«Wir bieten Mädchen zu wenige, zu perfekte und zu sexualisierte Vorbilder an»

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) fragte 1.211 Kinder zwischen drei und 13 Jahren nach ihren Lieblingsfiguren im Fernsehen. Bei den Vorschulkindern liegt erstmals die Figur Kikaninchen aus der KiKA-Vorschulstrecke ganz vorne. Bei den älteren Mädchen finden sich dann wieder die bekannten Klischees von stereotyp schönen Mädchen- und Frauenfiguren wie Jessie und Mia (Mia and me) und bei den Jungen lustige Loser wie SpongeBob, Bart und Homer Simpson.

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) ließ n = 1.211 repräsentativ ausgewählte Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren (615 Jungen und 596 Mädchen) zu ihren Lieblingsfiguren im Fernsehen befragen.

 

Lieblingsfigur der Vorschulkinder: Kikaninchen

Bei der bundesweiten Befragung von n = 369 Vorschulkindern (186 Jungen, 183 Mädchen) zwischen drei und fünf Jahren liegen 2017 erstmalig vier öffentlich-rechtliche Figuren auf den ersten vier Plätzen: Kikaninchen, Die Maus (Die Sendung mit der Maus) Feuerwehrmann Sam und das Sandmännchen.

Die interessante Tendenz: Die beiden Erstplatzierten sind geschlechterneutrale Figuren, die nicht eindeutig als weiblich oder männlich zu erkennen sind und so bei Mädchen und Jungen gleichermaßen gut ankommen. Die Figur Kikaninchen wurde in ihrer Entwicklung gezielt so angelegt und mehrfach auf die Geschlechterneutralität hin getestet. Damit leistet die Figur einen wichtigen Beitrag zu einer Entstereotypisierung von Geschlechterbildern im Kinderfernsehen. Leider bleibt diese Entwicklung auf das Programm für Vorschulkinder begrenzt.

 

Mädchen: weibliche Figuren, die schön und erfolgreich sind

Bei den 6- bis 13-jährigen Mädchen liegt 2017 die Disney Sitcom-Figur Jessie aus der gleichnamigen Serie ganz vorn, gefolgt von Mia (Mia and me), Bibi Blocksberg (vermutlich vor allem aufgrund des Kinofilms, Alice (Alice im Wunderland) und Heidi Klum. Sie sind Vorbilder, in denen die Mädchen ihre eigenen Erlebnisse und ihre Emotionalität widergespiegelt sehen, mit denen sie sich nachweislich identifizieren, die sie gerne sein wollen und an deren Verhalten sie sich orientieren.

Die Topnennungen sind alles Mädchen bzw. Frauen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie schlank, stereotyp schön und erfolgreich sind. Sie sind alle in einer Position, in der sie für andere in Verantwortung stehen und sich um andere, ihr Wohlergehen (Jessie, Mia), die Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen (Bibi Blocksberg) oder ihre Fortbildung (Heidi Klum) kümmern. Sie verkörpern damit das aktuelle Idealbild von Mädchen und Frauen, die in allen Bereichen perfekt sind ‒ und das bei Körpermaßen, die für kein Mädchen realistisch erreichbar sind.

 

Jungen: Lustige Loser spiegeln die emotionale Realität wider

Bei den sechs- bis 13-jährigen Jungen liegt 2017 wieder einmal SpongeBob Schwammkopf ganz vorne, gefolgt von Bart Simpson. In den letzten vier Jahren wechselten sich die beiden Figuren bei den ersten beiden Plätzen jeweils ab. Es folgen Homer Simpson und Sheldon Cooper (The Big Bang Theory). Alle vier Figuren sind keine Superhelden, sondern zeigen, dass man auch mit Schwächen etwas wert ist. Dabei eifern Jungen nicht etwa dem Verhalten oder den Problemlösestrategien dieser „lustigen Loser“ nach. Jungen bleiben zu diesen Figuren distanziert und können sich genüsslich anschauen, welche Fehler diese machen. Gleichzeitig finden Jungen ihre emotionale Realität in Figuren wie Bart Simpson wieder und sechs von zehn Jungen stimmen der Aussage zu: „Bart erlebt dieselben Dinge, wie ich sie erlebe.“ Hierin spiegeln sich vermutlich die sozialen Abwertungen und Anforderungen, z. B. in der Schule, wider. Die Simpsons geben dann das gute Gefühl: Man kommt auch gut durch, wenn man sich nicht allen Anforderungen stellt und sich einfach mal durchmogelt.

 

Wie Kinderfernsehen Mädchen und Jungen ungleich bedient

Die Auswahl der TV-Lieblingsfiguren 2017 zeigt deutlich: Bei Schulkindern wählen Mädchen und Jungen gleichgeschlechtliche Lieblingsfiguren aus. Dabei steht ihnen jedoch ein deutlich unterschiedliches Angebot zur Verfügung. Zum einen in der Anzahl, denn eine aktuelle Studie der Universität Rostock (deren Ergebnisse auf der kommenden IZI-Jahrestagung in München vorgestellt werden) zeigt: Im Kinderfernsehen kommen Jungen- und Männerfiguren dreimal so häufig vor wie Mädchen- bzw. Frauenfiguren. Die Hälfte der Mädchenfiguren hat dabei einen Körper, der so schlank ist, dass er auf natürlichem Wege nicht erreichbar wäre. Zum anderen sind die Figuren aber auch grundsätzlich unterschiedlich angelegt. Jungen haben neben Superhelden und männlichen Figuren, die jede Hürde überwinden, auch lustige Loser zur Verfügung, die zeigen: Du bist etwas wert, auch wenn du nicht immer der Beste bist. Für Mädchen bietet das Fernsehen vor allem perfekte Idealfiguren an, die stets an sich arbeiten, um sich zu optimieren. Das kann ein guter Ansporn sein, vermittelt aber gleichzeitig: Nur wenn du so perfekt aussiehst, diese Figur hast und so leistungsstark wie sie bist, bist du etwas wert. Doch das Streben nach solch vermeintlicher Perfektion muss zwangsläufig zu Frustration und Unzufriedenheit mit sich selbst führen.

«Wir bieten Mädchen zu wenige, zu perfekte und zu sexualisierte Vorbilder an. Hier braucht es dringend mehr Sensibilität, neue Ideen und den Mut, andere Mädchen und Frauen im Fernsehen zu erzählen», sagt Maya Götz.

 

Bild: Screenshot Kika.de

Mo 13.11.2017 - 14:09

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