Die NZZ schluckt das NBT

Regionalpresse Mehr als blosse Kooperation: Das Neue Bülacher Tagblatt (NBT) wird vom Unterländer (NZZ) übernommen.

Regionalpresse Mehr als blosse Kooperation: Das Neue Bülacher Tagblatt (NBT) wird vom Unterländer (NZZ) übernommen.
«Zwischen den beiden bisherigen Konkurrenten Neues Bülacher Tagblatt und Zürcher Unterländer kommt es zu einem Schulterschluss.» Mit diesen Worten begann eine Mitteilung, die die Druckerei Graf in Bülach und die Zürcher Unterland Medien (ZUM) in Dielsdorf am 26. Juli verbreiteten. Darin wurde der «Schulterschluss» als enge redaktionelle und technische Zusammenarbeit umschrieben, die ab November in einem Kopfblattsystem unter ZUM-Leitung gipfeln werde. Betont wurde ferner, dass das Neue Bülacher Tagblatt (NBT) als Titel bestehen bleibe und dessen Inhaber, die Brüder Karl-Heinz und Dieter Graf, im Verwaltungsrat verbleiben würden. Begründet wurde die Kooperation mit wirtschaftlichen Überlegungen. Die bevorstehende Tamedia-Regionalstrategie dürfte ein weiterer Grund für die Annäherung sein.Jedenfalls lässt eine derart verfasste Mitteilung Raum für Spekulationen. So stellte der Tages-Anzeiger punkto NBT fest: «Die Lokalzeitung verliert ihre Unabhängigkeit.» Und auch die NZZ mutmasste: «Weitere künftige Integrationsschritte erscheinen wahrscheinlich.»
Mittlerweile ist klar: Beides ist richtig. Denn schon heute ist viel mehr besiegelt als kommuniziert. So lässt etwa PubliPresse-Generaldirektor Otto Meier im Gespräch durchblicken, dass es sich beim Schulterschluss um eine «Übernahme» des NBT durch die ZUM handelt. Meier wird es wissen, denn die PubliGroupe hält bekanntlich bei der ZUM 60 Prozent des Aktienkapitals. Für genauere Angaben verweist Meier allerdings auf ZUM-Geschäftsführer Erland Herkenrath – doch dieser will keine Übernahme bestätigen. Ebenso wenig Karl-Heinz Graf. «Darüber wollen wir keine Auskunft geben», sagt er. «Wir haben dazu Stillschweigen vereinbart», sagt auch Herkenrath. Womit nichts dementiert ist. Es ist deshalb zumindest von einer Mehrheitsbeteiligung der ZUM an der Druckerei Graf auszugehen – und damit von einer Integration dieser Beteiligung in die Freie Presse Holding der NZZ, die bei der ZUM 40 Prozent hält. Darauf deutet auch hin, dass beim NBT-Verwaltungsrat Veränderungen anstehen. Gemäss Karl-Heinz Graf tritt sein Vater Heini Graf, einer der früheren Besitzer des Verlages, aus dem dreiköpfigen VR zurück, und es sei durchaus möglich, dass das Gremium erweitert werde.

Pointierte Kommentare bleiben

Weiter steht fest, dass das NBT ab dem 1. November das Layout des Zürcher Unterländers (ZU) übernehmen wird, das seit einem Jahr bereits identisch ist mit jenem der Zürisee-Zeitung und des Zürcher Oberländers. Mehr noch: Die Züriland-Zeitungen schaffen ohnehin ab dem 3. Oktober eine gemeinsame Redaktion für die Ressorts Kanton Zürich, Ausland, Inland sowie später auch für den Sport – den Mantel wird auch das NBT übernehmen. Die Konsequenz: Das NBT unterscheidet sich künftig vom Konkurrenten ZU und den übrigen Züriland-Zeitungen nur noch im Zeitungskopf, auf der Frontseite sowie im Lokalteil. Doch Graf wendet ein: «Die bisherige Redaktion bleibt weiterhin für das NBT verantwortlich, die von der Leserschaft geschätzten NBT-Eigenheiten und pointierten Kommentare werden also nicht fehlen.»
Dennoch darf man gespannt sein, wie diese äusserliche und im Mantelteil auch inhaltliche Angleichung an den ZU bei den rund 5000 NBT-Abonnenten ankommen wird. Denn die beiden Zeitungen unterschieden sich bisher vor allem politisch: Zwischen dem NBT, das klar rechts-bürgerlich ausgerichtet ist, und dem eher liberalen ZU klafft ein Graben. Möglich also, dass das NBT früher oder später ganz im ZU aufgehen wird, falls die NBT-Leser abspringen. Auf eine solche Diskussion mag sich Erland Herkenrath allerdings nicht einlassen. «Ich weiss nicht, wie die Situation in fünf Jahren aussehen wird. Vorläufig fahren wir jedenfalls das Konzept mit zwei getrennten Titeln, denn wenn sich die Leserschaften stark unterscheiden, wäre es falsch, die Blätter zusammenzulegen», sagt er.
Die Integration in das gesamte Züriland-Zeitungs-System hat weiter zur Folge, dass das NBT nicht mehr bei der NZZ, sondern auf den Druckerpressen in Oetwil hergestellt wird, im gemeinsamen Druckzentrum der Züriland-Zeitungen. Ferner wird das NBT Teil des Züriland-Inseratekombis, wodurch es seine Eigenregie verliert.

Reichweite erhöht

Kaum mehr Sinn macht jedoch die wöchentliche NBT-Grossauflage (33000 Exemplare), sie wird wohl Ende Jahr eingestellt. Gemäss Herkenrath wird jedoch der ZU die bestehende Grossauflage etwas erweitern und auch Gemeinden abdecken, die bisher ausschliesslich vom NBT bedient wurden.
Die Kooperation ermöglicht aber nicht nur Synergien und Kostenreduktionen, sie beschert dem neuen Kopfblatt auch eine höhere Reichweite – beispielsweise in der Stadt Bülach: Sowohl NBT als auch ZU hatten dort wegen ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtungen je etwa 2500 Abonnenten – Doppelabos sind rar. Nun können sie dort zusammen die doppelte Streudichte anbieten, angesichts der Regionalstrategie von Tamedia ein unbestreitbarer Vorteil.
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Aus ZU-Sicht konnte mit der NBT-Übernahme eine ebenfalls denkbare Annäherung zwischen Landbote und NBT verhindert werden – und damit ein Eindringen des Landboten in das Hoheitsgebiet des ZU.
Markus Knöpfli

Ein Partner im Limmattal fehlt

Um das ganze Gebiet
rund um die Stadt Zürich abdecken zu können, fehlt dem Züriland-Kombi ein vierter Partner im Limmattal. Anbieten würde sich das zur Mittelland Zeitung (MZ) gehörende Limmattaler Tagblatt (LT), mit dem schon eine lose redaktionelle Kooperation besteht. Doch Beat Lauber, bei der NZZ-Gruppe zuständig für Regionalzeitungen, winkt ab: Derzeit würden keine Gespräche geführt, die ein Anbinden des LT ans Züriland-Kleeblatt zum Ziel hätten. «Doch falls beim LT dieser Wunsch auftaucht, würden wir uns nicht verschliessen», fügt er hinzu. Allerdings gebe es keinen Anlass, solange der Tages-Anzeiger im Limmattal auf einen Regionalsplit verzichte und die MZ ihren Job so gut mache wie bis anhin. (mk)

Mo 18.08.2008 - 12:19

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