Jung von Matt ist zurück an der Spitze des Kreativrankings

Drei Jahre nach dem letzten Sieg ist Jung von Matt/Limmat wieder da, wo sich die Agentur gerne sieht: Ganz oben. Im Jahr der grossen Publicis-Abwesenheit hält das Ranking zudem einige Überraschungen bereit.

Hoch die Tassen: Jung von Matt grüsst wieder von der Spitze des Kreativrankings (Foto: Anne-Friederike Heinrich, Werbewoche, 2017).

«Nicht auszudenken, wo wir nächstes Jahr stehen werden», sagte der damals neue Jung-von-Matt-Kreativchef Dennis Lück vor einem Jahr. Und fügte an: «Wo wir stehen wollen, das ist ganz klar.»

Welchen Rang Lück mit seinem neuen Arbeitgeber anvisierte, ist offensichtlich. Und er ist Tatsache geworden: Jung von Matt/Limmat steht nach 2014 erneut an der Spitze des Kreativrankings. Lück, der zwar zugibt, «hier und da mal den Rechenschieber zur Hand genommen» zu haben, will aber von einer allzu konkreten Ranking-Gewinn-Planung nichts wissen: «Gehofft – das haben wir. Damit gerechnet – nur in kühnen Vorstellungen.»

 

Kreativranking 2017 Top 10
Rang 2017 Rang 2016 Agentur Punkte
1 2 Jung von Matt/Limmat 303
2 1 FCB Zürich 224
3 3 Ruf Lanz 216
4 - iart 146
5 8 Freundliche Grüsse 142
6 5 Wirz 106
7 6 Havas 104
8 - Y&R Group Switzerland 93
9 - Serviceplan Suisse 47
10 - Notch Interactive 46
Werbewoche 2018

 

Entsprechend gross ist die Freude an der Zürcher Wolfbachstrasse. «Genau in diesem Jahr ganz oben zu stehen, ist für uns tatsächlich eine besondere Leistung», sagt Lück. «Unsere Schwerpunkte lagen 2017 auf dem Aufbau einer Projektorganisation, auf der Verbesserung der Prozesse und Strukturen für unsere Kunden, auf der Entwicklung neuer Geschäftsfelder und, und, und. Dass wir dann auch noch neben all diesen aufwendigen Aufgaben den Spitzenplatz erreicht haben, ist ein Beleg für die kreative Kraft unserer Leute.»

 

Die Platzierungen (Y-Achse) der diesjährigen Top-5-Agenturen in den letzten fünf Jahren.

 

 

Nur Lemmy ist Kult

Dennis Lück steht als Person oft im Zentrum – sogar ausserhalb der Werbebranche. In seiner Wahlheimat Wohlen hält er Reden, der Wohler Anzeiger widmet ihm doppelseitige Interviews, «Glanz&Gloria» besucht den amtierenden «Werber des Jahres» zuhause und porträtiert ihn und seine Familie. Gefällt ihm der Kult um seine Person? Lück behält kühlen Kopf: «Man gerät leicht in Versuchung, das geniessen zu wollen. Fakt ist aber: Es ist schlichtweg falsch und nicht gerechtfertigt. Kommunikation ist ein Mannschaftssport. Das Team ist der Kult. Der mutige Kunde ist der Kult. Die tollen externen Helferlein sind der Kult.» Und der bekennende Fan harter und lauter Stromgitarren fügt an: «Ganz abgesehen davon, darf es nur eine Person geben, die man mit Kult bezeichnen darf. Und das ist Lemmy von Motörhead.»

Entsprechend bescheiden und nüchtern schätzt Lück auch seinen Einfluss als CCO auf die Erfolge der Agentur ein: «Ich bin eine Person in einem grossen dunkelgrünen Team. Da zählen nicht Hierarchie oder Titel, da zählt der Wille, am Erfolg zu arbeiten. Ich bin also exakt einer von etwa 100, der zu den Erfolgen beigetragen hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.»

 

Mit der «SoundBook App», die Jung von Matt für den NordSüd Verlag kreierte, lassen sich Kinderbücher vertonen. Die App spielt beim Vorlesen dank Spracherkennung an den richtigen Stellen die passenden Geräusche ein und gehörte zu den Abräumern der Award-Saison.

