«Prüft eure Partnerschaft und euer Privatleben. Teilt auf. Alles: Kinder, Haushalt, Beruf»

Petra Dreyfus führt die Agentur Wirz seit gut einem Jahr als Co-CEO, COO und Inhaberin. Sie ist die zweite Führungspersönlichkeit, die sagt, wie es um die Stellung der Frauen in der Schweizer Werbebranche steht.

Petra Dreyfus führt die Agentur Wirz seit gut einem Jahr als Co-CEO, COO und Mitinhaberin zusammen mit dem aktuellen «Werber des Jahres», Livio Dainese.

Werbewoche: Wieso gibt es nicht mehr Frauen in den Führungsetagen der Kommunikationsbranche?

Petra Dreyfus: Es gibt nicht nur in der Kommunikationsbranche zu wenig Frauen in den Führungsetagen – das ist leider ein weltweites und branchenübergreifendes Problem. Ein Hauptgrund dafür ist meiner Meinung nach, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch schwierig ist. Und dann gibt es natürlich noch immer den Glass-Ceiling-Effekt: Unternehmen, die auf Männer-Seilschaften aufbauen, Arbeitsstrukturen, die vor allem Männern zugute kommen, eine Managementkultur, die «männliche» Eigenschaften belohnt und so weiter.

 

Wie viele Frauen arbeiten in Ihrer Agentur und wie viele Männer?

Etwas mehr als die Hälfte unserer Mitarbeitenden sind Frauen.

 

Herrscht in Ihrer Agentur Lohngleichheit?

Natürlich, und das ist uns sehr wichtig. Entlöhnt wird die Leistung und nicht das Geschlecht.

 

Angenommen, Ihre Agentur führt eine Frauenquote ein. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Fan von Quoten, aber inzwischen denke ich manchmal, dass es vielleicht doch der richtige Weg ist – zumindest, um wirklich etwas ins Rollen zu bringen. Letztlich muss sich aber die gesellschaftliche Haltung ändern, Männer wie Frauen müssen umdenken.

 

Was müsste sich ändern, damit sich Familie und Karriere für Frauen besser unter einen Hut bringen liessen?              

Die Männer müssten sich daheim mehr verantwortlich fühlen. Müssten ebenfalls die Kinder in die Krippe bringen, putzen, aufräumen, einkaufen und kochen. Dann wäre die Arbeit rund um den Haushalt und die Kinder gerecht verteilt, und Männer wie Frauen hätten die gleiche Doppelbelastung. Sprich: Männer an den Herd!

 

Wären Sie ein Mann – wären Sie heute an einer anderen Position?

Nein, ich glaube, ich habe meinen Posten inne wegen meiner Fähigkeiten und Kompetenzen – und als Mann hätte ich ja dieselben. Oder doch nicht?

 

Was können Männer – bezogen auf Ihr berufliches Umfeld – besser?

Auf der Toilette miteinander reden vielleicht. Das machen wir Frauen nun doch eher weniger. Ich finde es schwierig, zu pauschalisieren. Aber tendenziell sind Männer vielleicht selbstsicherer und trauen sich darum mehr zu. Und sie lachen lauter über die Witze des Vorgesetzten, auch wenn die überhaupt nicht lustig sind.

 

Was können Frauen besser?

Auch hier – kann man das Geschlecht runterbrechen auf ein paar Eigenschaften? Vielleicht lernen wir schneller dazu, weil wir eher an uns zweifeln und überlegen, was noch besser oder anders gemacht werden könnte.

 

Wieso gibt es mehr Werber des Jahres als Werberinnen des Jahres?

Das widerspiegelt halt die Führungsriege, in der es deutlich mehr Männer als Frauen hat.

 

Welche Berufskollegin hat Sie in ihrer bisherigen Karriere am meisten beeindruckt?

Es sind Frauen, die mit Kindern immer noch voll im Berufsleben stehen wie Nadine Borter und Regula Bührer Fecker. Zwei starke, moderne und sehr erfolgreiche Frauen, die auch beruflich ihren eigenen Weg gehen. Die finde ich echt cool.

 

Haben Sie – bezogen auf Ihre berufliche Laufbahn – schon einmal negative Erfahrungen gemacht, die Sie als Mann nicht gemacht hätten?

Ich werde als berufstätige Mutter immer wieder – meist vorwurfsvoll – gefragt, wie ich denn Beruf und Kinder unter einen Hut bringe, ob mich meine Kinder überhaupt noch sehen – mit dem Grundton «die armen vernachlässigten Kinder». Und das werde ich von Männern gefragt, die meist ebenfalls arbeiten und Kinder haben. Das ist doch bizarr, oder nicht? Das Gemeinste daran: Es verursachte mir doch tatsächlich immer wieder ein schlechtes Gewissen.

 

Was raten Sie jungen Frauen, die in diese Branche einsteigen und mittel- bis langfristig Ihre Position erreichen wollen?

Geht den Weg, der sich für euch richtig anfühlt. Lasst euch nicht von anderen negativ beeinflussen oder verunsichern. Traut euch eine Karriere zu. Und vor allem: Prüft eure Partnerschaft und euer Privatleben. Teilt auf. Alles: Kinder, Haushalt, Beruf. Lasst es nicht einreissen, dass ihr einkauft, kocht und dem Typen auch noch die Hemden bügelt. Sonst endet ihr später mit einer Doppel- oder Dreifachbelastung und ihr bleibt auf der Strecke. Und der Mann kann sich schön auf den Beruf konzentrieren.

 

Empfehlen Sie jungen Frauen den Einstieg in Ihre Branche?

Natürlich. Unsere Branche ist extrem vielfältig und spannend.

 

Was halten Sie von der Gender-Diskussion in Ihrer Branche grundsätzlich?

Sie ist leider immer noch relevant. Erledigt hat sie sich erst dann, wenn wir Frauen diese Diskussion nicht mehr führen müssen, solche Fragen obsolet geworden sind und/oder Männer gefragt werden, wie sie den Beruf und die Familie vereinbaren und ob ihre armen Kinder sie überhaupt noch zu Gesicht bekommen.

 

Bisher erschienen:

Pam Hügli

Fr 01.06.2018 - 11:26

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