«Nicht nur Tamedia kann uns Synergien bieten»

Als einziges regionales Medienhaus schliesst die Basler Zeitung Medien (BZM) ihr Geschäftsjahr jeweils Ende Juni ab. Zahlen liegen zwar noch keine vor, doch Verleger und Verwaltungsratspräsident Matthias Hagemann zeigt im Gespräch mit Markus Knöpfli auf, wo die BZM derzeit steht und wie es mit dem Nordwestschweizer Verlagshaus weiter gehen könnte.

WW:  Herr Hagemann, wie hat die BZM das Geschäftsjahr 2008/09 über die Runden gebracht?

Matthias Hagemann:  Es wird sehr unerfreulich. Der Abschluss fällt dieses Jahr quasi auf den dümmsten Moment, so dass das Geschäftsjahr zwölf ganz schlechte Monate umfasst. Zuerst hatten wir die ohnehin schwächeren Sommermonate, und im September kam die Lehman-Konkurs und damit der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Daraufhin leiteten wir massive Sparmassnahmen ein, die uns aber zunächst zusätzliche Kosten verursachten. Insgesamt bauten wir über 100 Stellen ab. Da der eigentliche Spareffekt aber erst im nächsten Geschäftsjahr wirksam wird, werden wir einen Verlust haben. Ich gehe gar von einem deutlichen Verlust aus. Genaueres weiss ich noch nicht.

WW:  Gibt es Bereiche, die nach wie vor schwarze Zahlen schreiben?

Matthias Hagemann:  Ja. Die BZM Werbe AG, unsere Inserateakquisition, arbeitet schwarz, ebenso Key Media, die im Vermittlungsgeschäft tätig ist. Ihr Umsatz ist in drei Jahren stetig gewachsen und bewegt sich im zweistelligen Mio-Bereich. Der Baslerstab, der seit Mai zweimal statt fünfmal wöchentlich erscheint, steht jetzt gut da: Er konnte die Einnahmen halten, verursacht aber weniger Kosten. Die Lokalzeitungen sind stabil, fallen aber kaum ins Gewicht. Auch bei Birkhäuser GBC gibt es nicht nur schlechte Nachrichten: Zwar haben wir den Bereich Rollen-Offset eingestellt, aber beim Spezialdruck (Etiketten, Packungsprospekte) sind haben wir gute Marktpositionen. Auch der Zeitungsdruck ist okay. Zu teuer war vor allem die BaZ – und auch Radio Basel 1 war immer defizitär.

WW:  2008/09 war das erste volle Geschäftsjahr in Eigenregie und das erstes ganze Jahr mit News und Newsnetz. Haben sich diese Investitionen gelohnt?

Matthias Hagemann:  Die Eigenregie hat sich mit 100prozentiger Sicherheit gelohnt, vor allem wegen der intensiven Marktbearbeitung. Wir haben mal geschaut, was heute anders wäre, wenn wir nach wie vor in Regie wären. Dieser Vergleich fiel klar aus: Wenn Sie die BaZ heute durchblättern, sehen Sie sowohl lokale als auch nationale Kunden, die wir früher nie hatten. Ohne Eigenregie wäre unser Resultat somit bedeutend schlechter ausgefallen.

WW:  Wie stehts mit dem Newsnetz?

Matthias Hagemann:  Das Newsnetz ist für uns eine erfreuliche Sache, hier rechnen wir schon bald mit schwarzen Zahlen. Natürlich machen wir im Online nicht die Gewinne, die uns im Print durch die strukturellen Verschiebungen verloren gehen. Aber verglichen mit dem, was wir vorher im Onlinebereich hatten, ist es erfreulich. Zudem wollen wir mit BaZOnline das beste Nachrichtenportal der Region führen, dies jedoch ohne unsere Printausgabe zu kannibalisieren. Deshalb geben wir nicht einfach alle unsere regionalen Inhalte frei. Diesbezüglich unterscheiden wir uns von Tamedia.

WW:  News dürfte weniger erfreulich sein.

Matthias Hagemann:  News hatte mehrere Ziele. Es sollte zum einen der BaZ im Werbemarkt und im Anzeigemarkt helfen. Dieses kommerzielle Ziel ist noch nicht erreicht, was im aktuellen Umfeld auch kaum denkbar war. Deshalb ist News – wie alle verlustbringenden Aktivitäten - bei uns auf der Watchlist. Ein ganz wichtiges Ziel war aber auch, .ch aus dem Markt zu werfen. Sascha Wigdorovits wollte ja anfangs eine hochwertige Gratiszeitung in alle Hauseingänge bringen, was für alle Abozeitungen eine Gefahr darstellte. Heute bin ich froh, dass .ch verschwunden und dass es bei den Investoren zu einem ansehnliche Blutbad gekommen ist. Das dürfte Nachahmungstäter abschrecken. Dieses Resultat rechtfertigt bereits das Mittun bei News.

