Spielen mit den Nachrichten
Der amerikanische News-Game-Spezialist Eric Brown verbindet mit seinem Unternehmen IMPACT GAMES Nachrichten mit Interaktivität. Am Freitag referiert er am Gamehotel-Kongress in Zürich.
Werbewoche: Der Begriff «News Games» ist sehr weit gefasst. Was versteht man genau darunter?
Eric Brown: Tatsächlich werden heute unter dem Begriff «News Games» ganz verschiedene Arten von interaktiven Spielen zusammengefasst. Manche befassen sich anhand von aktuellen Geschehnissen mit sozialen Problemen, andere schlicht mit dem neuesten Klatsch und Tratsch. Auch die Ausgestaltung der Spiele ist sehr verschieden. Es gibt News Games, in denen sich der User durch eine 3D-Welt bewegt und viel simplere, die sich einfach gewisser Game-Elemente bedienen. Eines der ersten News Games war «September 12th», das sich kritisch mit dem «War on Terror» beschäftigte.
Werbewoche: Sie selbst haben mit «Peacemaker» Anfang 2007 ein sehr erfolgreiches News Game veröffentlicht. Worum geht es bei diesem Spiel?
Eric Brown: Wir haben mit unseren Produkten einen gewissen Bildungsansatz. «Peacemaker» dreht sich um den Nahost-Konflikt. Der Spieler hat das Geschick der ganzen Region in der Hand. Dabei sollen die eigenen Fähigkeiten, das Wissen und das Urteilsvermögen getestet werden.
Werbewoche: Was verfolgen sie damit für Ziele?
Eric Brown: Das Interesse unseres siebenköpfigen Teams bei Impact Games liegt schon länger in der Schnittmenge zwischen Interaktivität, Bildung und Unterhaltung. «Peacemaker» entstand eigentlich aus dem Ansatz heraus, ein Spiel um aktuelle weltpolitische Geschehnisse herum zu gestalten und zu zeigen, dass Videospiel-Technologie bei deren Verständnis sehr nützlich sein kann. Interaktive Spiele sind ein sehr gutes Medium zur Vermittlung komplexer Inhalte. Ich glaube, das haben wir mit dem Spiel bewiesen. Es hat sich in 60 verschiedenen Ländern über 100'000 Mal verkauft.
Werbewoche: Nun haben sie mit «Play The News» ein Tool entwickelt, mit dem es möglich sein soll, Newsmeldungen in kurzer Zeit in simple Spiele umzuwandeln.
Eric Brown: Richtig. Diese Idee hat sich auch aus «Peacemaker» entwickelt. Wir haben schon damals damit experimentiert, wie man aktuelle Meldungen aus der Nahost-Region sofort in das Spiel speisen und den Spielverlauf beeinflussen lassen kann. Wir haben uns also schon damals damit befasst, wie man ein Umfeld gestalten kann, um mit News-Inhalten zu spielen. Daraus ist die nächste Geschäftsidee entstanden.
Werbewoche: Was ist der Vorteil zu einer normalen Newsmeldung?
Eric Brown: Man kann dem Konsumenten auf sehr einfach Art Kontextwissen vermitteln. Welche Parteien sind an einem Konflikt beteiligt? Wofür stehen sie? Welche Nebeneffekte könnte das Handeln der einen oder anderen Partei haben? – Um das zu illustrieren, eignen sich Spiele hervorragend. Jeder kann selber wählen, wie viel Kontext er noch braucht. Man kann also selber die Informationsdosierung vornehmen.
Werbewoche: Wie lange dauert die Entwicklung eines solchen Games?
Eric Brown: Vom Technischen her ist das problemlos. Wenn alle Informationen und Bilder bereitliegen, hat man das Spiel in 15 Minuten zusammengebaut. Der eigentliche Aufwand ist inhaltlicher Art: Sich in die Materie einlesen, die Hauptakteure charakterisieren, Hintergrundinformationen sammeln, die möglichen Handlungen des Spielers festlegen. Derzeit arbeiten wir etwa einen Tag an einem News Game. Länger darf das auch nicht dauern. Die Nachricht, die man vermittelt, muss ja noch einen Newswert haben.
Werbewoche: Eine spannende Geschäftsidee, die sich leider geschäftlich noch nicht bewährt hat...
