«Ein Übel der Zeit: Sich entscheiden, aber dann gleich weiterhüpfen»

Regula Bührer Fecker war bereits in jungen Jahren Werberin des Jahres, Verwaltungsrätin, wichtigste Persönlichkeit der Schweizer Wirtschaft. Mit ihrem Erstlingswerk #Frauenarbeit gibt die 39-Jährige jungen Frauen in 100 Tipps das Rüstzeug, um in der Werbebranche durchzustarten.

 

Werbewoche: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zu schreiben?

Regula Bührer Fecker: Ich konnte im Alter von 20 bis 30 extrem viel lernen, bin aber auch oft an meine Grenzen gestossen. Ich hätte es hilfreich gefunden, wenn ich ein Buch mit echten Learnings einer Frau hätte lesen können, die in einer ähnlichen Situation wie ich war. Da ich nun selbst viel erreicht und erlebt habe, möchte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse an junge Frauen weitergeben.

 

Was waren das für Situationen, in denen Sie an Ihre Grenzen kamen oder das Gefühl hatten zu scheitern?

Extrem viele. Zwischen 20 und 30 ist man doch viel unsicherer als man tut. Und niemand sagt einem, wie man die eigene Karriere konkret anpackt. Der Rat lautet meistens: «Such dir einen anständigen Job und mach dort einfach gute Arbeit.» Aber was das konkret heisst und was wirklich funktioniert, das sagt einem doch niemand. Ich fände es cool, wenn mehr Frauen ihre Learnings aus dieser Zeit ehrlich teilen.

 

Was sind Ihre wichtigsten Learnings, die Sie jungen Frauen mit Ihrem Buch mitgeben möchten?

Mein wichtigstes Learning ist, dass es sich extrem lohnt, zu beschleunigen. Wenn man in der Zeit zwischen 20 und 30 viel gibt, zahlt sich das irgendwann aus. Nicht gerade unmittelbar, aber es kommt hundertprozentig zurück. Wichtig ist, Geduld und Vertrauen darein zu entwickeln, dass alles aufgehen wird. Das mutige Beschleunigen der eigenen Karriere bringt viel. Und damit das klappt, kann man einiges investieren.

 

 

Zum Beispiel?

Es gibt so viele ältere Schweizer Werbekoryphäen, die nicht mehr arbeiten und Zeit haben. Man sollte den Mut entwickeln, diese Persönlichkeiten zu kontaktieren und mit ihnen das Gespräch suchen. Ein paar werden nicht zurückschreiben, ein paar aber werden sich Zeit für ein Mittagessen nehmen – sie wollen ja auch nicht den Anschluss zu den jungen Leuten verlieren. So kommt man viel eher an Insights als man es sich je erhofft hätte.

 

Es gibt so viele ältere Schweizer Werbekoryphäen, die nicht mehr arbeiten und Zeit haben.

 

Viele junge Menschen wünschen sich humane Arbeitszeiten und Zeit für ihr Privatleben. Wie kann das zusammenpassen in der Werbebranche, die für viel Arbeit und Überstunden bekannt ist?

Meine Meinung ist, wenn man einen Erfolgsanspruch hat, wenn man etwas erreichen will, dann muss man am Anfang viel investieren. Viele erwarten zwar, dass sie ein bisschen etwas geben können und meinen, irgendwann kommt extrem viel zurück. Die Gleichung funktioniert leider einfach nicht.

 

Was ist Ihr Rat an junge Mütter, die sich zerrissen fühlen zwischen dem Wunsch zu Hause die Kinder zu versorgen und im Job Erfolg zu haben?

Auch wenn ich heute selbst Mutter bin – mein Buch ist nicht für Mütter geschrieben: Es richtet sich an Frauen, die noch keine Kinder haben. Denn das ist genau mein Punkt: Man sollte die Karriere angehen, bevor man Kinder hat. Ich merke ja selbst, dass ich um sechs Uhr zum Abendessen zu Hause sein möchte. Meine Kinder sind meine die Prio Nummer eins. Wenn ich jetzt noch mal die Karriere hinlegen müsste, die ich damals hingelegt habe, wäre das unmöglich. Ausserdem hat man zwischen 20 und 30 viel mehr Energie. Die Nachtschichten von damals stecke ich heute nicht mehr so gut weg.