WW:  Mal abgesehen von Eigenregie, News und Newsnetz – 2008/09 war bei der BZM ein Jahr der Rückzüge. Zuerst haben Sie die Jüdischen Medien verkauft, dann bei BaZ und Baslerstab abgespeckt, bei Birkhäuser den Rollen-Offset aufgegeben und schliesslich Radio Basel 1 verkauft. Was ist Ihre Strategie?

Matthias Hagemann:  Angesichts der harten Massnahmen, die wir in verschiedenen Bereichen unseres Unternehmens umsetzen müssen, wäre es nicht vertretbar, unbesehen verlustreiche Aktivitäten weiterzuführen. Aber unsere Strategie ist im Prinzip konsistent, seit wir 2001 die Jean Frey preisgegeben haben. Damals traten wir von den nationalen Ansprüchen zurück, positionierten uns als regionales Medienunternehmen und als Nummer eins in der Nordwestschweiz. Es ist uns gelungen, diesen Rang zu verteidigen. Nun müssen wir den Wirtschaftseinbruch bewältigen. Es ist eine Art reculer pour mieux sauter. Irgendwann geht auch diese Krise vorbei, und dann können wir wieder sorgfältige Schritte vorwärts machen.

WW:  Die BZM ist nun der einzige regionale Verlag ohne Radio und TV. Das widerspricht völlig den Strategien der anderen Verleger. Kann das aufgehen?

Matthias Hagemann:  Ich glaube, der Besitz von Radio und TV ist nicht matchentscheidend. Beim TV waren vor dem Gebührensplitting alle verlustreich und beim Radio ist die Branche nach den gesetzgeberischen Schritten im Bereich RTVG derart reglementiert, dass sie einiges an Attraktivität verloren hat. Radio macht an sich Sinn, aber in einer Region wie der Unseren nicht mit dem Radio Nummer 2. Die Vermarktung der Radios Basilisk, Regenbogen und Basel 1 machen wir im übrigen weiter, und da verdienen wir Geld. Allerdings sucht Herr Heeb mit Radio Basel 1 meines Wissens eine andere Vermarktungslösung.

WW:  Böse Zungen sagen, die BZM stosse Radio Basel 1 ab, um später dem BZM-Rechtskonsulenten Martin Wagner Radio Basilisk abzukaufen. Ist das Ihre Option?

Matthias Hagemann:  Wir sind jetzt daran, ein Radio zu verkaufen, also werden wir kaum investieren wollen. Und Herr Wagner hat meines Wissens nicht die Absicht, sein Radio zu verkaufen.

WW:  Dass die BZM mehrere Bereiche aufgab, betrachtet man in der Branche nicht nur als Sparmassnahme. Man hört auch zwei weitere Thesen. These 1: PubliGroupe stösst Verlagsbeteiligungen ab und will erklärtermassen auch den 37-Prozent-Anteil an der BZM los werden. Damit aber BZM-Mehrheitsaktionärin Familie Hagemann ihr Vorverkaufsrecht ausüben und den Aktienrückkauf tätigen kann, muss das Unternehmen redimensioniert werden.

Matthias Hagemann:  Das ist interessant und für mich neu. Ich kann dazu nur folgendes sagen: Wir sind zu diesem Thema tatsächlich mit der P im Gespräch. Das braucht Zeit. Und es sind die verschiedensten Varianten denkbar.

WW:  Ist ein Rückkauf durch Ihre Familie eine davon?

Matthias Hagemann:  Die Hauptsache ist, dass der Verkauf so abläuft, wie wir wollen. Das Vorkaufsrecht hilft uns dabei. Doch in der Familie müssen wir die weitere Strategie erst noch definieren. Ein Zukauf wäre eine Möglichkeit, sie steht aber in der jetzigen konjunkturellen Lage nicht im Vordergrund.

WW:  Sprechen Sie auch darüber, den P-Anteil an andere weiter zu geben.

Matthias Hagemann:  Ja.

WW:  Suchen Sie dafür eher einen Verlagspartner oder einen Investor?

Matthias Hagemann:  Es muss operativ Sinn machen, damit wir Synergien heben können. Investoren streben zudem unserer Erfahrung nach Mehrheiten an.

WW:  Heisst das umgekehrt, dass der 63 Prozent-Anteil Ihrer Familie nicht zur Diskussion steht?

Matthias Hagemann:  Ja. Solange wir die Überzeugung haben, das Unternehmen der nächsten Generation erhalten zu können, bleiben wir dabei.

WW:  Damit sind wir bei These 2: Die Braut BZM macht sich bereit für die Hochzeit – als potentielle Bräutigame stehen NZZ oder Tamedia im Vordergrund. Da beide weder ein weiteres Radio noch Überkapazitäten im Rollen-Offset brauchen können, hat die BZM diese Bereiche schon mal abgestossen.