 

 

Die grossen Abwesenden

Die Voraussetzungen, die Spitze zurückzuerobern, waren 2017 gut. Die Award-Pause der weltweiten Publicis-Gruppe führte zur Absenz von Publicis, Leo Burnett und Saatchi & Saatchi – drei Agenturen, die in der Vergangenheit immer wieder Spitzenplätze im Ranking belegten. Ob dieses Jahr gegen Jung von Matt ein Kraut gewachsen gewesen wäre, ist – auch im Hinblick auf die erzielten Punkte der vergangenen zwei Jahre – zumindest fraglich. «Gegen uns muss man schon ganz starke Kräuter verwenden», lacht Lück. Und betont, dass er die Absenz keineswegs begrüsste: «Ich freue mich jedenfalls, wenn sie wieder voll mit am Start sind. Konkurrenz erhöht den eigenen Ehrgeiz.»

 



Der diesjährige Sieger Jung von Matt/Limmat im Zehnjahresvergleich.

 

 

FCB Zürich doppelt nach

Der letztjährige Sieger, FCB Zürich, lässt im Folgejahr keine Katerstimmung aufkommen und positioniert sich auf dem zweiten und somit erneut einem Spitzenrang. Die beiden unter der Leitung des damaligen ECDs Dennis Lück entstandenen Abräumer-Kampagnen «Bandenbingo» für den HC Davos und «Search Racism. Find Truth.» für Flüchtlinge Willkommen haben der Agentur nochmals wertvolle Punkte bei verschiedenen nationalen und internationalen Awards eingebracht – darunter bei Wettbewerben D&AD, One Show, ADC Schweiz und ADC Europe.

Die beiden Kampagnen haben den Award-Zyklus nun durchlaufen und abgeschlossen – die Ausbeute ist beeindruckend. Ob FCB Zürich in naher Zukunft an diese Erfolge anknüpfen und im Ranking erneut ganz vorne mitmischen kann, steht in den Sternen. «Prognosen überlasse ich den Wetterfröschen», sagt CEO Cornelia Harder dazu. «Was im nächsten Jahr geschehen wird, werden wir sehen. Es gibt viele kreative Köpfe in der Schweiz, und wie man beim diesjährigen Ranking feststellen kann, auch immer wieder neue Player, die die ‹üblichen Verdächtigen› in den Schatten stellen können.»

 

Ruf Lanz lässt nichts anbrennen

Zu den «üblichen Verdächtigen» gehört definitiv auch Ruf Lanz. Eine Top 10 ohne die kleine, inhabergeführte Agentur mit lediglich zwölf Mitarbeitenden scheint undenkbar. Nicht nur gefühlt, sondern mit Zahlen untermauert: Seit der Gründung 2001 (und der anschliessenden Wertung 2002) belegt die Zürcher Agentur ohne Unterbruch einen Top-10-Platz, mit einer Ausnahme sogar immer in den Top 5. Daran ändert sich auch im 16. Jahr nichts – Platz drei.

 

Die Agentur hält sich hartnäckig in den Top 4: Ruf Lanz ist stets vorne mit dabei. Hier eine Übersicht über die letzten zehn Jahre. 2014 gönnte man sich eine ADC-Auszeit – für die Top 10 reichte es dennoch.

 

Das Geheimnis hinter dieser Konstanz? Mitinhaber Markus Ruf erläutert: «Es gibt kein Geheimnis, aber eine Überzeugung: Kein Mensch hat auf die Botschaften der Kunden gewartet. Es braucht eine Idee, die sie so überraschend verpackt, dass das übersättigte Publikum sie überhaupt hören möchte. Dafür arbeiten wir hart. Die Awards sind eine schöne nachträgliche Bestätigung dafür.» Man freue sich, so Ruf, besonders darüber, dass man auch 2017 nicht nur für eine oder zwei Arbeiten ausgezeichnet worden sei, sondern für viele, teilweise langjährige Kunden.

