Mehr Authentizität, weniger Agentur

Herzlichen Dank, liebe Frau Heinrich, dass ich diesen Artikel schreiben darf. Schreiben ist okay und macht dann und wann noch immer Spass, aber eigentlich würde ich lieber filmen, anstatt diesen Text zu verfassen. Das wäre verständlicher und würde wahrscheinlich auch eher angeschaut. Meine Frage an Sie, werte Leserin und werter Leser: Filmen Sie schon selbstständig? Und wieso nicht? Denn, es geht! Und, es ist keine grosse Hexerei, ziemlich einfach sogar.

Vor wenigen Wochen habe ich die trimediale SRF-Produktion «Ready, Steady, Golf!» (Online, TV und Radio) geleitet. Zwei Teams golfen sich quer durch die Schweiz, vom Genfersee zum Bodensee – das erste mit Smartphones produzierte Format auf SRF.

Als ich die Grundidee dazu im Januar 2015 im Leutschenbach einreichte, hatte der Ansatz zu einer Handy-Produktion schon bestanden, im Hinblick auf eine technisch einfache Umsetzung, mit einer schlanken Crew. Sonderlich revolutionär war das nicht, einzelne News-Reporter realisierten «Tagesschau»-Beiträge schon damals mit dem Smartphone. Und doch waren in den vergangenen zwei Jahren etliche Tests notwendig, um technische Hürden nehmen und traditionelle Skeptiker überzeugen zu können. Der Anreiz, neue Fronten aufzutun und eine unkonventionelle Umsetzung mit «Ready, Steady, Golf!» anzugehen, traf auf einige offene, innovative Geister beim SRF. Und auf den Puls der Zeit. Der Mut scheint sich gelohnt zu haben. Schlank war die Produktion nicht, technisch einfach auch nicht, doch konnten die Kamera-Crews sofort eine gesunde Nähe zu den Protagonisten schaffen, die ein natürliches Abbilden der Geschehnisse ermöglichte, weil eben die Hürde von massiver Technik fehlte, ersetzt durch einen «Hauch von Nichts» – das iPhone mit externem Mikrofon auf flexiblem Stativ.

 

Erfolgreichster SRF-Live-Stream

Abgesehen vom Vorteil beim Verschieben zu Fuss über Felder und durch Dörfer, hat diese Leichtigkeit des Produzierens entscheidend dazu beigetragen, dass die sechs Golferinnen und Golfer sich wohlfühlten und sich frei ihrem Abenteuer widmen konnten.

Sehr wohl mit ein Grund für den Erfolg beim Publikum: Der Live-Stream tagsüber schlug alle bisherigen Rekorde von SRF deutlich. Am ersten von fünf Tagen schauten mehr als 500 000 Personen rein. Der vergleichbare Wert bei der erfolgreichsten Staffel von «Jeder Rappen zählt» liegt bei 38 000. Die durchschnittliche Verweildauer stieg kontinuierlich von 5 auf 29 Minuten an Tag 3.

 

Also: Filmen Sie schon selbstständig?

Mit meiner Frage meine ich nicht die lustigen Szenen spätabends an der Hochzeit des Jugendfreundes, auch nicht die romantischen Momente mit der Liebsten am Strand von Mauritius. Klar, auch private Highlights sind es wert, festgehalten zu werden.

Ich spreche lieber vom freien Grafiker-Job im Kreativ-Team, vom ersten Schnee im Wintersportort oder von der Gebrauchsanweisung zum Entkalken der Kaffeemaschine. Produzieren Sie für diese Art von Business-Content Video-Clips? Oder sind Sie noch beim Stelleninserat, beim Newsletter-Artikel oder bei der schriftlichen Wegleitung mit unzähligen Ziffern?

 

Falsch, vergessen, ändern. Oder mindestens ergänzen mit Bewegtbild-Inhalt. Ohne Video geht heute nichts mehr, das wurde schon oft gesagt. Und trotzdem tut man sich mit der Umsetzung schwerer als nötig. Auch im beruflichen Umfeld sind Videos zu tragenden Komponenten geworden, egal, ob in der externen Kommunikation, im HR-Bereich oder bei der internen Schulung. Der Grund dafür ist simpel: Der Mensch liebt Bilder, und noch mehr liebt er bewegte Bilder. Das wäre auch zu Neandertalers Zeiten schon so gewesen. Hätten die Höhlen unserer Vorfahren Screens gehabt, mit coolem Video-Content, die Damen und Herren in Fell hätten sich nicht ums Feuer, sondern vor dem Bildschirm versammelt. Unser Gehirn ist so konzipiert, dass wir auf Video abfahren.