Matthias Hagemann:  Alle unsere operativen Massnahmen, auch den Abbau im Druckbereich und den Verkauf von Basel 1, haben wir einzig mit Rücksicht auf unsere operative Situation getroffen. Es gibt keinerlei Hintergründe auf Aktionariatsebene. Das würde ja bedeuten, dass wir schon irgendeine Wahl getroffen hätte. Dies ist aber nicht der Fall.

WW:  Ist es abwegig anzunehmen, dass Sie mit Tamedia, mit der die BZM schon heute stark kooperiert, am intensivsten sprechen?

Matthias Hagemann:  Tamedia ist operativ unser «prefered partner», das ist so. Was aber nicht heisst, dass es auch aktionariatsmässig so kommen muss. Für uns sind primär der Wille der Aktionäre und sodann vor allem die Synergien entscheidend – und letztere kann nicht nur Tamedia bieten. Wir haben uns schon lange und nicht nur in der Schweiz umgeschaut, sondern auch weiter nördlich.

WW:  Richten Sie den Blick eher in Richtung Badische Zeitung oder Axel Springer?

Matthias Hagemann:  Sie können davon ausgehen, dass wir mit allen reden.

WW:  Wer alles spricht in Ihrer Familie mit?

Matthias Hagemann:  Wir sind in der dritten Generation vier Personen: Meine Cousinen Ruth Ludwig-Hagemann und Judith Schlosser, mein Cousin Lucius Hagemann und ich. Das ist der entscheidende Kreis. Hinzu kommen noch mein Vater sowie die Mutter meiner Cousinen und meines Cousins.

WW:  Wieviel Zeit haben Sie? Ich gehe davon aus, dass die P kaum interessiert ist, bei der BZM weitere Verluste mitzutragen. Hat sie Ihnen keine Frist gesetzt?

Matthias Hagemann:  Wir lassen uns von der P keine Frist setzen. Die Gespräche, die wir mit Herrn Rohner führen, sind konstruktiv.

WW:  Man hört aber, dass die P gegen die BZM prozessiert.

Matthias Hagemann:  Das wäre mir neu. Das Verhältnis hat sich entspannt. Die Anwälte sind derzeit nicht im Spiel.

WW:  Zu hören war auch, dass Sie der P ein grösseres Darlehen zurückbezahlt haben...

Matthias Hagemann:  Das stimmt, das war Ende 2008. Die P wünschte es so.

WW:  Es sollen rund 20 Millionen Franken gewesen sein?

Matthias Hagemann:  (lacht) Das stimmt nicht.

WW:  Wofür war das Darlehen – für Druck und Pensionskasse?

Matthias Hagemann:  Nein. Aber ich gehe nicht weiter darauf ein.

WW:  Ist diese Rückzahlung für den BZM-Verlust 2008/09 mitverantwortlich?

Matthias Hagemann:  Nein.

WW:  Wo steht die BZM in einem Jahr?

Matthias Hagemann:  Ich bin überzeugt, dass wir dann wieder in den schwarzen Zahlen sind, doch das wird ein harter Kampf, mit Blut, Schweiss und Tränen. Wir haben Einsparungen von 24 Millionen Franken ausgelöst, die wirklich einschneidend sind und nun im nächsten Geschäftsjahr wirken. Deshalb sollten wir auch bei weiterhin sinkenden Einnahmen wieder die Profitabilitätsschwelle erreichen. Doch wir werden uns noch weitere Schritte überlegen und stand alone das machen, was irgendwie geht. Und dann steht natürlich die Frage im Raum, ob wir bis dahin Synergien mit einem Partner finden, damit wir noch einmal deutliche Sparschritte tun können. Die nächsten Monate werden uns vielleicht mehr Klarheit bringen.

WW:  Stehen weitere Entlassungen an?

Matthias Hagemann:  Nicht in grösserem Umfang. Weitere massive personelle Einsparungen sind nur möglich bei einer Kooperation.

Blick zurück auf die BZM-Zahlen 2007/08
Zum eben abgeschlossenen Geschäftsjahr 2008/09 der BZM stehen noch keine Zahlen zur Verfügung. Im Vorjahr konnte das Unternehmen aber seinen Umsatz noch um 0,6 Prozent auf 281,6 Millionen Franken steigern. Das Stammhaus mit Basler Zeitung und Zeitungsdruck trug 127 Millionen Franken (-7,7 Prozent) bei, Birkhäuser GBC insgesamt 112,4 Millionen Franken (+3,1 Prozent) und der Baslerstab erwirtschaftete einen Umsatz von 20,6 Millionen Franken (-12,3 Prozent). (mk)

Interview

01.07.2009 | 18:40
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18.02.2010

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