen. Während meines Praktikums letzten Herbst beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) habe ich zudem im Rahmen des Formats «Treffpunkt Bundesplatz » interaktiv vom Bundesplatz aus berichtet. Durch mein Social-Media-Interesse bin ich aufgefallen und in eine Projektgruppe gelangt, die sich damit beschäftigt, wie Journalisten im Netz auftreten sollen und welche Möglichkeiten sie bei der Recherche haben. Seit Anfang Jahr bin ich nun bei SRF für die Informationsabteilungen von Radio und Fernsehen in dieser Projektgruppe tätig.

Was bringst du den Journalisten bei?
 Zusammen mit Arbeitskollege Alexander Sautter gebe ich ihnen in erster Linie mit, dass es diese Plattformen überhaupt gibt. Journalisten müssen auf den Social-Media-Sites nicht zwingend aktiv sein, aber sollten realisieren, dass es noch ein Paralleluniversum gibt, in dem extrem viel passiert. Ich will zeigen: He da ist was und kümmert euch darum. In diesen Welten werden Inhalte geliefert, die man journalistisch nutzen könnte.

Wie reagieren die Journalisten darauf: interessiert oder eher skeptisch?
Ich habe viele Kurse geleitet, in denen sich die Teilnehmer mit Händen und Füssen gegen Social Media gewehrt haben. Viele Journalisten hatten das Gefühl, die gängige Praxis sei sinnvoll und müsse weitergeführt werden. «So machen wir es weiterhin.» In diesen Fällen braucht es viel Überzeugungsarbeit.

Sprichst du vor allem von den «alten Hasen»?
Nein. Mit grossem Erstaunen habe ich festgestellt, dass teilweise auch jüngere zwischen 25 und 30 mit einer extremen Skepsis ans Thema herangehen. Es ist mehr eine Haltungs- denn eine Altersfrage.

Wie gelingt dir der Durchbruch bei den Skeptikern?
Ich zeige positive Beispiele, bei denen der Einsatz von Social Media funktioniert hat. Und zwar Beispiele aus der Schweiz. Anhand der Ermordung Osama Bin Ladens liesse sich zwar schön aufzeigen, wie schnell die Nachricht auf Twitter um die Welt ging. Dann entgegnen mir die Journalisten jedoch: «Das ist ja schön und gut. Aber wie kann ich es in meinem Arbeitsalltag als Lokal- oder Inlandredaktor anwenden? » Ich zeige den Journalisten Möglichkeiten und Chancen, wie sie Social Media konkret nutzen können.

Kannst du ein Beispiel nennen?
Vor den Bundesratswahlen haben einige Politiker Gerüchte über Kollegen mit ihren Followern auf Twitter geteilt. Das ergibt vielleicht keine Top-1-Story. Zumindest hat man als Journalist aber ein paar Zusatzinfos und einen Wissensvorsprung gegenüber jenen, die diese Kanäle nicht nutzen. Hier zeigt sich wieder, was meine Botschaft ist: Wenn ihr nicht aktiv sein wollt, dann schaut zumindest, was passiert. Schaut, was Akteure, mit denen ihr täglich zu tun habt, auf diesen Kanälen tun.

Du setzt dich mit der Zukunft des Journalismus auseinander. Die Medien sind gut im Schwarzmalen. Wie sieht deine Prognose aus?
Ich kämpfe sehr gegen diese hartnäckige These, der Journalismus sterbe aus. Gute Geschichtenerzähler, die Ereignisse aufarbeiten und Komplexität reduzieren, wird es immer brauchen. Es wird höchstens ein Ablösen der Kanäle stattfinden. Onlinemedien bieten eine zusätzliche Möglichkeit, journalistisch aktiv zu sein und Geschichten anders zu erzählen. Das Spannende am Onlinejournalismus ist, dass man Bilder, Videos und Interaktion miteinander kombinieren kann. Endlich kann man mit den Lesern, Zuhörern und Zuschauern in Kontakt treten.

Interview: Isabel Imper

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Do 25.10.2012 - 14:22

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