Eric Brown: Ja, leider. Aber das ist halt das Schicksal von Pionieren. Die Online-Welt wird zwar immer interaktiver und auch die grossen News-Plattformen bewegen sich ganz langsam immer mehr in diese Richtung, aber sie sind momentan nicht gewillt in neue Projekte zu investieren. Sie wissen derzeit nicht, wie sie mit ihren Angeboten genug Einnahmen generieren können. Ausserdem lässt sich bei den Spielen, die wir ursprünglich hauptsächlich entwickeln wollen, nicht so einfach Werbung einbauen. Bei einem Game, das die Scheidung von Madonna zu Thema hat, finden sich viele Inserenten aus dem Pop- und Lifestyle-Bereich. Solche Games haben auch schon eine Tradition. Seit Jahren gibt es zum Beispiel den Celebrity NASDAQ zur Bewertung von Berühmtheiten. Dort kann man mit Stars handeln, sie kaufen und verkaufen. Im Celebrity-Bereich könnten wir also Geld verdienen. Bei einem Game, das die aktuellen Zustände in Zimbabwe behandelt, ist das allerdings schon schwieriger. Wie gesagt, eines unserer Hauptanliegen ist es, Verständnis für die Zusammenhänge in der Weltpolitik zu vermitteln.
Werbewoche: Was bedeutet das genau für die Zukunft?
Eric Brown: Kleinere News-Anbieter werden den Weg weisen. Sie sind offener und agiler als die Grossen. In den USA bietet zum Beispiel eine sehr kleine Zeitung aus New York, die Gotham Gazette, sehr viel Newsgaming auf ihrer Seite an. Wir als Entwickler und Anbieter solcher Games sind wegen der mangelnden Nachfrage grosser Unternehmen derzeit gezwungen neue Ertragsmodelle zu suchen. Ursprünglich war ja geplant, dass wir unsere «Play The News»-Software den Zeitungen verkaufen, damit sie selber täglich News Games erstellen können. Mittlerweile sind wir aber dazu übergegangen, fertige Games zu entwickeln, sie auf unsere Website zu stellen und dann an allfällige Interessenten zu verkaufen. Der Aufbau eines eigenen Newsrooms war aber eigentlich nie unsere Absicht. Und eben: Ein wirklich funktionierendes Geschäftsmodell haben wir noch nicht gefunden.
Werbewoche: Haben sie als Anbieter eigentlich auch mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass solche Games die Nachrichten trivialisieren?
Eric Brown: Ja, Games werden sehr oft als Vereinfachend oder Trivialisierend betrachtet. Aber dann muss man sich doch genauso fragen, ob ein 30-sekündiger Newsbeitrag im Fernsehen oder auf einer Website, oder ein kurzer Artikel der Komplexität eines Problems gerecht wird. Diese Probleme sind doch immer vorhanden. Das «Game»-Gefäss hat in diesem Zusammenhang einfach noch ein schlechtes Image.
Werbewoche: Die Games, die sie über «Play The News» anbieten, sind keine Spiele im eigentlichen Sinn. Glauben sie, dass die Entwicklung zu noch aufwendigeren 3D-Welt-Spielen im Stil von Videogames geht?
Eric Brown:
Nein, eher weniger. Das hat einen einfachen Grund: Die Zeit, welche die User für das Lesen einer Newsmeldung aufwenden nimmt eher ab. Die Entwicklung geht also eher hin zu noch schnellerer Konsumation, denn zu längerer. Ein Beispiel dafür sind die RSS-Feed-Reader, die sich viele auf ihrem Computer installiert haben. Man will so schnell wie möglich, aber auch so knapp wie möglich informiert werden. Ich glaube deshalb, dass es nicht das Ziel von News-Games sein kann, den Spieler stundenlang zu fesseln. Wir versuchen das Spielerlebnis kurz und simpel zu machen. Wie gesagt, es geht um eine illustrierte Vermittlung von Kontextwissen, nicht um Jump-and-Run-Spielspass. 3D-Welten sind auch einfach nicht für alle Zwecke geeignet.
Interview: Adrian Schräder
Eric Brown referiert am Freitag, dem 24.10. am Gamehotel Kongress in Zürich.
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