 

Man sollte die Karriere angehen, bevor man Kinder hat.

 

Das bedeutet, dass Frauen in deinen Augen die eventuelle Kinderplanung auf nach 30 verschieben sollten, um erst einmal die Karriere anzukurbeln?

Darum geht es mir nicht und da möchte ich mich auch gar nicht einmischen. Es gibt ja auch einige Frauen, die gar keine Kinder wollen. Ich finde einfach, es macht viel mehr Sinn, in jüngeren Jahren in die Karriere zu investieren, weil man es besser verkraftet und weil es nachher schwieriger wird. Ausserdem wird man viel eher bemerkt, wenn man jung richtig gut ist. Man hat den Wunderkind-Bonus: «Wow, die hat schon sowas erreicht und ist erst 28», heisst es dann. Den Bonus hat man irgendwann nicht mehr.

 

 

 

Sie sagten im Interview mit SI Style, Ihr wichtigster Tipp an Frauen ist, schnelle Entscheidungen zu treffen. Was raten Sie den Frauen, die noch nicht genau wissen, wohin? Die gerne etwas erreichen möchten, aber sich noch damit schwer tun, sich festzulegen?

Ich habe das Gefühl, dass man sehr genau spürt, was man wirklich will – so zahlreich die Optionen auch sein mögen. Man merkt einfach, welcher Weg einem liegt. Viele gestehen sich das selbst vielleicht nicht ein. Vielleicht herrscht auch viel Ablenkung, Verwirrung und Verlockung. Dabei hilft es extrem, wenn man zusammen mit einer Person, auf deren Meinung man vertrauen kann, alle Karten auf den Tisch legt und zusammen einen Weg herauskristallisiert. Wenn man sich dann entschieden hat, sollte man an diesem Weg festhalten. Das ist allerdings, finde ich, ein Übel unserer Zeit: Dass man sich entscheidet, aber dann gleich weiterhüpft. Stattdessen sollte man die Gelassenheit entwickeln, etwas auszusitzen und auch mal vier, fünf Jahre an einem Ort zu bleiben.

 

Was müsste Ihrer Meinung nach auf Seiten der Politik oder auch auf Seiten der Unternehmen noch etwas passieren, damit Frauen in der Schweiz noch besser Karriere machen können?

Das ist keine Frage von politischen Rahmenbedingungen. Mehr Frauen denn je sind besser ausgebildet denn je. An den Gymis macht man sich heute Sorgen, dass die Jungs zu kurz kommen. Was aber helfen würde, ist wenn Unternehmen signalisieren, dass sie an junge Leute glauben und längerfristig in sie investieren. Sprich einer Praktikantin auch mal eine Festanstellung anbieten, wenn sie sich wirklich bemüht für ein paar hundert Franken im Monat. In der Hinsicht stehlen sich viele Unternehmen aus der Verantwortung. Das gegenseitige Commitment fehlt zunehmend, finde ich.

 

Sie haben neben Ihrem Buch auch die Stiftung Frauenarbeit.ch zusammen mit einer Freundin Judith Weber Günter ins Leben gerufen: Wie wollen Sie Frauen konkret unterstützen?

Wir fanden, ein Buch schreiben ist eine Sache. Aber auf Worte Taten folgen lassen, ist noch mal etwas anderes. Das wollen wir mit der Stiftung erreichen. Als allererstes steht ein Coaching-Programm in Zusammenarbeit mit 20 Minuten Friday an. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem zehn erfolgreiche junge Frauen ein Jahr lang von zehn Mentorinnen gratis gecoacht werden. Bewerbungen können bis zum 31.10.2017 unter frauenarbeit.ch abgegeben werden. Wir sind gespannt.

 

Interview: Ann-Kathrin Kübler

Mi 27.09.2017 - 15:50

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