«Wir wurden ungerechtfertigterweise dafür kritisiert, Handydaten auszuwerten»

Valora-Verwaltungsratspräsident Franz Julen macht sich im Interview mit der Sonntagszeitung für das Datensammeln stark. Es brauche gleichlange Spiesse und ein Umdenken in der Bevölkerung, findet er.

Die öffentliche Empörung war gross, als die damalige Schweiz am Sonntag (heute Schweiz am Wochenende) Ende 2016 über ein Pilotprojekt von Valora berichtete, mit dem am Zürcher HB über Handydaten die Laufwege der Kundschaft analysiert werden sollten. Sensoren in den Valora-Geschäften K-Kiosk, Press & Books, Brezelkönig und Caffè Spettacolo sollten anonymisiert die Signale erfassen und speichern, welche Smartphones zum Erkennen von WLAN-Netzen aussenden. «So sehen wir, ob der Kunde nach dem Kaffeekauf im Spettacolo auch noch einen Brezelkönig besucht und wie treu er uns ist», sagte damals Valoras Digital Innovation Manager Cyril Dorsaz zur Schweiz am Sonntag.

Die Pläne kamen nicht gut an. Nicht nur Datenschützer kritisierten das (unfreiwillige) Tracken von Kunden, auch die Leser der bekannten Onlineportale lehnten die Datensammlerei in Umfragen und Kommentarspalten in aller Deutlichkeit ab.

Bereits im Mai mahnte Valora-CEO Michael Mueller gegenüber der Handelszeitung, gesetzliche Restriktionen gegenüber der Kundendatenauswertung hätten für Schweizer Unternehmen einschneidende Nachteile zur Folge (Werbewoche.ch berichtete): «Wenn wir jede Auswertung per Gesetz abwürgen, wird die Branche noch mehr unter Druck geraten, gerade durch Anbieter aus dem Ausland», so Mueller

In der aktuellen Ausgabe der Sonntagszeitung doppelt der neue VR-Präsident Franz Julen, ehemaliger CEO von Intersport, nach: «Der Onlinehandel sammelt ohne Ende Daten über seine Kunden. Für uns ist es genauso wichtig, unsere Kunden zu kennen, aber das wird uns erschwert», so Julen. «Wir wurden ungerechtfertigterweise dafür kritisiert, Handydaten von Kunden anonym auszuwerten, um Kundenströme zu erfassen. Wir brauchen gleich lange Spiesse wie der Onlinehandel.»

Er sei sich bewusst, dass Datenschutz ein sensibles Thema sei und dass die Datenauswertung und – erhebung Grenzen brauche. Sobald es um personenbezogene Daten gehe, müsse der Kunde die Kontrolle behalten. «Aber es braucht ein Umdenken – auch bei der Bevölkerung. Der stationäre Handel muss mehr über seine Kunden erfahren dürfen, damit er passende Angebote machen kann», findet Franz Julen.

Da der Onlinehandel in Zukunft noch stärker in den stationären Handel vordringen werde, sei es wichtig, dass dieser die Chancen der Digitalisierung nutze – und dabei von der Politik «Rückendeckung» erhalte. (hae)

 

Fotos: Valora

So 03.09.2017 - 12:27
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