«Wir können nur mit vereinten Kräften mithalten»

Präsident Tom Schneider über den Verein Media Commons, mit dem Medienhäuser mittlerer Grösse die Herausforderungen des digitalen Strukturwandels in Angriff nehmen.

Tom Schneider, Somedia Publishing (Foto: zVg)

Der nicht gewinnorientierte Verein Media Commons wurde vor knapp eineinhalb Jahren von den Initianten der Newsportal-Plattform NP8, auf der unter anderem auch die Seite Werbewoche.ch seit dem Relaunch basiert, gegründet. Zu den Mitgliedern zählen heute nebst den Medienhäusern Somedia (zu dem auch die Werbewoche gehört) und Gassmann auch Zürich Oberland Medien, SWS Medien, Meier + Cie und Netzmedien.

 

Werbewoche: Tom Schneider, was macht der Media Commons Verein?

Tom Schneider: Der Media Commons Verein ist ein Zusammenschluss von Medienhäusern mittlerer Grösse. Unser Kernthema ist die Digitalisierung. Wir befassen uns mit den Herausforderungen des digitalen Strukturwandels in der Mediennutzung. Ein wichtiges Projekt dabei die Weiterentwicklung von NP8, unserem gemeinsamen Content Management System für Medien-Webseiten.

 

Content Management-Systeme gibt es bereits viele. Was ist das besondere an NP8?

NP8 ist ein offenes System, das auf der stabilen Drupal 8-Technologie basiert. Das Besondere an NP8 sind die zusätzlich von uns entwickelten Funktionen, welche auf die aktuellen Anforderungen eines schweizerischen Medienhauses zugeschnitten sind. Dazu gehören eine Paywall mit Anbindung an landesübliche Payment-Systeme oder die Integration des Nachrichtenfeeds der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA).

 

Hinter den meisten Content Management Systemen stehen grosse Softwareunternehmen. Macht es wirklich Sinn, diese Software in einem Verein zu entwickeln?

Ja, davon bin ich überzeugt. Wobei ich ergänzen muss, dass wir keine Software-Entwickler beschäftigen. Der Media Commons Verein definiert die Funktionalitäten, die das Content Management System künftig haben muss. Unsere Vereinsvertreter kommen alle aus einem Medienhaus und stehen in einem engen Austausch mit den Redaktionen. So wird sichergestellt, dass die Inputs aus der Praxis auf kürzestem Weg im technischen System umgesetzt werden.

Ein weiterer gewichtiger Vorteil des Vereins ist das «Poolen» der finanziellen Ressourcen. Jedes Mitglied zahlt pro Jahr einen fixen Beitrag in unseren Entwicklungsfonds ein. Dadurch steht ein namhafter Betrag zur Verfügung, mit dem wir unsere Webseiten gemeinsam weiterentwickeln können. Und zwar so, wie das sonst nur die grossen Medienhäuser tun. Ich bin überzeugt, dass wir nur mit vereinten Kräften mit dem rasanten technischen Wandel mithalten können.

 

Wer entscheidet, wie die finanziellen Mittel eingesetzt werden?

Jedes Vereinsmitglied kann seine Wünsche für technische Weiterentwicklungen auf einer gemeinsamen Plattform eingeben. Diese Wunschliste wird regelmässig von einem Lenkungsausschuss diskutiert und bewertet. Im Ausschuss sind alle Medienhäuser mit einer Fachperson vertreten. Das Gremium hat die Aufgabe, aus der meist langen Wunschliste pro Jahr zwei Entwicklungspakete zu schnüren, die dann an externe Entwicklungsfirmen zur Umsetzung übergeben werden. Sofern ein Medienhaus über die nötigen Kompetenzen und Ressourcen verfügt, können Aufträge auch innerhalb des Vereins vergeben werden.

 

Und wie überwacht der Verein die Umsetzung der Entwicklungspakete?

Das Thema «Projektleitung» ist für uns sehr wichtig – alle Vereinsmitglieder und auch unser Verein selbst haben damit ihre einschlägigen Erfahrungen gemacht. Nach längeren Diskussionen haben wir uns für ein Rotationsprinzip entschieden. Jedes Vereinsmitglied übernimmt abwechslungsweise die Projektleitung für ein Entwicklungspaket und wird dafür finanziell entschädigt. Damit können wir einerseits eine professionelle Projektabwicklung sicherstellen und andererseits die administrativen Kosten tief halten. Es soll möglichst viel Geld für die eigentliche technische Weiterentwicklung übrigbleiben.

 

Mit welchen Themen beschäftigt sich der Media Commons Verein aktuell?

Ein wichtiges Thema für uns sind die Arbeitsabläufe auf den Redaktionen. Diese sind nämlich gerade dabei, sich grundlegend zu verändern. Grund dafür ist das Verhalten der Medienkonsumenten. Sie sind sich gewohnt, dass News zuerst auf den elektronischen Kanälen erscheinen und dort mit allerlei multimedialem Content wie Bildstrecken und Videos angereichert sind. Bei den Lesern gilt immer mehr: Online vor Print. Leider sind die technischen Systeme in vielen Medienhäusern heute oft noch so ausgerichtet, dass die Inhalte zuerst im Print-System produziert und danach – mehr oder weniger komfortabel – ins Online-System exportiert werden können. Das wollen wir ändern: Das Content Management System mit alle seinen multimedialen Möglichkeiten soll zum primären Arbeitssystem der Redaktionen werden. Damit soll auch technisch gelten, was auf dem Lesermarkt schon lange gilt: online first.

Ein weiters grosses Thema ist auch bei uns das Tracking des Nutzerverhaltens. Anders als bei den grossen Medienhäusern stehen unseren Mitgliedern aber weder mächtige CRM-Systeme noch riesige Serverfarmen für hoch komplexe Realtime-Analysen zur Verfügung. Ausserdem haben unsere regionalen Medien oft viel tiefere Nutzerzahlen und damit eine viel schmalere Datenbasis. Hier will der Verein seine Mitglieder mit bezahlbaren, smarten Lösungen in kleinen Schritten an die Thematik heranführen.

 

Welche Wachstumsstrategie verfolgt der Verein?

Wir verfolgen die Strategie eines bescheidenen, organischen Wachstums. Wichtiger als eine grosse Mitgliederzahl scheint mir die Tatsache, dass die Strukturen und Strategien der im Verein organisierten Medienhäuser zueinander passen. Wir wollen uns digital rasch weiter entwickeln und unsere Mitglieder müssen sowohl über die nötigen finanziellen Mittel als auch über den Willen verfügen, in den digitalen Wandel ihrer Unternehmen zu investieren. Mittelgrosse Medienhäuser die sich dieser Herausforderung aktiv stellen möchten, sind im Media Commons Verein herzlich willkommen.

 

Interview: Andreas Stutz, Dimedio

 

 

Mo 24.04.2017 - 13:06

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