Schuss vor den Bug? Eher ein Volltreffer

Die Gegner befürchten eine «Berlusconisierung», eine «mediale Wüste». Die Befürworter wollen das «UdSSR- Regime» der SRG zerschlagen. So deftig wie bei der No-Billag- Initiative waren Abstimmungspolemiken kaum je. Was steckt dahinter? Kolumne von Jérôme Martinu, Chefredaktor der Luzerner Zeitung.

Da poppt eine Push-Meldung auf dem Handydisplay auf: «Touristen steigen in den ersten Zug: Verfolgen Sie den Live-Stream vom Bahnhof Zermatt.» Ist eine der Schweizer Top-Feriendestinationen eingeschneit, weckt das natürlich in erhöhtem Mass das mediale Interesse. Da lassen sich im Alpenland Schweiz Neuigkeiten im Minutentakt verbreiten. Der Preis für einen Helikopter-Shuttleflug raus aus der «Gefangenschaft» etwa oder eben – live! – das Einsteigen in den Zug, wenn die gesunkene Lawinengefahr eine Freigabe von Strassen und Schienen ins und aus dem Walliser Bergdorf wieder zulässt. Klar, besagte Push-Meldung von 20Minuten hat im Netz sogleich allerlei hämische Kommentare provoziert. Richtig, dass die öffentliche Relevanz der Meldung infrage gestellt wurde. «Journalismus, quo vadis?» Ein in China wieder einmal umgefallener Sack Reis hat es in die Schlagzeilen geschafft.

Gemessen an der aktuellen Lautstärke in der Abstimmungsdebatte ist es nicht erstaunlich, dass in den Kommentaren zu dieser No-News-Meldung auch ein direkter Bezug zur No-Billag-Initiative hergestellt wurde. Der Push sei «auch das treffendste Argument» gegen No Billag, warf jemand ein. Erstaunt bin ich aber dennoch. Über die Deftigkeit der Polemiken. Die per Initiative geforderte Abschaffung der staatlichen Radio- und Fernsehgebühren offenbart eine Streitlust, wie sie noch selten auszumachen war – und zwar nicht nur in den digitalen Wutbürgerkanälen.

 

«Beträchtliches Ausmass an Aggression»

Aufschlussreich ist ein Blick in die Leserbriefspalten der Zeitungen. Eine Initiativ-Gegnerin: «Eine ausgewogene Berichterstattung, die verschiedene Aspekte beleuchtet, ist so kaum mehr möglich. Radio Berlusconi in Italien lässt grüssen!» Ein anderer meint, No Billag sei mehr als ein Kleinkrieg gegen die SRG: «Drei Viertel der Einkünfte eines Unternehmens auf einen Schlag zu streichen (…), zeigt ein beträchtliches Ausmass an Aggression.»

Aber auch die Befürworter argumentieren mit gelöster Handbremse. Etwa bei der Bewertung des SRF-Programms: «Wenn das alles obendrein nicht so prächtig-kleinkariert-dogmatisch-erzieherisch und verbiestert rot gefärbt daherkäme, wäre es vielleicht noch auszuhalten. (...) Ja, schafft den Volksindoktrinationssender endlich ab.» Oder zur SRG insgesamt: «Dieser Molochbetrieb erinnert zu stark an die frühere UdSSR, wo auch alles vom Staat implementiert und überwacht wurde.»

 

Zu gross, zu unbeweglich, zu selbstgefällig

Was ist der Grund für diese Verbissenheit? Ich beobachte, dass sich ein beträchtliches Mass an Frust gegenüber der SRG mit ihren TV- und Radiostationen angestaut hat. Nicht nur zu Unrecht wird die aufgrund der Gebührenpflicht quasi-staatliche SRG kritisiert: zu gross, zu unbeweglich, zu selbstgefällig und mit zu vielen Nice-to-have-Formaten gespickt. Eine Reform, eine Gesundschrumpfung, eine ergebnisoffene Debatte über den Service public tut Not. Kein Wunder, dass sich derart viel Frust und Ärger nun entlädt. Denn der Bundesrat mit Medienministerin Doris Leuthard und die SRG-Führung sind dieser notwendigen Debatte über Jahre ausgewichen. Gerade auch wegen dieser Haltung droht nun die Zerschlagung der SRG. Fatalerweise ein realistisches Szenario, wie die aktuellen Umfragen zeigen. Viel zu viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wollen der SRG nun «mal einen Schuss vor dem Bug setzen», obwohl sie die Initiative – völlig zu Recht – für zu radikal und grundsätzlich eigentlich für ablehnenswert halten.

Was mich als Mitarbeiter eines nicht-staatlichen Medienunternehmens so richtig ärgert, ist die scheinbar gottgegebene Selbstverständlichkeit, mit der Gegnerinnen und Gegner in allen Ausprägungen predigen, dass ein Ja zur Initiative das Ende des unabhängigen und überhaupt das Ende des Journalismus an sich bedeute. Ein erstes Müsterchen, notabene von einem Medienschaffenden: «Die SRG-Journalisten sind unabhängig und können auch hinschauen, wo andere wegen politischer Interessen der Teppichetage nicht dürfen oder wollen.»

Auch in der Politik wird massiv überzeichnet, wie jüngst an der Delegiertenversammlung der FDP Schweiz festzustellen war: Bei einer Annahme der No-Billag-Initiative, so warnten eindringlich Vertreter der Westschweiz, des Tessins und Graubündens, drohe eine «mediale Wüste». Die SRG als Oase des Journalismus? Unsinn. Ob private Verlage oder mit staatlich erhobenen Gebühren finanzierte SRG: Die Grenzen der Unabhängigkeit definieren wir Journalistinnen und Journalisten, beziehungsweise die Redaktionen noch immer selber. Gefragt sind nach wie vor: der Wille, unbequem zu sein gegenüber Autoritäten. Und der Mut, mit einem Thema oder einer Meinung auch mal quer zu liegen in der Landschaft.

 

Jérôme Martinu leitet seit Mai 2016 die Luzerner Zeitung als Chefredaktor. Der 43-jährige Historiker war zuvor seit 2012 stv. Chefredaktor und Leiter der regionalen Ressorts. Er arbeitet seit über 15 Jahren im LZ-Medienhaus in Luzern.

Die Luzerner Zeitung und ihre Regionalausgaben in Zug, Nid-, Obwalden und Uri werden aktuell von rund 287'000 Menschen gelesen. Die Zeitung gehört zur NZZ-Mediengruppe und arbeitet im überregionalen Teil institutionalisiert mit ihrer ebenfalls zur NZZ gehörenden Partnerzeitung St. Galler Tagblatt zusammen.

 

Diese Kolumne wurde zuerst in der Werbewoche 2/2018 publiziert.

Mo 29.01.2018 - 12:06

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