 

Höchstauszeichnungen und eine Premiere

Diversität kann iart diesbezüglich nicht bieten. Dafür mit dem Lichtfries am Kunstmuseum Basel ein Projekt, das die Jurys der höchstdotierten Kreativwettbewerbe derart überzeugte, dass daraus unter anderem Gold bei den Awards Cannes Lions und One Show resultierte. Und für eine Premiere ist das Basler Unternehmen auch gleich besorgt: Erstmals seit Bestehen des Rankings hat sich eine Nicht-Agentur in die Bestenliste eingereiht. Die Awards und die Platzierung, über die man «hocherfreut» sei, bezeichnet CEO Valentin Spiess als «angenehmen Nebeneffekt»: «Die Preise helfen uns bei der Bekanntheit. Hauptsächlich ist unser Team aber motiviert über die Projekte selbst, die uns immer wieder vor gestalterische oder technische Herausforderungen stellen. Die irritierten Seitenblicke aus der Agenturwelt nehmen wir gerne in Kauf. Wir beobachten, dass sich die Unternehmenskommunikation neuen Formen zuwendet.» Mit dem breitem Kompetenzprofil sei man dafür hervorragend aufgestellt, ist Spiess überzeugt.

 

Durch das Zusammenspiel von Tageslicht, Schatten und unsichtbaren, weissen LEDs lässt der Lichtfries an der Fassade des Neubaus des Kunstmuseums Basel die Fassade zur raffinierten Projektionsfläche werden. Das Projekt brachte iart prestigeträchtige Awards und Platz 4 im Kreativranking ein.

 

Mit dem Lichtfries, den iart zusammen mit dem Architekturbüro Christ & Gantenbein entwickelt hat, gewann man im vergangenen Jahr zahlreiche Awards – auch ausserhalb der Werbewirtschaft. «Viele Auszeichnungen kamen aus dem Design- und Lichtbereich und sind daher gar nicht in dieses Ranking eingeflossen», sagt Spiess. Was wann bei welchen Wettbewerben eingereicht wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab. «Unsere Projekte sind sehr unterschiedlich: von Arbeiten im Bereich Museen und Medien im Raum bis hin zu Medienarchitektur beim Lichtfries», so Spiess. Hinzu komme, dass manche in ein paar Monaten fertiggestellt würden, während man an anderen über Jahre hinweg arbeite. «Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, was bei den Jurys gut ankommt.»

Ein Blick in die Trophäensammlung zeigt: iart ist, was Kreativawards betrifft, weder ein Neuling noch ein «One Hit Wonder». So hat das Basler Unternehmen in der Vergangenheit unter anderem bereits den Cannes Lions Innovation Grand Prix, verschiedene ADC-Awards oder D&AD-Pencils gewonnen. Gut möglich also, dass der Name nicht zum letzten Mal im Kreativranking aufgetaucht ist. Entsprechend ambitioniert zeigt man sich am Rheinknie. Das Ziel fürs kommende Ranking? «Unseren Spitzenplatz als Nicht-Agentur unter den Agenturen verteidigen», sagt CEO Spiess. Man darf gespannt sein.

 

Freundliche Grüsse aus der Spitzengruppe

Noch ein Name fällt in den Top 5 auf: Freundliche Grüsse. Die Agentur ist im vergangenen Jahr erstmals in den Top 10 des Rankings aufgetaucht und belegte zur Premiere den achten Platz. Mit einer deutlichen Punktesteigerung dank Awards bei Wettbewerben wie Cannes Lions, D&AD, ADC Europe oder ADC Schweiz gelingt dieses Jahr der Sprung unter die ersten fünf.

 

Ein Schweizer Rohstoffhändler verkauft giftigen Treibstoff nach Afrika. Freundliche Grüsse und Public Eye sendeten sie ihm per Schiffscontainer zurück. Die «Dirty Diesel»-Kampagne wurde nicht nur mit zahlreichen Awards ausgezeichnet, sondern provozierte auch ein gesellschaftliches und politisches Umdenken.

 

Fast scheint es, als beginne die erst 2014 gegründete Agentur, ihr Newcomer-Image abzustreifen und sich im Feld der etablierten Namen festzusetzen. «Ja, wir haben uns gewissermassen festgekrallt», sagt Samuel Textor, Creative Director und Mitgründer von Freundliche Grüsse. «Wir werden auch weiterhin voll auf Kreativität setzen. Damit wir unseren Newcomer-Elan in den Kreis der Etablierten mitnehmen können».

Thomas Häusermann

 

Das detaillierte Kreativranking sowie die weiterführende Berichterstattung mit weiteren Stimmen finden Sie in der aktuellen Werbewoche 1/2018 vom 12. Januar 2018.

Do 11.01.2018 - 13:06

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