Kunstmäzen und Spekulant - Saatchi & Saatchi-Gründer Charles Saatchi wird 75

Der Werbefachmann Charles Saatchi entdeckte und förderte junge britische Talente wie Damien Hirst und Tracey Emin in den 90ern. Am Samstag feiert der vermutlich erfolgreichste Händler und Sammler von Gegenwartskunst seinen 75. Geburtstag.

Vor dreissig Jahren stellte der vorwitzige Kunststudent Damien Hirst die Ausstellung «» in den Londoner Docklands auf die Beine und lud dazu den Werbeguru und Kunstsammler Charles Saatchi ein. Dieser sah Werke von Sarah Lucas, Gary Hume und Hirst - und fing an zu kaufen.  

1992 stellte er seine Sammlung als «Young British Artists» aus, die der neuen Bewegung ihren Namen gab. Inzwischen sind ihre Werke Millionen wert, gemäss Berichten in britischen Medien soll Saatchis Vermögen mehr als 100 Millionen Euro betragen.  

Geboren wurde er 1943 in Bagdad in eine jüdisch-irakische Familie. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie nach London. Der junge Charles schwänzte gern die Schule und nahm danach den erstbesten Job als Laufjunge in einer Werbeagentur an. Als einer der Texter krank wurde, durfte er einspringen – und entwarf eine erfolgreiche Anzeige für eine Hühnerrasse.  

Mit 27 gründete er die Firma Saatchi & Saatchi mit seinem jüngeren Bruder Maurice. Während Punk die Strasse übernahm, verhalfen sie 1979 Margaret Thatcher mit einer Werbekampagne an die Macht und wurden Mitte der 80er zu seiner der erfolgreichsten Agenturen weltweit.  

 

Epochemachende Ausstellung «Sensation»

Saatchis erste Frau Doris steckte ihn mit ihrem Faible für amerikanischen Minimalismus und abstrakte Gegenwartskunst an. Mitte der 80er Jahren fing er an, Werke von Cindy Sherman, Sigmar Polke und Andy Warhol zu kaufen und auszustellen. London – bis dahin weit abgeschlagen hinter Köln und New York – wurde dadurch allmählich ein Zentrum für Gegenwartskunst.

Seine Unterstützung für die ehemaligen Goldsmiths-Studenten um Damian Hirst kulminierte 1997 in der berüchtigten Ausstellung «Sensation» der altehrwürdigen Royal Academy. Sie spaltete die Kunstwelt: Die einen verabscheuten die Werke der Konzeptkünstler wie Tracey Emin und Marc Quinn als substanzlos und warfen ihnen vor, mit Rebellion und Schockeffekten Geld zu machen: Marcus Harveys Porträt der Serienmörderin Myra Hindley bestürzte mit einem Mosaik aus kindlichen Handabdrücken.

 

Gefürchtet wie ein Despot  

Andere freuten sich über den frischen Wind in der Szene: «Künstler verdammten ihn, weil er ihre Arbeit in grossen Mengen kaufte und verkaufte, während sie beteten, dass er ihre Ausstellungen nicht ignorieren würde», urteilte der Kunstkritiker Brian Sewell damals. «Händler, Kuratoren und Sammler ergaben sich der einflussreichen Macht seines Mäzenatentums und folgten gehorsam.»

Saatchis impulsive und verkaufsfördernde Art zu sammeln veränderte den Kunsthandel an sich und trieb die Preise in die Höhe. «Zu Saatchis Zeit hat sich der Kunstverkauf in eine schmierige Terminbörse verwandelt», schrieb David Lee vom Kunstmagazin The Jackdaw, «in der Werke hauptsächlich für Investitionen, Gewinnmitnahmen und Selbstverherrlichung von erbärmlichen, ordinären Menschen gehandelt werden.»

Nicht nur der Markt veränderte sich, sondern auch das Selbstbewusstsein von Nachwuchskünstlern; denn Saatchis Aufmerksamkeit verhiess nicht nur Hype, sondern manchmal auch einen raschen Untergang. Der Filmemacher Ben Lewis beschrieb ihn im Guardian als «Strippenzieher zeitgenössischer Künstler. Mit seinem Scheckbuch baute er ihren Ruf auf und zerbrach ihn.»

 

«I am an artoholic»

In seinem Buch «My name is Charles Saatchi and I am an artoholic» verteidigte sich der notorisch öffentlichkeitsscheue Kunstmäzen gegen die Vorwürfe: «Ich kaufe keine Kunst, nur um Künstler glücklich zu machen, genauso wenig wie ich sie traurig machen möchte, wenn ich ihre Arbeiten verkaufe. Glauben Sie nicht, dass Sie ein bisschen melodramatisch sind?»

«Sensation» markierte den Höhepunkt seiner Sammelleidenschaft. Seither brachte er Gegenwartskunst aus China, den USA und dem Nahen Osten nach London. Doch er schaffte es nie wieder, einen weltweiten Boom zu kreieren.  

Im Sommer 2013 hefteten sich die Paparazzi an den provokativen, aber scheuen Pensionär: Die Fernsehköchin Nigella Lawson – seine dritte Frau – gestand, Kokain genommen zu haben, weil er ihr das Leben zu Hölle gemacht habe. Inzwischen ist Saatchi mit der früheren Fernsehmoderatorin Trinny Woodall zusammen. (Uli Hesse/DPA/SDA)  

So 03.06.2018 - 11:17

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