Lesen tut gut. Doch das moderne Publikum schaut lieber ein Video, anstatt einen Text zu einem bestimmten Thema zu lesen, ob ein How-to-Clip auf YouTube oder Krimi-
Serien auf Netflix. Das ist die Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Kanäle und Plattformen bestehen, die technischen Voraussetzungen sind gegeben, die Nutzerzahlen sprechen eine klare Sprache.

 

Warum ist Bewegtbild so erfolgreich?

Unsere Wahrnehmung basiert neben Sprache und Hören vor allem auf Bildern, einerseits auf «äusseren» Bildern, mit den Augen gesehene Motive, und auf «inneren» Bildern, die von unserem Gehirn erzeugten Sujets. Die gegenseitige Wechselwirkung der beiden Bildwelten prägt unser Dasein, unsere Existenz, in erster Linie aber unsere Empfindungen und Gefühlszustände. Der Faktor Emotionalität ist zentral für die Wirkung von Bewegtbild. Dabei spielt die Wiedergabe der Realität eine wichtige Rolle. Bewegtbild ist authentisch, manchmal wird dies nur vorgegaukelt und gerne auch so angenommen. Denn Bewegtbild lebt auch vom Nimbus der Glaubwürdigkeit. Im Gegensatz zu Fotos. Photoshop ist allgemein bekannt, die Option der Bildbearbeitung trägt nicht zum Vertrauen in Fotos bei. Die landläufige Meinung bei Film und Video hingegen ist noch immer so, dass die Realität abgebildet und das Bildmaterial nicht bearbeitet wird. Eigentlich richtig, aber Sorry für den Traumkiller: Alles ist möglich, auch beim Bewegtbild, nur ist der Aufwand viel grösser.

Neben der Wahrnehmung, den Emotionen und dem Interesse für Authentizität spielen auch unsere Sinne eine wichtige Rolle für den Erfolg von Bewegtbild, vor allem Sehsinn und, nicht zu unterschätzen, der Hörsinn. Oft geht der Ton vergessen, wenn wir von Bewegtbild sprechen.

Zurück zu den drei Beispielen: Wie präsentiert der Chef-Grafiker die offene Stelle im Team? Wie tönen Fussabdrücke im frischen Schnee? Welche Empfindung löst der Sound von Kaffeebohnen-Rösten aus? Ob das Ambiente am Arbeitsplatz, die Temperatur draussen oder der Geruch von Nahrungsmitteln – Video regt in der Kombination von Bild und Ton die Sinne an wie kein anderes Medium. Darin liegt das grosse Potenzial.

 

Persönliches statt Perfektion

Und mittlerweile ist das Produzieren von Bewegtbild so einfach wie noch nie zuvor und zugänglich für jeden. Dank unserem verlängerten Körper, unserem neuen Organ: dem Smartphone. Das sollten Sie, ja das müssen Sie nutzen und einsetzen.

Natürlich, TV ist out, online ist angesagt, und logisch, das Publikum schaut dann, wenn es will, und nicht zu fixen Programmzeiten. Was sich zudem verändert hat, und dieser Eindruck ist für mich durch «Ready, Steady, Golf!» bestätigt worden: Die Menschen haben genug von durchgestyltem und technisch einwandfreiem Content. Das gilt generell für kommunikative Inhalte, erst recht für Bewegtbild. Weniger Agentur-Gebrösel, mehr Authentizität, das ist das Mass aller Dinge, nicht nur vor der Kamera, eben auch dahinter, bei den Machern. Die eigene Note darf und soll spürbar sein, ehrlich und direkt. Mehr Persönliches statt Perfektion, mehr Probieren statt Konzipieren. Das wird goutiert.

 

Mit Herz und Verve

Deshalb mein Appell an Sie: Senken Sie Ihre Qualitätsansprüche, steigern Sie dafür Ihr eigenes Engagement und verstecken Sie sich nicht mehr hinter der Arbeit von Profis, die zu viel Distanz zur Story haben und trotzdem fette Rechnungen schreiben. Frisch und frech, mit Herz und Verve Ihr Smartphone zücken, raus aus der Komfortzone und rein in die magische Welt des selber produzierten Bewegtbildes. Gehen Sie ans Werk – give it a try. Jeder kann heute mit diesem vielseitigen Tool Bewegtbild produzieren. Tun Sie es, weil es geht, und: Es macht Spass!

 

Der Autor: Stefan Klameth...

. . . produziert mit Klamedia seit 18 Jahren TV- sowie Corporate-Formate und berät Unternehmen in Bewegtbild-Strategien. Mit seiner zweiten Firma Smovie Film veranstalten er und sein Team Handyfilm-Workshops für Firmen und realisieren Video-Content, gefilmt und geschnitten mit dem Smartphone.

 

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Dieser Artikel erschien zuerst im Werbewoche Branchenreport 12 vom 20. Oktober 2017.

Di 14.11.2017 - 14:56

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